6. Dezember 1696

Eine Depesche

Wieder Schnee. An Deck, auf der Reling und den Masten liegt er fingerdick. Wer kann, meidet die Arbeit im Freien. Es ist bitterkalt draußen, dazu kommt ein stechender Wind aus Nordost. Wir halten Kurs. Die Stimmung ist ungeachtet des frühen Wintereinbruchs prächtig. Es ist, als ob jeder wüsste, dass es sich nur noch um Sekunden handeln kann, bis sich das ereignet, worauf die Mannschaft seit geraumer Zeit wartet. Gegen Abend traf übrigens noch eine Depesche ein, die verschlüsselt und an mich persönlich gerichtet war.

Absender der Depesche war Lord Bellamont, er sprach im Namen der Gesellschaft, ohne die es unsere Mission nicht gäbe: Hesperus. Ein Kreis vornehmer Damen und Herren adliger, aber auch bürgerlicher Abstammung, Geschäftsleute, Reeder, Fabrikanten, Großgrundbesitzer, Gelehrte, Ingenieure, dazu einige Handwerker. Mir war es nach mehreren Anläufen gelungen, sie von dem Projekt zu überzeugen. Man versprach sich ein gutes Geschäft, wie immer die Expedition auch ausgehen sollte. Sollte sie fehlschlagen, so ergäbe das immer noch eine Story, deren Verkauf die Investition allemal decken würde. Sollte die Expedition wider Erwarten gelingen, winkte einiges mehr: Reichtum in schier unbegrenzter Menge. Goldene Äpfel für die Götter, gepflückt von zarter Mädchenhand. Die Depesche hatte es übrigens in sich. Gerade weil sie erkennbar auf die Beschwichtigung meines Gemüts berechnet war.

 

6. Dezember 1696

Frank Weston Benson: Schwanenflug | 1915

 

Die Lage daheim sei brenzlig. Hieß es. Eben seien in der Öffentlichkeit Akten aufgetaucht, durch die einige Mitglieder der Regierung vor aller Augen aufs peinlichste bloßgestellt worden seien. Die Regierungschefin werde in besagten Akten als eine Person geführt, an der noch alles abperle, beharrlich zwar in Krisensituationen, aber nicht gerade kreativ, was die Lösung anstehender Probleme anlangt. Die Pastorentochter eben, geschmeidig, um nicht zu sagen aalglatt, unfähig sich von den Buchstaben zu lösen, die sie vorfindet. Der Außenminister gelte als aggressiv und eitel, überdies inkompetent in Sachen Diplomatie, alles andere als mit dem Fingerspitzengefühl gesegnet, das beim Ausbau und der Verwaltung auswärtiger Angelegenheiten von Nöten sei. Aus welchen Gründen auch immer dauergestresst, ein leicht überschäumendes Temperament mit einem ausgesprochen zwiespältigen Verhältnis zum Westen. Ein Niemand, das den großen Herren gibt. Wie ich geneigt bin zu behaupten. Nicht viel besser sehe es im Verteidigungs-, Finanz- und Wirtschaftsministerium aus. Ich solle mich freilich durch das, was an Nachrichten von zuhause gewiss noch eintreffen werde, nicht kirre machen lassen. So Lord Bellamont. Die Mission laufe wie geplant, auch wenn es im Moment eine Menge Untersuchungen über geheime, von der Regierung gedeckte Aktivitäten gebe. Ein Staatssekretär habe ihm nachdrücklich versichert, die Mortobello-Akte sei für Außenstehende unauffindbar in einer Datenwolke abgelegt worden. Das der Mortobello erteilte Mandat sowie die mit ihm verbundenen Lizenzen bestünden weiter, auch unabhängig von den Regierungsverhältnissen. Sei ihm versichert worden. Er, Lord Bellamont, werde persönlich alles dransetzen, um sich persönlich auf dem laufenden zu halten. – Okay, Mijnheer, funkte ich zurück, die Mortobello hält Kurs. Koste es, was es wolle.

tado ink | 06.12.2010 | Logbuch
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