Atem

Samuel Beckett

1965 schrieb Samuel Beckett ‚Kommen und Gehen'. Das Stück dauert etwa drei Minuten und verwendet 123 gesprochene Worte. Offenbar gewann Beckett den Eindruck, daß selbst das noch viel zu viel sei. ‚Atem', als Vorspiel für Kenneth Tynans Revue ,Oh! Calcutta' konzipiert und 1969 in New York uraufgeführt, dauert genau 35 Sekunden und kommt gänzlich ohne Schauspieler und Worte aus. Pop 'em up bringt den vollständigen Text (einschließlich aller Bühnenanweisungen), nebst dem Kommentar von Al Alvarez.

„Dunkel. Dann

1. Schwache Beleuchtung der Bühne, auf der verschiedenartiger, nicht erkennbarer Unrat herumliegt. Etwa 5 Sekunden lang.

2. Schwacher, kurzer Schrei und sofort danach gleichzeitig Einatmen und allmählich aufhellende Beleuchtung bis zu dem nach etwa 10 Sekunden gleichzeitig zu erreichenden Maximum. Stille, etwa 5 Sekunden lang.

Ausatmen und gleichzeitig allmählich dunkelnde Beleuchtung bis zu dem nach etwa 10 Sekunden gleichzeitig zu erreichenden Minimum (Beleuchtung wie bei 1) und sofort danach Schrei wie vorher. Stille, etwa 5 Sekunden lang. Dann

Dunkel.

Unrat: nichts steht, alles liegt verstreut herum.

Schrei: Moment eines auf Tonband aufgenommenen Vagitus. Wichtig ist, daß beide Schreie identisch sind und daß Beleuchtung und Atemgeräusch genau übereinstimmend zu- und abnehmen.

Atem: verstärkte Tonbandaufnahme.

Maximum der Beleuchtung: nicht zu hell. Wenn 0 = dunkel und 10 = hell, so sollte die Beleuchtung von 3 bis 6 zunehmen und entsprechend abnehmen."

 

Atem

Samuel Beckett: Breath | Urauff├╝hrung New York 1969

 

Der Doppelsinn des Wortes „inspiration" scheint unbeabsichtigt zu sein, doch vielleicht ist dies das Bild, nach dem Beckett die ganze Zeit gesucht hatte, sein Schlußkommentar zur Lage des Menschen: eine Bühne, auf der sich außer ein wenig Unrat nichts befindet, eine trübe Beleuchtung, die sich nie zu wirklicher Helligkeit intensiviert, der schwache Schrei eines neugeborenen Kindes, ein einziges Ein- und Ausatmen, ein zweiter schwacher Schrei, dann Schweigen. So viel zum Leben. So viel auch zur reifen Prosa des Sekretärs der schwedischen Akademie, die Beckett den Nobelpreis verlieh: „Im Reiche der Vernichtung erhebt sich das Werk Samuel Becketts wie ein Miserere der ganzen Menschheit, das in gedämpftem Moll den Unterdrückten Befreiung verkündet und den Notleidenden Trost zuspricht." Das einzige Miserere, das Beckett jemals geäußert hat, galt jenen, auf denen der Zwang des Schreibens lastete, und die einzige Befreiung, die ihn interessiert, ist die Befreiung vom Druck der Sprache.

In diesem Zusammenhang scheint ‚Atem' eine unvermeidliche Entwicklung darzustellen. Wenn ein Schriftsteller sich sein Leben lang der Aufgabe gewidmet hat, die hoffnungslose Verlorenheit in all ihren Formen zu schildern – in materieller und emotionaler Hinsicht, an Landstreichern und Geistesgestörten –, dann schreibt er, wenn er konsequent ist, am Ende ein Kunstwerk, das seinen Kunstcharakter verloren hat. In welch starkem Maße dies der Fall ist, wird deutlich; wenn man ‚Atem' mit einer Passage jenes anderen Meisters der Verzweiflung, Kierkegaard, vergleicht:

„Hört auf das Weinen des neugeborenen Kindes in der Stunde der Geburt – seht die Todeskämpfe in der letzten Stunde – und dann sagt, ob das, was auf diese Weise anfängt und endet, als Vergnügen gedacht sein kann.

Wahr genug, wir Menschen tun alles, um so schnell wie möglich von diesen beiden Punkten fortzukommen, eilen so sehr wir können, um das Geburtsweinen zu vergessen und es in Freude zu verwandeln darüber, daß einem Wesen das Leben gegeben wurde. Und wenn jemand stirbt, sagen wir sogleich: sanft und friedlich ist er verschieden, der Tod ist ein Schlaf, ein stiller Schlaf – sagen es nicht dem Gestorbenen zuliebe, denn unser Reden kann ihm nicht helfen, sondern uns selbst zuliebe, um nichts vom Lebenshunger zu verlieren, um alles derart zu verändern, daß es der Stärkung des Lebenshungers in der Zeit zwischen dem Geburtsweinen und dem Todeswimmern dient, zwischen dem Schreien der Mutter und des Kindes Wiederholung dieses Schreiens, wenn das Kind irgendwann stirbt.

Stellt euch vor, es gebe irgendwo eine große und glänzende Halle, wo alles getan würde, um Freude und Lustbarkeit zu erwecken – der Eingang zu diesem Raum aber sei eine schmutzige, schlammige, widerwärtige Treppe, und es sei unmöglich hineinzugelangen, ohne sich ekelhaft zu besudeln, und Einlaß zahle man, indem man sich für ehrlose Zwecke hingäbe, und wenn der Tag graue, sei die Lustbarkeit vorüber und ende damit, daß man wieder hinausgeworfen werde – doch die ganze Nacht hindurch geschehe alles, um Festlichkeit und Vergnügen zu entfachen und zu unterhalten!

Worin besteht Reflexion? Lediglich im Reflektieren über die beiden Fragen: wie bin ich in dieses und jenes hineingelangt, und wie gelange ich wieder hinaus, wie endet es? Und was heißt Gedankenlosigkeit? Jegliches aufbieten, um alles über Eintritt und Abgang im Vergessen zu ertränken, jegliches aufbieten, um Eintritt und Abgang neu zu erklären, wegzuerklären, einfach verloren sein an die Zeit zwischen dem Geburtsschrei und der Wiederholung dieses Schreis, wenn derjenige, der geboren wurde, im Todeskampf verscheidet."

A. Alvarez: Samuel Beckett, München 1975, S. 131ff.

tado ink | 21.11.2010 | 1969
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