25. August 1909

Im W├╝rgegriff

Wir sitzen fest, seit Tagen, Wochen schon. Eingefroren mitten auf der Fahrt durch den Kanal. Ich habe die Mannschaft umgehend in vier Schichten eingeteilt. Seitdem wird rund um die Uhr Eis gehackt.

Sorgen bereitet mir der Schiffsrumpf. Wenn er vollständig vom Eis eingeschlossen werden sollte, besteht die Gefahr, vom diesem erdrückt zu werden. Packeis total. Gut dass wir hinreichend Pickel und anderes Gerät unter den Werkzeugen haben. An Bord kursieren übrigens derweil die wildesten Gerüchte. Einige behaupten, die Apokalypse stünde unmittelbar bevor, andere meinen, es sei alles nur ein böser Traum, nichts, was sich wirklich zuträgt, wieder andere behaupten, der total vereiste Kanal sei auf den Klimawandel zurückzuführen, der Golfstrom müsse von heute auf morgen umgekippt sein. Nicht mehr warm wie sonst, kühl vielmehr. Gewiss ist eines: Es gibt keinen in der Mannschaft, dem etwas Ähnliches bereits widerfahren ist. Auch in den Büchern und Aufzeichnungen, die von meinen Vorgänger an Bord zurückgelassen wurden, findet sich nicht der geringste Hinweis, dass es in diesen Breiten je eine derart fatale Wetterlage gegeben hätte. Ich bin das Archiv der Mortobello eigens durchgegangen, Logbuch für Logbuch, Fahrt für Fahrt.

 

25. August 1909

Caspar David Friedrich: Schiff im Eismeer

Mehr Sorgen allerdings noch als das anhaltend tieffrostige Wetter, bereiten mir die Uhren und der Kalender an Bord. Statt punktgenau die Zeiten und den Tag anzuzeigen, wie man es erwarten sollte – funkgesteuert immerhin –, springt die Zeit und das Datum abrupt von einer Anzeige zur anderen. In einer Art unkoordinierten Doppelsprung. Aberwitzig. Mal dies, mal das. Bizarr. Nach meinen Berechnungen müsste es jetzt der frühe Abend des 13. Februar 2010 sein. Was aber zeigen die Geräte? 4.49 Uhr, 25. August des Jahres 1909. Und der Kompass? Wer weiß, ob auf ihn noch Verlass ist. Kurs Süd-Süd-West, wie gesagt. Immerhin. Allein wenn das hier Grönland wäre?

tado ink | 13.03.2010 | Logbuch
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