An Édouard Manet

Charles Baudelaire

 

Mein lieber Freund!

Ich danke ihnen für den freundlichen Brief, den mir Herr Chorner heute morgen brachte, sowie für die Notenblätter.

 

Seit einiger Zeit habe ich die Absicht, zweimal durch Paris zu reisen, einmal auf der Hinreise nach Honfleur, und dann auf der Rückfahrt; ich hatte das nur diesem närrischen Rops anvertraut und ihn gebeten, es geheim zu halten, da ich kaum Zeit haben würde, zwei oder drei Freunden die Hand zu drücken; aber nach dem, was mir Herr Chorner sagt, hat es Rops mehreren Leuten mitgeteilt, woraus natürlich folgt, daß mich viele Personen in Paris vermuten und mich für undankbar halten und glauben, ich hätte sie vergessen.

Falls Sie Rops sehen, beachten Sie gewisse arg provinzlerische Äußerlichkeiten nicht. Rops hat sie gern, Rops hat den Wert ihrer Intelligenz begriffen, und hat mir sogar einige Ansichten über die Leute, die ihnen übel wollen, anvertraut (denn es scheint, daß Sie die Ehre haben, Haß zu erregen). Rops ist der einzige wahre Künstler (in dem Sinne, in dem ich, und zwar vielleicht nur ich allein das Wort Künstler begreife), den ich in Belgien gefunden habe.

Ich muß jetzt noch einmal auf Sie selbst zurückkommen und muß mich bemühen, Ihnen zu beweisen, was sie wert sind. Aber es ist zu dumm, was Sie alles beanspruchen. Man spottet über Sie; die Späße bringen Sie auf; man versteht es nicht, Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, etc. etc. Glauben Sie denn der erste Mensch zu sein, der in diese Lage versetzt ist? Sind Sie mehr als Chateaubriand und Wagner? Dennoch hat man sich über diese beiden lustig gemacht. Die sind aber nicht daran gestorben. Und um Sie nicht allzu hochmütig zu machen, will ich Ihnen sagen, daß diese Männer, jeder in seiner Art, Muster sind, und zwar für eine Menge sehr hervorragender Menschen; und daß Sie nichts sind als der Erste in dem Niedergang ihrer Kunst. Ich hoffe, Sie nehmen mir die Unverfrorenheit, mit der ich Sie behandle, nicht übel. Sie kennen meine Freundschaft für Sie.

Ich wollte einen persönlichen Eindruck von diesen Herrn Chorner gewinnen, soweit ein Belgier überhaupt als Person in Betracht kommt. Ich muß sagen, daß er sehr liebenswürdig war, und daß das, was er mir sagte, mit dem übereinstimmt, was ich von Ihnen und was einige Menschen von Geist über Sie äußern: »Fehler, Schwächen, Mangel an Sicherheit sind ja da, aber in all dem liegt ein unwiderstehlicher Zauber«. Ich weiß das alles; ich war einer der ersten, die das begriffen haben. Er fügte hinzu, daß das Gemälde, das die nackte Frau darstellt, mit der Negerin und der Katze (ist es auch gewiß eine Katze?) weit bedeutender ist als das religiöse.

Von Lemer nichts Neues. – Ich glaube, ich gehe selbst Lemer aufrütteln. Um hier Pauvre Belgique zu endigen – dazu bin ich unfähig; ich bin geschwächt, erschöpft. Ich muß eine Masse Dichtungen in Prosa an zwei oder drei »Revuen« verteilen. Aber ich kann nicht mehr weiter. Ich leide an einem Übel, das ich nur in meinen Knabenjahren kannte – als lebte ich verloren am Ende der Welt. Und dennoch bin ich kein Patriot.

C. B.

 

An Édouard Manet

Édouard Manet: Das Begräbnis | 1867-1870?

 

Charles Baudelaire an Édouard Manet | Donnerstag, 11. Mai 1865 / als leicht modifizierte Fassung der Übersetzung von Auguste Förster; nach: Baudelaire. Briefe 1841-1866, Minden 1909, S. 397ff.

tado ink | 13.02.2011 | Stichijows Papiere
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