7. Mai 2066

Stichijows Papiere

Der Wind steht prächtig, er kommt stetig von Nordnordost. Unsere gegenwärtige Position: etwa auf Höhe des 29. Längen- und 23. Breitengrad. Die Nacht ist klar und lau, sanfte Winde gehen um und fächern den Männern, die es sich auf Deck bequem gemacht haben, Kühlung zu. Am Himmel funkeln Sterne, über dem Horizont ist der Mond wie eine sich wiegende Sichel aufgegangen. Venus hat sich an seine Ferse gehängt. Ich habe des Abends jede Menge Zeit für mich...

und vertreibe mir die Stunden, indem ich in den Kisten, Schubläden und Schränken stöbere, die sich in der Kapitänskajüte befinden; ich wühle mich gewissermaßen durchs Archiv der Mortobello. Gestern machte ich einen erstaunlichen Fund.

Ein Stapel Papiere, sorgfältig gebunden und mit einem Bindfaden dreifach verknotet. Ein Deckblatt vorne, ein Deckblatt hinten. Auf den vorderen ein Etikett: Stichijows Papiere, locker ausbuchstabiert, in fließend hüpfender Handschrift. Neugierig öffnete ich das Paket und blätterte ein wenig in dem Stoß mehr oder weniger, wie mir schien, unsortierter Papiere. Was für ein Durcheinander, dachte ich, ein einziges großes Sammelsurium: Tagebuchaufzeichnungen, Gedichte, Aufsätze, Maximen und Sentenzen, Anekdoten. Was weiß ich. Ich fahre zur See, bin kein Philologe, lese zwar gerne, verstehe aber nichts vom Handwerk. Und doch, einzelnes erregte unwillkürlich meine Aufmerksamkeit. Ein Russe augenscheinlich –, wenn der Name nicht trog, der auf dem Deckblatt vermerkt stand: Stichijows Papiere. Es schien, als ob er viel herumgekommen wäre, dieser Stichijow. Es gab ein Porträt Moskaus, eines von London, Tagebuchaufzeichnungen aus Los Angeles, Haikus, die, wie es schien, in Berlin verfasst worden waren, und jede Menge Aufsätze und Essays zu Gegenständen, die mir fremd vorkamen. Merkwürdig nur, es fand sich unter all den Papieren nicht ein einziges Blatt oder wenigstens eine Passage oder Zeile, die auf Kyrillisch formuliert worden wäre. Die Aufzeichnungen kamen durchweg auf Deutsch geschrieben daher. Meine Versuche, etwas über Stichijow via Google und andere an Bord befindliche Suchmaschinen herauszufinden, schlugen allesamt fehl. Kein Stichijow, nirgendwo! Merkwürdig, dachte ich.

Schließlich, ich konnte es nicht lassen, stöberte weiter wahllos, aber neugierig in dem Stoß Papiere, fiel mir eine kurze, dazwischen geschobene Notiz in die Hand: »Afanassij Stichijow | Vita. // Geboren am 30. Dezember 1955 in Woronesch am Don. Sohn eines Offiziers der Roten Armee und einer Bäuerin aus dem Schwarzerde-Gebiet. Verbrachte einen großen Teil seiner Kindheit in Dresden, Ostdeutschland. Studium der klassischen Philologie in Leningrad und Moskau. 1983 setzte er sich in den Westen ab. Nahm in Berlin, Paris, London, Rom und anderen Städten Gelegenheitsjobs auf und schlug sich als Gelehrter durch. Herbst und Winter 1993/94 verbrachte er als Visiting Scholar an der Stanford University, Kalifornien. Nach Westeuropa zurückgekehrt, vertiefte er sich in Bouillon, einer Kleinstadt in Belgien, in allerhand seltsame, obskur anmutende Studien. Zwischendurch unternahm er von Bouillon aus diverse Reisen, die ihn unter anderem nach Marrakesch, Buenos Aires und Lagos, Nigeria, führten. Zuletzt wurde er Ende Juni 2008 in Chemnitz, Sachsen, gesehen, seitdem gilt er offiziell als vermisst.«

Immerhin, dachte ich. Verschollen also, ein Verscholler. Ich habe umgehend Séchard kommen lassen, den Nachrichtentechniker, und ihm einen Aufsatz Stichijows, den ich als nahezu vollständig erachtete, in die Hand gedrückt. Er handelt von einem Dichter aus den 60er/70er Jahren des vorigen Jahrhunderts: Rolf Dieter Brinkmann. Sofort rausschicken, wies ich Séchard an, setzen Sie dieses Papier augenblicklich ins Netz. Belassen Sie das Skript so, wie es in ihren Händen liegt. Wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwelche Meldungen oder Reaktionen von da draußen. – Ohne unnötige Fragen zu stellen, diskret und zuverlässig wie eh und je, schnappte der kleine Franzose sich das Manuskript und begab sich an die Arbeit. Ich werde mich ein wenig näher mit diesem Afanassij Stichijow befassen müssen, dachte ich –, sofern Zeit bleibt, versteht sich.

 

7. Mai 2066

Habe den Kurs übrigens heute Nachmittag geändert: Straight West-West-Süd. Von nun an geht es so gut wie nur noch Richtung Westen.

tado ink | 14.05.2010 | Logbuch Stichijows Papiere
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