Am Nullpunkt Europas

Paul Valéry

Und jetzt – auf einer ungeheuren Terrasse von Helsingör, die von Basel bis Köln reicht, die an die Dünen von Nieuport, an die Sümpfe der Somme, an die Kreidefelsen der Champagne und den Granit des Elsaß grenzt, erschaut der europäische Hamlet Millionen Gespenster.

Aber er ist ein sehr intellektueller Hamlet. Er meditiert über Sein und Nichtsein der Wahrheiten. Die Geister, die ihm erscheinen, sind – alle Probleme, um die wir streiten; unsere Ruhmestitel, für ihn sind sie Gewissensqualen; er erliegt unter der Last der Erfindungen, Kenntnisse, Methoden und Bücher, unfähig darauf zu verzichten, außerstande sich dieser grenzenlosen Tätigkeit neu hinzugeben. Er denkt der Qual, das Vergangene wiederzubeginnen, des Wahns, immer wieder Neues zu wollen. Er schwankt zwischen beiden Abgründen, da zwei Gefahren nicht aufhören die Welt zu bedrohen: Ordnung und Chaos.

Greift er nach einem Schädel, so ist es ein erlauchter Schädel. – ›Wessen warst du?‹ – Der da war Lionardo, der den fliegenden Menschen ersann. Ach, der fliegende Mensch hat nicht gerade den Absichten seines Erfinders gedient: In unseren Tagen hat der Mensch, der ›auf dem Rücken eines großen Schwans‹ fliegt (il grande uccello sopra del dosso del suo magnio cecero), bekanntlich andere Aufgaben als die, Schnee von den Gipfeln der Berge zu holen, um ihn an Tagen der Hitze auf die Straßen der Städte zu streuen... Und der da ist der Leibnizens, der vom Weltfrieden träumte. Und der da war Kant; Kant zeugte Hegel, dieser zeugte Marx, dieser zeugte – wen?

Hamlet ist sehr unschlüssig, was tun mit all diesen Schädeln. Soll er sie preisgeben?... Wird er dann nicht aufhören, er selbst zu sein? Sein unheimlich hellsichtiger Geist erwägt den Übergang vom Krieg zum Frieden. Dieser Übergang ist noch dunkler, noch gefahrvoller als der vom Frieden zum Krieg; alle Völker stehen ratlos davor. »Und ich,« spricht er zu sich, »ich, Europas Intellekt, wie wird mein Schicksal sein? ... Und was ist der Friede? Der Friede ist vielleicht jener Stand der Dinge, in dem die angeborene Feindschaft der Menschen gegeneinander sich durch Schöpfungen kundgibt, statt sich durch Zerstörung zu äußern, wie im Krieg. Es ist die Zeit schöpferischer Zusammenarbeit, kämpfenden Schaffens. Und ich selbst, bin ich nicht des Schaffens müde? Habe ich nicht meine Begierde nach kühnsten Versuchen erschöpft? Habe ich nicht mit den subtilsten Mischungen Mißbrauch getrieben? Gilt es, meinen schweren Pflichten und meinem transzendenten Streben zu entsagen? Soll ich mich der Strömung überlassen und handeln wie Polonius, der jetzt eine große Zeitung herausgibt? wie Laertes, der irgendwo Flieger ist? wie Rosenkrantz, der unter russischem Decknamen ich weiß nicht was treibt?

 – Fahrt hin, Gespenster! Die Welt bedarf euer nicht mehr. Noch meiner. Die Welt, die ihrem Hang zu unseliger Verstandesschärfe den Namen ›Fortschritt‹ gibt, trachtet die Güter des Lebens mit den Vorteilen des Todes zu verbinden. Noch herrscht in manchem Unsicherheit. Ein wenig Geduld, und alles wird sich aufklären; schließlich wird vor unseren Augen ein Wunder entstehen, eine vollkommene Gesellschaft von Lebewesen, der endgültige Ameisenstaat.«

 

[Paul Valéry: Die Krise des Geistes. Drei Essays, hrsg. v. Herbert Steiner, Frankfurt/M. 1956, S. 12ff.]

 

 

tado ink | 09.05.2015 | Frontberichte
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