Unterwegs
Zwischenmitteilung
Und so zieh ich denn meiner Wege, bergauf, bergab, über Ebenen, die kein Ende nehmen wollen und durch Städte, die keine Städte mehr sind, urban zerfurchte Landschaften bestenfalls. Heute hier, morgen dort, immer in Bewegung. Was ist das Leben schließlich anderes als eine fortwährende Reise, eine Wanderschaft durch Zeit und Raum. Das wussten die Menschen lange bevor Romantiker vom Schlage eines Franz Schubert oder Caspar David Friedrich das Wandern als eines ihrer zentralen Motive entdeckten.
Um was klagst du?
Kafka für Anfänger
Um was klagst du, verlassene Seele? Warum flatterst du um das Haus des Lebens? Warum siehst du nicht in die Ferne, die dir gehört, statt hier zu kämpfen um das, was dir fremd ist? Lieber die lebendige Taube auf dem Dach, als den halbtoten, krampfhaft sich wehrenden Sperling in der Hand.
Petersburger Nächte – Eine Antwort an Turgenjew
Afanassij Fet
Poet! Du fragst, warum wir beide immer noch / Trotz allem unsere Heimat lieben? / Weshalb wohl droht, wenn wir von ihr getrennt, / Das Herz uns bis zum letzten Tropfen auszubluten / Vor Sehnsucht nach ihrer Schönheit ohne End'?
Am leeren Grab ein Engel
Nach Markus 16.1-8
Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome Spezereien, um hinzugehen und ihn zu salben. In aller Frühe am ersten Tag der Woche kamen sie zum Grabe, da eben die Sonne aufging. Sie fragten sich, ob da wohl einer sein wird, der ihnen den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzt; er war nämlich sehr gross. Als sie aber hinkamen, sahen sie, dass der Stein bereits weggewälzt worden war. Und als sie in das Grab schauten ...
Das letzte Wort Jesu am Kreuz
Aus den Evangelien gezogen
Die katholische Kirche zählt sieben Worte zu den letzten, die Jesus am Kreuz sprach, unmittelbar bevor er sein Leben aushauchte. Genau betrachtet sind es allerdings nur drei, die zudem von Evangelium zu Evangelium alternieren. Das erste lautet: »Eloi, Eloi, lema sabachthami», das heißt: »mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«. So steht es bei Matthäus (27.46/Ps 22.2). Dem schließt sich Markus (15.34) an, und zwar buchstäblich, wie es scheint. Bei Lukas hingegen lauten sie im Rekurs auf eine andere Stelle aus den Psalmen: »Vater in deine Hände befehle ich meinen Geist.« (23.46/Ps 31.6) Johannes schließlich geht noch einen Schritt weiter und gibt die letzten Worte Jesu knapp und bündig so wieder: »Es ist vollbracht.« (19.30) – Vergessen wurde und wird darüber zumeist, dass das letzte, was Jesus auf Golgatha von sich gab, ein furchterregend lauter Schrei war. (Vgl. Matth. 27.50 u. Mark. 15.37)
Eine Apologie der Nase
Nikolai Gogol zu Ehren
Es soll ja Leute geben, die der Meinung sind, die Nase sei das überflüssigste Organ auf Erden, auf dieses knollenartige Gebilde, das der liebe Gott uns da in seiner unendlichen Weisheit und Güte ins Gesicht gepflanzt hat, könne man als Bürger und Mensch gut und gern verzichten. Um Luft zu schnappen bräuchte man partout keine Nase, dazu hätten wir schließlich einen Mund, und was die Sondierung in der Luft hin und her schwirrender Düfte angeht, nun ja, auch darauf könnten sie gut und gern verzichten, der eine oder andere Wohlgeruch, der einem in die Nüstern steige, wiege bei weitem den Gestank nicht auf, mit dem man dank der Nase alle Nase lang belästigt werde. – O sancta simplicitas!
Ich war bei den Toten zu Gast
Franz Kafka
Ich war bei den Toten zu Gast. Es war eine große reinliche Gruft, einige Särge standen schon dort, es war aber noch viel Platz, zwei Särge waren offen, es sah in ihnen aus wie in zerwühlten Betten, die eben verlassen worden sind. Ein Schreibtisch stand ein wenig abseits, so daß ich ihn nicht gleich bemerkte, ein Mann mit mächtigem Körper saß hinter ihm. In der rechten Hand hielt er eine Feder, es war, als habe er geschrieben und gerade jetzt aufgehört, die linke Hand spielte an der Weste mit einer glänzenden Uhrkette und der Kopf war tief zu ihr hinabgeneigt. Eine Bedienerin kehrte aus, doch war nichts auszukehren.
Schwarzgrün schimmerndes Winkelkanu
Datum, was für ein Datum noch gleich
Was machst du gerade? Ich? Was soll ich machen, nichts mache ich, was sonst. Ich habe die Hände in den Schoß gelegt, schaue in die Ferne und wünsche dem lieben Gott, so er mir über den Weg läuft, einen schönen Tag.
Kurz vor der Wahl in Russland
Eine Eilmeldung
Eben ist uns von unserem Korrespondenten aus Moskau das leider nur unvollständige und an einigen Stellen verstümmelte Protokoll einer Wahlkampfrede zugespielt worden. Von wem die Rede stammt, wo sie gehalten wurde und an wen genau sie sich richtete, haben wir bis jetzt nicht ermitteln können. Der Kontakt mit Moskau ist unmittelbar nach dem Eingang des Protokolls zusammengebrochen und hat sich seitdem nicht wieder herstellen lassen. Ungeachtet dessen – ohne weiteren Kommentar – die Depesche. D.S.
Amy Winehouse
Andenken
Live fast, die young! Lange bevor Amy Winehouse das Zeitliche segnete, war sie bereits auf ihrer eigenen Beerdigung zu sehen: »Back to Black«. Ein Film nur, ein Videoclip, ein Zeichen aber auch – eine Herausforderung des Todes. Born bad. Das Muster ist stets dasselbe, ein Klischee fast –, und fällt doch immer wieder anders aus. Einer oder wie im Falle Winehouse eine wird zur Schlachtbank geführt und kann sich nicht wehren, nur singen, wenn sie denn singen kann, sublim und intensiv, während hinter den Kulissen bereits die Messer gewetzt werden. Ihr Schicksal: zur Göttin aufzusteigen, »unsterblich« zu werden: eine Epiphanie des Zeitgeistes, ebenso glamourös wie flatterhaft. – Um dem würdig zu sein, zerstörte Amy Winehouse sich selbst. Sie musste und wollte sterben. So der Verdacht. Bleibt die Frage, wer all das angeordnet, den Opfergang befohlen hat? Und in wessen Namen er schließlich durchgeführt wurde?
Ach diese Griechen
Einer redet Klartext
Vor 37 Jahren schrieb Nikos Dimou, ein griechischer Schriftsteller, Philosoph und (auf Zeit auch) Werbedesigner, über seine Landsleute: »Ein Grieche nimmt die Realität prinzipiell nicht zur Kenntnis. Er lebt zweifach über seine Verhältnisse und verspricht das Dreifache von dem, was er halten kann.« Wie, das kommt ihnen irgendwie bekannt vor? klinge nicht im mindesten veraltet? erinnere Sie schwer an die europäische Misere dieser Tage. Nun denn ...
Kalifornisches Tagebuch
12. Februar 1994
Das ist das Ende, scheint mir. Doch kann es ein Ende Amerikas geben, hat Amerika überhaupt ein Ende? Theodor Roosevelt meinte, Kalifornien sei nicht der äußerste Westen, sondern liege bereits »West of the West«. Heißt das, ich wäre in einer Welt gewesen, die es eigentlich gar nicht geben dürfte? diesseits von Eden? und hätte es nicht einmal bemerkt? Verschollen in God's own country, verschollen in einer meiner Phantasien? Anyway.
Weit unter Null
7./8. Februar 1697
Wir kommen kaum voran, halten aber, wenn ich dem Kompass trauen darf, Kurs. Es geht nach Norden, immer nach Norden. Die Uhr zeigt 4:58 in der Früh, die Küste Neufundlands ist lange nicht in Sicht. Ich frage mich wieder einmal, ob an Bord alles mit rechten Dingen zugeht. Erneut beschleicht mich der Verdacht, es spukt gewaltig auf der Mortobello.
Kalifornisches Tagebuch
Ende Januar
Wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen. Kein Auto mehr, keine Ausflüge, keine Illusionen. Schön wär's, schön war's. – Fuck you, man, fuck you.
Kalifornisches Tagebuch
18. Januar
Erdbeben in Los Angeles. Habe davon erst durch besorgte Anrufe aus Deutschland erfahren. Ohne die Sache herunterspielen zu wollen: die Katastrophe ist zu einem guten Teil ein Medienspektakel. Ein Erdbeben gleichen Ausmaßes irgendwo in Indien oder sonst wo hätte längst nicht die Aufmerksamkeit erfahren, wie dies mit dem Erdbeben im San Fernando Valley weltweit der Fall zu sein scheint.
Wahn, alles Wahn
Ecclesiastes, 3.1-22
Alles hat seine Stunde, und es gibt eine Zeit für jegliche Sache unter der Sonne:
Kalifornisches Tagebuch
Thursday, January 13th, 1994
Der Bobbitt-Case geht in die zweite Runde. Letztes Jahr im Herbst – sofern man sich erinnert – stand der Mann vor Gericht, John Wayne Bobbitt. Er wurde damals aus Mangel an Beweisen von dem Vorwurf freigesprochen, seine Ehefrau wiederholt sexuell genötigt zu haben. Jetzt steht sie selbst, Loreno Bobbitt, vor Gericht. Ihr wird zur Last gelegt, in der Nacht des 23. Juni vergangenen Jahres zuerst ihren Mann kastriert, sich dann ins Auto gesetzt und dessen Gemächt Meilen von zu Hause entfernt im Fahren aus dem Fenster geworfen zu haben.
Sanctus Januarius
8. Januar 1697
Wir halten Kurs. Straight North. Draußen regnet es in Strömen. Von zu Hause keinerlei Nachricht. Lord Bellamont hüllt sich in Schweigen oder hat besseres zu tun, als sich Gedanken über die Lage an Bord der Mortobello zu machen. Séchard hat wohl Recht. Man ist auf dem Kontinent viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass man dort auch nur irgend etwas von dem bemerkt hätte, was hier draußen vor sich geht.
Kalifornisches Tagebuch
Jahreswechsel mit Blick auf Las Vegas
Interessant die Berichterstattung über Neujahr in den Zeitungen. New Year's Eve, das ist hier – weit mehr als bei uns – die Zeit der Großen Parties, der Augenblick der Celebrities und Stars. Die Berichterstattung darüber zieht sich über Spalten, füllt ganze Seiten. Wer wird mit wem, wie gekleidet, auf welcher Party erscheinen, was passiert wo, wenn das Jahr sich wendet und neu beginnt?
Zwischen den Festen
Das Bild des Jahres
Heiligabend vorbei – ganz Deutschland liegt auf dem Sofa und reibt sich bräsig den Wanst. Von wegen Krise. Süßer die Kerzen nie funkelten. Von wegen Schulden. Wir suhlen uns im Fett und am Abend gibt's die Agonie Europas direkt aus Schloss Bellevue, hoheitlich illuminiert. Mir war schon am frühen Morgen des ersten Weihnachtstags speiübel. Und ich fragte mich, ob man nicht ganz einfach mit dem Essen aufhören und zum Hungerkünstler werden sollte.







