Altamont

oder das Ende der 60er?

Am 6. Dezember 1969 stirbt bei einem Konzert der Rolling Stones in Altamont, in der Nähe von San Francisco, Meridith Hunter, ein 18-jähriger Schwarzer, und mit ihm ein ganzes Jahrzehnt. Schlagworte wie „der Tod der Gegenkultur", „der Verlust der Unschuld" oder „das Ende des Hippie-Traums" veranschaulichen die symbolisch-mythische Signifikanz, die diesen Tag seither umgibt. Was war passiert?

Die Rolling Stones, die bösen Buben des Rock, die 1965 mit dem Song „(I can't get no) Satisfaction" das Lebensgefühl einer ganzen Generation auf den Punkt gebracht hatten, spielten ihre erste USA-Tournee in drei Jahren. Drogendelikte und Bequemlichkeit hatten jeden musikalischen Abstecher in die Vereinigten Staaten seit 1966 verhindert und entsprechend ihrer Popularität war die Antizipation gewaltig. Ausschlaggebend für das was folgen sollte, war ein Artikel des einflussreichen Rockkritikers Ralph Gleason, in dem er der Band ihre offensichtliche Arroganz und die enorm hohen Eintrittpreise vorwarf. Schuldbewusst beschlossen Mick Jagger und Co., ihre Let it Bleed Tour als „Versöhnungsgeste" mit einem Gratiskonzert zu beenden.

Misstrauisch waren viele hinsichtlich der vermeintlich altruistischen Motive. Stimmen behaupteten, die Veranstaltung eines Konzerts mit dem inoffiziellen Titel „Woodstock West" oder „Anti-Woodstock" sei nichts anderes als eine Antwort auf das viel gerühmte Festival, das erst knapp vier Monate zuvor am anderen Ende Amerikas stattgefunden hatte. Zu den Prestigegelüsten gesellte sich schließlich noch die Idee eines Tourneefilms, der aus dem „Free Concert" eine lukrative Investition machen sollte. Wie dem auch sei, die Dokumentation Gimme Shelter hat auch heute, 40 Jahre nach ihrer Entstehung, nichts von ihrer zwiespältigen Anziehungskraft eingebüßt. Sie beschönigt nichts und zeigt die hektischen Verhandlungen über einen Veranstaltungsort, die mehr als schlampige Vorbereitung und schließlich den puren Wahnsinn des Festivals, bei dem ein in mehrfachem Sinne berauschtes, ca. 300.000 Zuschauer zählendes Publikum, einer Gruppe von brutalen und rücksichtslosen Bikern gegenüberstand.

Ob der damalige Tourmanager der Stones, Sam Cutler, die Hell's Angels tatsächlich als Sicherheitspersonal für Bier im Wert von 500 Dollar anheuerte, konnte nie zweifelsfrei geklärt werden. Sofern dies zutrifft, war die Entscheidung, den Bereich zwischen Publikum und der zu niedrigen Bühne durch den Schutz der Biker zu sichern, alles andere als weise. Zwar wurden die Outlaws oft als Sympathisanten der Hippies gesehen; in Wirklichkeit stellten sie aber ihr genaues Gegenteil dar.

Die Auftritte der neben den Stones gastierenden Bands Santana, Jefferson Airplane, The Flying Burrito Bros. und Crosby, Stills & Nash' wurden allesamt von gewalttätigen Ausschreitungen begleitet, bei denen die betrunkenen und zugedröhnten Biker ungeöffnete Bierdosen in die Menge warfen und Gebrauch von ihren Billardqueues machten. Die ca. 850 davon erlittenen Verletzungen, darunter dutzende Fleischwunden und Schädelfrakturen, bilden jedoch lediglich den Prolog für die wirklich erschütternden Bilder, die sich beim Auftritt der Rolling Stones ereigneten.

Altamont

Gimme Shelter, der Film

Während Mick Jagger seinen faustischen Reigen aufführt und die Musiker hinter ihm die düstere Nacht von Altamont beschallen, zieht Meridith Hunter unmittelbar vor der dicht gedrängten Bühne eine Pistole und wird im Chaos des Geschehens von einem Mitglied der Hell's Angels entwaffnet und brutal niedergestochen. Auch wenn es zu dem Zeitpunkt die wenigsten bemerkt haben wollen, die Filmbilder enthüllen den Blick auf die dämonische Seite von Flower Power.

Bei aller Berücksichtigung des tragischen Ausgangs von Altamont; die Relevanz der juristischen Folgen und ihrer Begleitumstände verblasst angesichts der Legendenbildung, die einen Tag im Dezember des Jahres 1969 zum letzten seiner Ära erklärte. Die Frage, warum der Traum von „Love, Peace, and Music" in nur knapp vier Monaten nach Woodstock auf diese Art zerplatzen konnte, ist dabei schon von vornherein falsch gestellt. Bei der Reduzierung der 60er-Jahre auf eine Zeit der Unschuld voller Liebe, Frieden und Blumen handelt es sich um eine drastische Mythologisierung. Altamont den „Sargnagel" dieser Zeit zu nennen, missachtet letztendlich die Tatsache, dass 1969, in einem Jahr der Extreme, schlechte Trips, Gewalt und Hysterie zu jeder Zeit allgegenwärtig waren.

Matthias Back

tado ink | 07.05.2010 | 1969
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