30. Dezember 2525

Vor und zurück

Verdammt. Der Chronometer spinnt schon wieder. Gerade noch befanden wir uns im allerherrlichsten Frühling, schon bricht erneut der Winter an. Was sind das für Zeiten. Kein Verlass auf die Zeit, kein Verlass aufs Datum. Und wenn auf die Zeit und das Datum kein Verlass mehr ist, worauf soll man sich dann verlassen. Auf die Uhr, vielleicht? Das ich nicht lache. Sie dreht ihre Tage und Stunden im Sekundentakt, die Zeiger und Ziffern rotieren, was das Zeug hält –, wie es wirklich zugeht auf der Welt, weiß keiner.

Cyborg 7.7 versichert mir ein ums andere Mal, ich bräuchte mir nicht die geringsten Gedanken machen, das sei normal in diesen Breiten. Kein Grund zur Sorge also. Ein vor und zurück springendes Datum, eine permanent rotierende Uhr. Und in in welchen Breiten befinden wir uns gerade? Ich muß unbedingt mit Muse N. A. sprechen, dem Navigationsoffizier. Wenn ich mich bislang auf jemanden habe verlassen können, dann auf sie. Unter Deck ist die Stimmung naturgemäß nicht die beste. Auch die Nachrichten von zu Hause sind nicht gerade aufmunternd: Eben ist der Staatspräsident zurückgetreten. Er fühle sich in und von der Öffentlichkeit in seinem Amt nicht gebührend respektiert. Was ist denn das für eine Erklärung. Bin entschlossen die Mission so oder so durchzuziehen. Wir segeln ja doch unterhalb der Radarschirme, zwischen den Welten. Was kümmert die Mortobello die Öffentlichkeit, zur Not pfeift sie auf den Staat. Für heute Abend habe ich Séchard angewiesen, eine Filmvorführung vorzubereiten, auf dem Oberdeck. Das wird herrlich. Lichtspiele in der Takelage, die Mortobello als Freiluftkino. Und über allen die Sterne. Wir werden uns Visconti anschauen, »Die Verdammten«. Eine Empfehlung des Bootsmannes. Das sei gerade das richtige, um den Leuten das Heimweh auszutreiben, und damit den Groll und die Paranoia, die aus ihm erwachsen. Mir soll es recht sein. Ich mag den Duc de Modrone, ich liebe das Kino Luchino Viscontis. Ein Film aus dem Jahre 1969 zumal. Da war ich gerade 13 Jahre alt. Ein kritisches Alter, wenn man es recht bedenkt.

 

tado ink | 01.06.2010 | Logbuch
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