Altweibersommer

Drei Gedichte

Seit Wochen tut sich nichts. Es herrscht reichlich Langeweile an Bord. Der Captain ist für niemanden zu sprechen. Es heißt, er habe sich in die Studierstube verkrochen, um Forschungen nachzugehen, die keinen Aufschub dulden. Dann eben ohne ihn und sein Einverständnis. Ich, David Séchard, Nachrichtenoffizier auf der Mortobello, erlaube mir das Schweigen zu durchbrechen, in das Pop 'em up seit geraumer Zeit verfallen ist, und zwar mit nicht mehr und nicht weniger als drei Gedichten von Afanassij Stichijow. Unverfängliches Zeug, wie mir von mehreren Seiten versichert wurde.

 

 

zerstochen bis aufs hemd

die brille weg

weh dem der flennt

die sohlen abgelaufen

kein ort den ich nicht sah

wie herrlich – st. petersburg wunderbar.

 

(august 2003)

 

 

 

Es schweigen die Kanäle...

Von fern ein schwaches Rauschen nur:

Ein Flackern, dumpfe Träume,

Ein Traum? Bilder, Hirns Fraktur.

 

Ein Säuseln, Summen wie aus Röhren,

Erstickte Schreie – 

  doch niemand der sie hört.

 

  De profundis clamavi

 

  (12. 11. 1999)

 

Altweibersommer

Alexander N. Benois: Das Bad der Marquise (1906)

 

Zauber unserer Ferne,

Magie der Fremde,

Ein Hauch von Liebe,

Gefährliche Spur,

Lied der Erde,

Weisse Nächte,

Irrlicht über Sümpfen,

Frost im Sommer,

Kein Gesang mehr!

Keiner? ach wie schwer.

 

(Spätsommer '93)

tado ink | 29.08.2010 | Stichijows Papiere
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