Ich war bei den Toten zu Gast

Franz Kafka

Ich war bei den Toten zu Gast. Es war eine große reinliche Gruft, einige Särge standen schon dort, es war aber noch viel Platz, zwei Särge waren offen, es sah in ihnen aus wie in zerwühlten Betten, die eben verlassen worden sind. Ein Schreibtisch stand ein wenig abseits, so daß ich ihn nicht gleich bemerkte, ein Mann mit mächtigem Körper saß hinter ihm. In der rechten Hand hielt er eine Feder, es war, als habe er geschrieben und gerade jetzt aufgehört, die linke Hand spielte an der Weste mit einer glänzenden Uhrkette und der Kopf war tief zu ihr hinabgeneigt. Eine Bedienerin kehrte aus, doch war nichts auszukehren.

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tado ink • 20.03.2012 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

12. Februar 1994

Das ist das Ende, scheint mir. Doch kann es ein Ende Amerikas geben, hat Amerika überhaupt ein Ende? Theodor Roosevelt meinte, Kalifornien sei nicht der äußerste Westen, sondern liege bereits »West of the West«. Heißt das, ich wäre in einer Welt gewesen, die es eigentlich gar nicht geben dürfte? diesseits von Eden? und hätte es nicht einmal bemerkt? Verschollen in God's own country, verschollen in einer meiner Phantasien? Anyway.

 

Kalifornisches Tagebuch

Herb Ritts: Richard Gere – Poolside | 1982

tado ink • 12.02.2012 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

Ende Januar

Wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen. Kein Auto mehr, keine Ausflüge, keine Illusionen. Schön wär's, schön war's. – Fuck you, man, fuck you.

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tado ink • 28.01.2012 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

18. Januar

Erdbeben in Los Angeles. Habe davon erst durch besorgte Anrufe aus Deutschland erfahren. Ohne die Sache herunterspielen zu wollen: die Katastrophe ist zu einem guten Teil ein Medienspektakel. Ein Erdbeben gleichen Ausmaßes irgendwo in Indien oder sonst wo hätte längst nicht die Aufmerksamkeit erfahren, wie dies mit dem Erdbeben im San Fernando Valley weltweit der Fall zu sein scheint.

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tado ink • 23.01.2012 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

Thursday, January 13th, 1994

Der Bobbitt-Case geht in die zweite Runde. Letztes Jahr im Herbst – sofern man sich erinnert – stand der Mann vor Gericht, John Wayne Bobbitt. Er wurde damals aus Mangel an Beweisen von dem Vorwurf freigesprochen, seine Ehefrau wiederholt sexuell genötigt zu haben. Jetzt steht sie selbst, Loreno Bobbitt, vor Gericht. Ihr wird zur Last gelegt, in der Nacht des 23. Juni vergangenen Jahres zuerst ihren Mann kastriert, sich dann ins Auto gesetzt und dessen Gemächt Meilen von zu Hause entfernt im Fahren aus dem Fenster geworfen zu haben.

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tado ink • 14.01.2012 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

Jahreswechsel mit Blick auf Las Vegas

Interessant die Berichterstattung über Neujahr in den Zeitungen. New Year's Eve, das ist hier – weit mehr als bei uns – die Zeit der Großen Parties, der Augenblick der Celebrities und Stars. Die Berichterstattung darüber zieht sich über Spalten, füllt ganze Seiten. Wer wird mit wem, wie gekleidet, auf welcher Party erscheinen, was passiert wo, wenn das Jahr sich wendet und neu beginnt?

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tado ink • 04.01.2012 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

Heiligabend, morgens

Zurück aus Southern California und Las Vegas, Nevada. Unfaßbar, einfach unfaßbar, von der wüstenartigen Landschaft über das gleißende Licht und die trockene Luft bis hin zu den urbanen Environments, die sich darin krebsartig ausbreiten. Südlich von Tehachapi hört Europa einfach auf. Jenseits von Santa Barbara beginnt das wahre Amerika. West of the west: Los Angeles und sein Trabant Las Vegas, Traumstädte der Postmoderne und Höllenkreise des real fortschreitenden Kapitalismus. Ich könnte weder in der einen noch in der anderen Stadt leben (für einen Geistesmenschen schon deshalb unmöglich, weil es keine Promenaden oder sonstige Orte gibt, an denen man ungestört nachdenken oder lesen kann). Aber sie kurzfristig zu bereisen, wie man ein fremdes, unbekanntes Land bereist, das elektrisiert. »It kicks ass«, mit Beavis and Butt-head zu sprechen.

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tado ink • 24.12.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

10. Dezember

Woooooooow. Ich habe Amerikas Antwort auf political correctness entdeckt: Beavis and Butt-head. Da zuhause nicht verkabelt, bin ich auf diese Cartoonfiguren viel zu spät erst, hier in San Francisco, gestoßen. Ziemlich funny die beiden, höchst amüsant, dabei ätzend. Jungs in der Pubertät. Ohne ein Quentchen Esprit. So scheint es.

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tado ink • 14.12.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

9. Dezember

Alles ist grau. Der Horizont ist verschwunden. Das Meer ist wie der Himmel, der Himmel wie das Meer. Ein Anflug von Winter in Kalifornien.

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tado ink • 08.12.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

26. November

Letzte Nacht hat sich ein Mann aus Daly City von der Golden Gate Bridge gestürzt. Mit sich in den Tod nahm er seine zweijährige Tochter. Die Leiche des Mannes war schnell gefunden, die des kleinen Mädchens wird immer noch gesucht.

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tado ink • 26.11.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

Anfang November

Unter mir der Andreas-Graben, über mir das Blau des Himmels, in der Ferne der Pazifik. Kein Regen. »It never rains in (southern) california« – nicht einmal jetzt, Anfang November. Um Los Angeles herum brennen die Wälder, Teile Malibus sind von den Feuerstürmen bereits verwüstet und nicht einmal Michael Jacksons »Neverland«-Ranch, heißt es, zollten die Flammen Respekt. Auch sie sei bedroht. Apocalypse as usual. Sage ich mir. Es gehen Cherubin um im Garten des Herren.

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tado ink • 13.11.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

Dienstag, 2. November

Halloween ist vorbei. Gott sei Dank. So puritanisch Amerika ist, ähnlich England, seinem Mutterland, beherbergt es jede Menge Exzentriker, die nur auf eine Gelegenheit warten, ihrer Lust am Exzeß zu frönen. Halloween bietet dazu die beste Gelegenheit.

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tado ink • 07.11.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

Halloween – zugleich mein Namenstag

Heute ist die Zeit um eine Stunde zurückgestellt worden. Das heißt, zwischen Europa und mir liegen jetzt wieder neun Stunden. Hin und zurück. Fragt sich nur, wer vorn liegt, wer hinten? Europa oder Amerika?

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tado ink • 05.11.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

29. Oktober

Die Leland Stanford Junior University schmückt ein altdeutsches Motto: Ulrich von Huttens »Die Lüfte der Freiheit wehn«. Auf dem Campus Drive West aber sieht man kaum einen Deutschen; sie halten sich hier wie andernorts in Amerika bedeckt. Beherrscht wird der Campus Drive vielmehr von Wissenschafts-Cowboys, die mit ihren Ford Mustangs den Staub auf dem Asphalt aufwirbeln, bevor sie sich in ihren Büros oder Laboratorien an die Arbeit begeben.

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tado ink • 02.11.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

Ende Oktober

In San Francisco scheint die Alte Welt wie gebannt, schemenhaft, verloren im Nebel, der sich vom Meer her jeden Tag von neuem über die Stadt legt und sie unsichtbar macht. Dazwischen aber, zumal jetzt, jede Menge lichter Momente, ein überhell strahlender Sonnenschein, als läge die Stadt nicht am Meer, sondern im Hochgebirge.

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tado ink • 26.10.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

Mitte Oktober

Lese gerade William T. Vollmanns Rainbow Stories, Reportagen und Geschichten aus Downtown, San Francisco. Leben in der Bay Area – die Tenderloin als Modell. Schlaglichter aus der Welt multikulturellen Elends, Streifzüge auf der Kehrseite des postmodernen Spektakels, grelle und irrwitzige Bilder aus der Welt der Huren und Zuhälter, der Skins, Gangs und Homeless.

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tado ink • 23.10.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

Anfang Oktober

Lebe seit gestern im Sunset, in einem Zimmer mit Aussicht (Pazifik!). Die Gegend ist sehr Suburbia, David-Lynch-mäßig. Vor dem zweiten Weltkrieg war das Sunset noch eine riesige Pazifikdüne, Sand fast bis hoch zu den Twin Peaks. Jetzt ist es in Straßen (von Anzoa bis Wowona) und Avenuen (von der 1. bis zur Ich-weiß-nicht-Wievielten) eingeteilt. Alles schön rasterförmig.

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tado ink • 19.10.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

Ende September

Gestern, als wir mit dem Wagen von der Bay zurück nach Hause kamen (Frisbeewerfen an der Marina), gellten unmittelbar hinter der Mission, unweit Naples, plötzlich Schreie los. Dinge flogen durch die Luft, Tüten, Klamotten, nichts, was man hätte identifizieren können. Eine Rotte von Kids stob in heller Panik auseinander, aufgescheucht von Cops, die sich – augenscheinlich – mal wieder genötigt sahen, etwas gegen Gangs, Drogenmißbrauch und andere Übel der Straße zu unternehmen. Die Gegend ist heiß, so oder so. Excelsior eben.

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tado ink • 12.10.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

Mitte September

Der Schleier lüftet sich, die Dinge werden klarer, nehmen Kontur an. Von Deutschland aus glaubt man, Amerika sei ein Klacks, etwas, was sich kurzerhand in die Tasche stecken ließe. Aufgewachsen in der BRD, mit Englisch als Pflichtfach und jede Menge Pop im Kopf, glaubte ich, die Neue Welt sei etwas Altbekanntes, mir bis ins Mark Vertrautes. Allein das entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Augenwischerei.

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tado ink • 08.10.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Kalifornisches Tagebuch

Kurt Cobain et al. †

Jetzt schon bald 24 Stunden in Amerika. Von dem Land selbst noch so gut wie gar nichts gesehen. Ein Blick auf die Skyline von Boston, vom Flugzeug aus, einige Impressionen der Küste, wunderbar verwoben mit vielen Einbuchtungen, kleinen Inseln und Häusern, die mit ihren viktorianischen Fassaden an Good old England erinnerten, eingebettet in eine wilde weite Landschaft, wie die der Lederstrumpfgeschichten.

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tado ink • 05.10.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Vorübergehend geschlossen

Ferien

Von einem Kuss, den ich einer Schönen im Traum raubte, lag mir noch ein Hauch von Vanille auf der Zunge, als ich aufwachte und die Augen gleich wieder schloss.

 

Vorübergehend geschlossen

Giovanni Giacometti: Theodora | 1914

tado ink • 26.07.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Absinth

Für Paul Verlaine

Absinth

Absinth, Absinth,

Milchgrün schimmerst du blind

In Gläsern ungezählter Nächte,

Neon berieselt gräbst du Schächte,

Gräbst dich verquer ins Hirn hinein,

Bis dieses fällt und stürzt und taumelt,

Und nicht mehr weiß, wo es grad baumelt,

Einem Nachtfalter gleich, irr im Lichterschein.

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tado ink • 24.06.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Hotelzimmersymphonie

William Carlos Williams

Ein Hotelzimmer ist ein Fegefeuer zwischen Begierden, ein Fenster, aus dem man springen kann, eine Gefängniszelle, die Adrettheit eines schön hergerichteten Sarges, die ans Leben erinnert ...

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tado ink • 30.05.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Über die Unverbesserlichkeit der Weiber

Ansichten eines Bullenbeißers

Vorsicht! Der nachfolgende Auszug aus den Fantasiestücken des E.T.A. Hoffmann ist nicht jedermanns Sache. Empfindsamen Gemütern wird dringend geraten, die für das weibliche Geschlecht nicht eben schmeichelhaften Ausführungen des Hundes Berganza kurzerhand zu ignorieren. Die Seele könnte ansonsten Schaden nehmen. Nur was für Hartgesottene also, für Leser, die über gewisse Erfahrungen verfügen und sich ihr Wissen und ihre Überzeugungen nicht bis ins Mark durch den Zeitgeist haben diktieren lassen. Für alle anderen gilt: jegliche Haftung ausgeschlossen.

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tado ink • 28.05.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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Auf Reede

Joseph Conrad

Der Anblick von Schiffen, die in einem der älteren Docks von London liegen, hat in mir immer die Vorstellung einer Schar Schwäne im überfluteten Hinterhof finsterer Etagenhäuser erweckt. Die Nacktheit der Mauern um den dunklen Pfuhl herum, auf dem sie schwimmen, hebt auf wundervolle Weise die fließende Anmut der Linien eines Schiffsrumpfs hervor. Die schwebende Leichtigkeit dieser Formen, die entworfen worden sind, damit sie Wind und See begegnen können, läßt durch den Gegensatz zu den schweren Backsteinmassen die Festmacheketten und -leinen als sehr notwendig erscheinen, weil es sonst nichts gäbe, das sie hinderte, über die Dächer auf und davon zu fliegen.

 

Auf Reede

John Atkinson Grimshaw: Nightfall on the Thames | 1880

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tado ink • 23.05.2011 | Stichijows Papiere | Kommentieren
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