29. April 1712/spätabends

Frei, endlich frei

Wir haben wieder Fahrt aufgenommen, die Mortobello liegt gut im Wind, sie macht, wie in alten Tagen, ihre 10 Knoten und mehr. Unter der Mannschaft ist die Laune prächtig. Jeder geht endlich wieder dem nach, wofür er angeheuert wurde. Zwischendurch gibt es ein Schwätzchen. Geht in Ordnung. Die Order aber lautet: jetzt oder nie! 

 

Kurs Süd-Süd-West! Unterwegs auf diesem Meer kompletten Irrsinns, das sich Atlantik nennt. Gen Westen geht die Fahrt, immer gen Westen, aber in südlicher Richtung. Hinter uns brennen die Wälder und Städte Europas. In der Ägäis steigt fett schwarzer Rauch in den Himmel, auf Island rumort der Eyjafjallalokul. Der HSV soll gerade zu Gast in London sein; er spielt beim FC Fulham um den Einzug ins Europacup-Finale. So heißt es, glaube ich. Egal. Keine Chance, das Spiel zu sehen. Wir sind zu weit weg, Kein Satellit, der uns in diesen Breiten erreichte. Sofern das Geschäft an Bord es erlaubt, vertiefe ich mich wieder in die Bücher. Was ich genau suche, weiß ich nicht. Ich lese dies und das, heute die letzte Vorlesung, die Monsieur Foucault vor seinem Tod in Paris hielt (»Der Mut zur Wahrheit«), morgen »Loslabern«, die jüngste, noch in London aufgetriebene Zeitmitschrift des Dr. Dr. Rainald Goetz. Was mich antreibt, ist allein die Hoffnung, wieder einmal auf etwas zu stoßen, das ganz und gar nicht zu erwarten war. Ein unverhoffter Fund, eine zufällige Entdeckung, was gibt es Schöneres. Überraschung. Wundertüte.

 

29. April 1712/spätabends

– Gestern Abend zum Beispiel, zu später Stunde, das Schiff lief ruhig über die sanfte Dünung, die Kerzen waren so gut wie abgebrannt, ich saß entspannt bei einem Brandy im Sessel, noch eine letzte Zigarette –  da fiel mir plötzlich etwas ein, eine Anekdote. Ich weiß nicht, vom wem sie stammt oder bei wem ich sie gelesen habe, bei Chamfort wahrscheinlich. Ich bin mir allerdings nicht sicher. Gut möglich, dass ich sie Rivarol oder einem aus dem Kreis der anderen Moralisten verdanke, in deren Aufzeichnungen und Sammlungen ich hin und wieder blättere. Wie auch immer. Ich schreibe sie einfach so auf, wie die Erinnerung sie diktiert: An einem Abend im Haus der Marquise du Deffand seufzte der Chevalier de B*, von dem einige bereits wähnten, er sei während des von Madame Lassy beherrschten Gespräches eingenickt, plötzlich auf und bemerkte ohne sonderlichen Grund: Ach, man sollte eigentlich jeden Morgen vor Verlassen des Hauses, am Besten gleich zum Frühstück, eine Kröte bei lebendigem Leib verschlingen. Nur so sei man sicher, den Rest des Tages, den man in der Welt verbringen müsse, nicht abstoßend zu finden. – In dem Sinne. Wohlan, wohlauf!

tado ink | 30.04.2010 | Logbuch
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