Ach diese Griechen

Einer redet Klartext

Vor 37 Jahren schrieb Nikos Dimou, ein griechischer Schriftsteller, Philosoph und (auf Zeit auch) Werbedesigner, über seine Landsleute: »Ein Grieche nimmt die Realität prinzipiell nicht zur Kenntnis. Er lebt zweifach über seine Verhältnisse und verspricht das Dreifache von dem, was er halten kann.« Wie, das kommt ihnen irgendwie bekannt vor? klinge nicht im mindesten veraltet? erinnere Sie schwer an die europäische Misere dieser Tage. Nun denn ...

Dem ist tatsächlich so. Nikos Dimous Betrachtungen über die Griechen sind brandaktuell. Sie lohnen die Lektüre. Und das nicht nur für jene, deren einzige Freude darin besteht, sich in ihren Vorurteilen bestätigt zu sehen. Dimou hat einiges mehr zu bieten, Erklärungen zum Beispiel. Gerade eben ist im Verlag Antje Kunstmann das vielleicht skandalträchtigste, zugleich meistgelesene seiner Bücher erschienen: »Vom Unglück, ein Grieche zu sein«. In Griechenland hat es ihm rasch den Ruf eines Vaterlandsverräters und Nestbeschmutzers eingetragen, Dimou selbst begreift sich als »Anti-Hellene«. Was er zu sagen hat, dürfte in den den Ohren eines Griechen nicht gerade schmeichelhaft klingen, wer sich aber einmal mit unbefangenen Blick auf dem griechischen Archipel umgesehen hat, kann ihm nur zustimmen. Um ein Beispiel zu geben:

»Während die eine Hälfte der Griechen sich bemüht, Griechenland in ein fremdes Land zu verwandeln, ist die andere Hälfte ausgewandert. Mit Methode und System, die unserem Alltagsleben und unserer Arbeit fehlen, konzentrieren wir uns auf unsere geheime Mission: das wunderbare Land, das uns das Schicksal zugeteilt hat, so effektiv wie möglich zu zerstören. Tief in uns glauben wir, dass wir es nicht wert sind, in einem so schönen Land zu leben. So versuchen wir, es ,auf unseren Standard' zu bringen. Auf unser Niveau. Deshalb verbauen wir es mit Zement und Müll.«

Ein kluges Buch, wie man sieht: intelligent und vorurteilsfrei, gesättigt zudem mit Erfahrung und Wissen. Dimous Betrachtungen und Überlegungen gehen selten fehl, seine Sätze treffen fast immer ins Schwarze – eine Kunst, der man in Europa nur noch selten begegnet (weiß der Teufel weshalb). Man hat es mit dem Buch eines von Witz und Esprit sprühenden Satirikers und Moralisten zu tun – blendend formuliert, geschickt arrangiert, scharfsinnig im Urteil, und von daher im Nachgeschmack ein wenig bitter, naturgemäß. Obgleich bereits vor mehr als einem viertel Jahrhundert zu Papier gebracht, zur Zeit der Obristenherrschaft noch, liest »Vom Unglück, ein Grieche zu sein« sich, als ob der Zahn der Zeit den Überlegungen Dimous nicht das mindeste hätte anhaben können.

 

Ach diese Griechen

Zwischen Lesbos und Chios | New York Times 2011

 

War es in der Zeitung, war es im Netz? Egal. Irgendwo las ich, es handle sich bei dem Buch um eine Sammlung von Aphorismen. Mir scheint, man hat es eher mit Merksätzen oder Sentenzen zu tun, die mit dem Anspruch schwanger gehen, als Traktat gelesen zu werden, als Abhandlung über Glück und Unglück überhaupt, und das der Griechen im besonderen. Aber um das letztlich beurteilen zu können, müsste ich das Buch erstmal lesen. Von der ersten bis zur letzten Seite. Was ich bis heute nicht getan habe, wie ich einräumen muss. Ich kenne es bis jetzt nur von Kostproben. Die freilich schmecken lecker, köstlich sogar. Sorgfältig gehegte Geistesfrüchte eines wahren Griechen und »guten Europäers«. Schade, dass es nurmehr so wenig Leute vom Schlage eines Nikos Dimou gibt. Es stünde besser um Griechenland und das, was man einst das Abendland nannte oder aber auch Hesperien. Europa liegt seit langem schon tief verschüttet unter den gleißenden Bürotürmen von Brüssel begraben, und es ist absehbar, dass weder der EFSF noch der mit ihm verknüpfte Finanzhebel je in der Lage sein werden, es aus dieser Situation zu befreien. Spitzhacken aus dem Hause Dimou dagegen schon. So mein Eindruck.

Nikos Dimou: Vom Unglück, ein Grieche zu sein. Verlag Antje Kunstmann: München 2012.

http://www.ndimou.gr/index_gr.asp

 

tado ink | 26.02.2012 | Frontberichte
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