10. Februar 2011

Operation Auslöschung

Es ist alles eitel, die Welt verlogen wie am ersten Tag, der Mensch von Natur aus – man schaue nach Ägypten – ein Spielball anonymer Mächte und Kräfte, von denen er sich freiwillig und mit Inbrunst an der Leine herumführen lässt. Ich muss nur den Fernseher anknipsen und augenblicklich ist mir derart übel, dass ich aus der Kabine stürze und das, was mir gerade verabreicht wurde, krampfhaft über und in der Klomuschel entleere. Gestern zum Beispiel.

Auf 3sat. Eine Hommage an Thomas Bernhard. »Der grosse Verneiner«. Ein weiteres Rührstück aus dem Ammenmärchenkatalog dieser uns öffentlich-rechtlich zurechtstutzenden Anstalten. Anlass war der 80. Geburtstag, den der letzte, wirklich grosse Schriftsteller deutscher oder österreichischer Zunge – wie es gefällt – gestern begangen hätte, wenn, ja... Claus Peymann kam zu Wort, standardgemäß, wie man zu sagen geneigt ist, Gert Voss auch, der Schauspieler und Weggefährte, dem Bernhard gerade noch ein Stück auf den Leib hat schreiben können, eines der besten, die er geschrieben hat, by the way –, bevor er sich davonstahl oder, wie man so schön sagt, das Zeitliche segnete. Und natürlich kam auch der gute Bernhard selbst zu Wort. Es gab ein paar Ausschnitte aus alten Interviews, ausgebleichte Clips, um die wirklich skandalösen Stellen bereinigte Sequenzen. Kann man sich zur Not noch gefallen lassen, aber dann gab es da eben diesen Schnitt und eine Stimme aus dem Off, bei der mir speiübel wurde. Gleich beim ersten Satz kam es mir hoch, und dann erst die Frage: »Einer, der aus tiefster Liebe hasst, einer der Gutes will und nur böse Worte findet. Was hat er erreicht?« Wie hübsch, dachte ich, wie nett, wieder einmal Inventur fällig? eine kleine Bilanz? Mir grauste, als ich daran dachte, wie wohl die Abrechnung ausfallen mag, die für diesen Beitrag von oberster Stelle aus vorgesehen worden war. Thomas Bernhard, säuselte die Stimme kurze Zeit später – gezeigt wurden dazu Aufnahmen der Bauernhöfe, die der Menschenhasser sich im Oberösterreichischen angeschafft hatte –, Thomas Bernhard also, so der Kommentar, habe das einfache Leben idealisiert, die einfachen Menschen. Als Beweis ein Schnappschuss: Thomas Bernhard mit Landarbeitern bei der Ernte oder so was Ähnlichem. Mir drehte sich unversehens der Magen um, konnte mich gerade noch beherrschen. Gegen Ende des Beitrags aber kam, was kommen musste und was ich von Anfang an befürchtet hatte, der letzte Satz, die Antwort auf alle Fragen, kurz, wie wir es in der Deutschstunde gelernt haben, die Moral von der Geschicht': »Bernhard, der grosse Verneiner, hat Österreich verändert, hat die Welt verbessert. Das ist die Wahrheit!« Zu spät, ich sprang auf, stürzte den Schemel um und erreichte gerade noch, durch die Kabinentür springend, den Ort, den man für gewöhnlich den stillen nennt, die Toilette. Und Sturm brach los.

Ich frage mich, woher es kommt, dass ich zusehends gereizter auf das reagiere, was mich von zuhause via Satellit an Meldungen, Nachrichten und Erzählungen erreicht. Ist es das lange Warten, das Auf und Ab längs des Mid Atlantic Ridge, der Gleichlauf der Tage, die nun schon seit Wochen, wenn nicht Monaten ewig stationäre Wetterlage, die leichte Brise, der fahlgraue Himmel, der Nieselregen, der tagaus und tagein auf die Mortobello niedergeht. Keine Ahnung. Wir halten Kurs, arbeiten in der Dunkelheit und warten ab, was passiert. Ich habe vor 10 Minuten den Befehl erteilt, einen jeden der auf der Mortobello installierten Fernseher auf der Stelle zu zerstören. Widerstand ist zwecklos und notfalls im Keim zu ersticken; verhandelt wird nicht. So lauten die Anweisungen, die Operation selbst läuft unter dem Namen »Auslöschung«. Chefingenieur Florence & the Machine hat bei dem Unternehmen die Oberaufsicht übernommen, der Bootsmann geht ihr mit seinen Leuten zur Hand, Cyborg 7.7 hat mir versichert, im Falle eines Falles stehe er mir und den anderen zur Seite. Was soll da schiefgehen.

 

10. Februar 2011
tado ink | 11.02.2011 | Logbuch
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