Achtung “Nachhaltig”!

Eine Polemik in nuce

Selbst auf die Gefahr hin, in ganz üble Gesellschaft zu geraten, ich kann mir den Satz nicht verkneifen: Immer wenn ich das Wörtchen „nachhaltig" oder „Nachhaltigkeit" höre, entsichere ich meine Magnum. Selten ist mir ein Wort so auf den Keks gegangen. Nicht nur dass Hinz und Kunz mit dem Wörtchen „nachhaltig" inzwischen nur so um sich werfen und es in Zusammenhängen benutzt wird, in denen es ganz und gar unangemessen ist, nein, was mich an dem Wort in Rage bringt, sind die ultrakonservativen Implikationen, die es birgt und transportiert. Man achte drauf.

Nicht anders als in der Forstwirtschaft, aus der der Begriff stammt (»Oberförster, ik hör dir trapsen.), zielt die Rede von der Nachhaltigkeit ja doch stets auf so etwas wie Besitzstandswahrung, auf die Beibehaltung, Zementierung oder Einfrierung, im zeitgenössischen Jargon gesprochen: auf die Pflege der Dinge und Verhältnisse so wie sie gerade sind oder aber als natürlich oder ideal vorgestellt werden. »Wir müssen unseren Kindern die Erde in eben dem Zustand übergeben, in dem wir sie vorgefunden haben.« Heißt es. Als ob sich der Lauf der Dinge anhalten oder konservieren liesse, Natur und Geschichte etwas sind, das die Menschen wenn nicht im Griff haben, so doch in den Griff bekommen könnten. Sancta simplicitas! Wie vermessen, wie naiv, wie deutsch ist das denn. Wie konservativ auch, wie Schrecken erregend konservativ. Als ob es das Jahr '68 gar nie gegeben hätte.

Es wird höchste Zeit, den Damen und Herren aus Politik und Wirtschaft, die, ob links oder rechts, mittlerweile von der Nachhaltigkeit als allein selig machenden Prinzip schwärmen, eine Bemerkung Vladimir Nabokovs hinter die Löffel zu schreiben: »Die Welt ist ein ozonblauer Schauder, und wir stecken mittendrin.« Allein ich fürchte, für derart sublime Sätze ist in Deutschland heute weniger denn je ein Ohr zu finden. Außerdem liegt es mir fern, mich zum praeceptor germaniae aufzuschwingen. Das überlass ich gern den Oberlehrern, mit denen dieses Land zu genüge gesegnet ist.

tado ink | 08.09.2011 | Frontberichte
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