Von der Schweiz aus

Imre Kertész

Das überwältigend reiche Basler Kunstmuseum; vor dem Theater ein Brunnen mit Mobile, kataton oder manisch sich bewegende wasserspeiende, wassergießende, im Wasser sich drehende Apparate, ein niederschmetternder Anblick; das Restaurant mit Rheinterrasse, der geschickt kaschierte Hedonismus, der bedrohliche Reichtum. Dieser Reichtum – das sieht man auf Schritt und Tritt – wird sich verteidigen. Die kunterbunte rempelnde Menschenmenge um mich herum wird ihn verteidigen, weil sie nur so in den Genuß der von ihm fallen gelassenen Brosamen kommen kann – herbeigeströmte Nomaden, deren Präsenz in dieser zurückhaltend-eleganten Stadt unterschwellig überall spürbar ist, wie die von Algen unter einem glitzernden Wasserspiegel.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 18.09.2017 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Da es Sommer ist

Alberto Moravia

Als wir wieder im Wagen saßen, raste ich los, ehe noch Cecilia den Wagenschlag ganz geschlossen hatte. Ich empfand eine wachsende Wut, die nicht erlosch, gleich einem Feuer, das immer neue Nahrung findet. Diese Wut erweckte in mir beharrliche Zwangsvorstellungen: Ich suchte die Cecilia, die ich nicht hatte haben können, töricht und starrköpfig überall dort, wo der kleinste Schein einer Ähnlichkeit dies zuließ – so ließen mich gewisse bald gemähte , bald bewachsene Wiesenstücke an Cecilias Leib denken, gewisse runde Hügel an ihre Brüste, gewisse Formen des Terrains an das Profil ihres Gesichts und an ihre Haare.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 29.06.2017 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Die allgemeine große Lüge

Imre Kertész

– Zur Politik wäre noch das eine oder andere zu sagen, aber das wäre wirklich unnütze und langweilige Zeitverschwendung. Es ginge darum, wie die Muslime Europa überschwemmen und in Besitz nehmen, direkt gesagt, zerstören werden; darum, wie Europa das alles handhabt, es ginge um selbstmörderischen Liberalismus und die Dummheit der Demokratie.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 08.05.2017 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Auch die Ferien ...

Albert Camus

Auch die Ferien brachten Jacques in seine Familie zurück, zumindest in den ersten Schuljahren. Bei ihnen hatte niemand Urlaub, die Männer arbeiteten pausenlos das ganze Jahr über. Wenn sie in Betrieben angestellt waren, die sie gegen derartige Risiken versichert hatten, verschaffte ihnen nur ein Arbeitsunfall Freizeit, und ihre Ferien waren auf das Krankenhaus oder den Arzt angewiesen.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 11.04.2017 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Über Deutschland und die Deutschen

Sebastian Haffner

Jede Revolution bei anderen Völkern hat, wieviel Blutverlust und momentane Schwächung sie immer mit sich bringen mochte, zu einer ungeheuren Steigerung aller moralischen Energien auf beiden kämpfenden Seiten geführt – und damit auf lange Sicht zu einer ungeheuren Stärkung der Nation. Man betrachte die ungeheure menge von Heldenmut, Todesverachtung und menschlicher Größe, die – gewiß neben Ausschreitung, Grausamkeit und Gewalt – von Jakobinern wie Royalisten im revolutionären Frankreich, von Francoleuten wie von Republikanern im heutigen Spanien entfaltet worden ist! Wie immer der Ausgang sein mag – die Tapferkeit, mit der um ihn gerungen wurde, bleibt als unerschöpflicher Kraftquell im Bewußtsein der Nation. Die heutigen Deutschen haben an der Stelle, wo dieser Kraftquell entspringen müßte, nur die Erinnerung an Schande, Feigheit und Schwäche. Das wird unfehlbar eines Tages seine Wirkungen zeigen; sehr möglicherweise in der Auflösung der deutschen Nation und ihrer staatlichen Form.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 14.03.2017 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (vi)

wolfgang lange

Der Schatten einer Bewegung draußen vor dem Fenster ließ ihn auffahren. Ah, da ist er ja wieder, der Eichelhäher. Komischer Vogel. Zuweilen kam er und legte kurz Station gegenüber auf dem Birnbaum ein, obgleich er hier unten in der Stadt eigentlich nichts zu suchen hat. Als ein Bewohner des Waldes. Dachte er.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 07.12.2016 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (v)

wolfgang lange

Was aber ist Dreck? Materie am falschen Fleck, heißt es, zunächst und vor allem. Dreck ist ein Stück Materie, das sich aus dem Zusammenhang, in den es recht eigentlich gehört, gelöst hat und an einer Stelle begegnet, an dem seine Anwesenheit als ungehörig oder störend empfunden wird. Was Dreck im einzelnen je ist, hängt von den Standards ab, die in einer Gesellschaft angelegt werden. Was geht in Ordnung, was nicht? Ist das wirklich sauber? Am Ende ist vielleicht alles eine Frage der Hygiene.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 30.11.2016 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (iv)

wolfgang lange

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (iv)

Und dann dachte er: Singapur, wenn es einen Ort gibt, dessen Atmosphäre das gerade Gegenteil zu der Moskaus vorstellt, dann Singapur, oder vielleicht besser noch eine der Shopping-malls, die er von Kalifornien her kannte, die Santa Barbaras etwa oder Stanfords. Absolut reinlich, aseptisch nachgerade. Nicht so Moskau. So futuristisch die Kapitale architektonisch scheint, das Klima und die Atmosphäre der Stadt wirken nicht gerade reinlich, erregen, wie die Lebenswelt Moskaus überhaupt, den Verdacht, alles andere als sauber zu sein. 

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 10.11.2016 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (iii)

wolfgang lange

Der Horizont war vom Schreibtisch aus nicht zu sehen. Vor ihm erhob sich wie eh und je der Johannisberg im Teutoburger Wald, feucht, dunkel und kühl, trotz der Hitze, die auf und über ihm und dem Hinterhof lag, auf den er schaute. Auf dem Tisch vor ihm lag ausgebreitet der Stadtplan, den er von seiner russischen Reise mit nach Hause gebracht hatte: Moskau City/"Boomtown".

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 02.11.2016 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (ii)

wolfgang lange

Alles in allem war er kaum mehr als 10 Tage fort gewesen. Drei Tage Moskau, sieben Tage St. Petersburg, hinzu kam der eine oder andere Ausflug ins Umland der Metropolen. 10 Tage unterwegs in den Weiten Rußlands – eine Stippvisite, nicht mehr.

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (ii)

Ilja Sergewitsch Glasunow: Blick auf das alte Moskau | ca. 1979

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 19.10.2016 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck

wolfgang lange

Das Fazit, das er noch auf dem Rückflug gezogen hatte, war nicht eben glänzend ausgefallen: Moskau stinkt, Rußland strotzt vor Dreck.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 12.10.2016 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Der Ginster oder die Blume der Wüste

Giacomo Leopardi

Καὶ ὴγάπησαν οἱ ἄνϑρωποι μᾶλλον τὸ σκότος ἢ τὸ φῶς.

Und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht. Joh. 3. 19.

 

Hier auf dem kahlen Rücken
dieses formidablen Berges
des Verwüsters, des Vesuv,
wo sonst weder Baum noch Blume sprießen,
treibst du einsam wuchernd Zweig und Blüten aus,
Reich duftender Ginster,
dir selbst genug in dieser Wüstenei.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 09.06.2016 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Er schwebte hoch über London

Salman Rushdie

Er schwebte hoch über London! Haha, jetzt konnten sie ihm nichts mehr anhaben, die Teufel, die in jenem Pandämonium auf ihn eingestürmt waren! Er blickte hinab auf die Stadt und sah die Engländer. Das Problem mit den Engländern war, daß sie Engländer waren: verdammt kalte Fische! Leben die meiste Zeit des Jahres unter Wasser, und ihre Tage sind dunkel wie die Nacht! Also: jetzt war er hier, der große Umgestalter, und diesmal würde sich einiges ändern – die Naturgesetze sind die Gesetze ihrer Veränderung, und er war derjenige, der sie sich zunutze machen würde! Jawohl: diesmal Klarheit.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 08.05.2016 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Das Märchen von der Gänsefeder

August Hermann

Für R.

An einem dieser Tage, da das Wünschen noch geholfen hat, lebte fernab in den Bergen ein Knabe, der ein äußerst armseliges Dasein führte; es war derart armselig, dass selbst der Mond auf seiner Bahn nie noch ein Schluchzen unterdrücken konnte und jedes Mal eine fette Träne vergoss, wenn er den Jungen des Nachts auf Erden wandeln sah. Getauft war der Knabe auf den Namen Ulrich Theodor, im Dorfe aber nannten ihn alle nur Duri, weil das einfacher für die Leute war und sie ihn so schneller rufen konnten, wenn sie etwas von ihm besorgt haben wollten. Und das wollten sie fast immer.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 25.12.2015 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Kein Mensch ist eine Insel

John Donne

Kein Mensch ist eine Insel, vollständig für sich allein; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil der Heimat. Wenn ein Erdkrumen durch die See weggewaschen wird, erleidet Europa einen Verlust, gleichwie als ob es ein Vorgebirge wäre, gleichwie als ob es das Anwesen einer deiner Freunde oder deiner selbst wäre: eines jeden Menschen Tod zehrt mich auf, verstrickt wie ich bin in die Menschheit. Und deshalb, nie noch gesandt zu wissen, wem die Glocke schlägt; sie schlägt für Dich.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 08.12.2015 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

und fernab in der heimat

wolfgang lange

und fernab in der heimat
schüsse schreie lärm.
leute die wie schatten
durch straßen huschen
kein gruß, verstohlene mienen
rasch nach hier und da geworfene blicke.
angst im gesicht. irony is over
der spaß vorbei – a filo de pietà.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 18.11.2015 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Allegria di naufragi

Giuseppe Ungaretti

E subito reprende
il viaggio
come
dopo il naufragio
un superstite
lupo di mare

Allegria di naufragi

Bagno Vignoni

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 21.10.2015 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Von den Guten und Gerechten

Friedrich Nietzsche

Oh meine Brüder! Bei Welchen liegt doch die grösste Gefahr aller Menschen-Zukunft? Ist es nicht bei den Guten und Gerechten? –

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 24.09.2015 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Ein Freund, ein guter Freund

Für Andreas B.

Sonniger Tag, Wonniger Tag!
Klopfendes Herz und der Motor ein Schlag!
Lachendes Ziel, Lachender Start
und eine herrliche Fahrt!
Rom und Madrid nehmen wir mit.
So ging das Leben im Taumel zu dritt!
Über das Meer, über das Land,
haben wir eines erkannt:

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 28.08.2015 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Und wie fängt das an?

Supplement

Mit Blut und Dreck und Wasser,
Mit Muttermilch und Schmerzen.
Kein Brot im Haus, statt seiner Kuchen.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 30.04.2015 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Die Steine von Judäa

Herman Melville

Die Steine von Judäa

In den heiligen Schriften lesen wir ziemlich viel von Steinen. Monumente & Sockel von Denkmälern werden aus Steinen errichtet; Menschen werden zu Tode gesteinigt; der Same im Gleichnis fällt auf steinigen Boden. Und wirklich kann es nicht wundernehmen, daß die Steine in der Bibel so eine große Bedeutung haben. Judäa ist eine Ansammlung von Steinen – steinige Berge & steinige Ebenen; steinige Flußbette & steinige Straßen; steinige Mauern & steinige Felder; steinige Häuser & steinige Gräben; versteinerte Blicke und versteinerte Herzen.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 01.04.2015 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Flieger, grüß mir die Sonne

Walter Reisch

Flieger, grüß mir die Sonne,
grüß mir die Sterne
und grüß mir den Mond.
Dein Leben —
das ist ein Schweben
durch die Ferne,
die keiner bewohnt.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 30.03.2015 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Bielefeld in Zahlen

Kästner, abgewandelt

Lasst uns Bielefeld statistisch erfassen!
Bielefeld ist ja doch 'ne große Stadt,
heißt es, die 9 Krankenkassen plus
und rund 200 ha. Friedhöfe hat.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 03.03.2015 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Kennst du das Land?

Frei nach Goethe

Kennst du das Land, wo die Machandeln blüh'n,
Im schweren Sand Mensch und Vieh sich müh'n
Ein feuchter Wind vom grauen Himmel weht,
Die Heide still und hoch die Kiefer steht?
Kennst du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht' ich mit dir, o du mein Gebieter, zieh'n!

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 21.02.2015 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *

Knecht Ruprecht

Theodor Storm

Von drauß' vom Walde komm ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
Sah ich goldene Lichtlein sitzen;
Und droben aus dem Himmelstor
Sah mit großen Augen das Christkind hervor.

→ Lesen Sie mehr...

tado ink • 15.12.2014 | Stichijows Papiere | Kommentieren
* * *
Seite 1 von 4  1 2 3 >  Letzte »