Au bout du monde

19./23. Februar 2046

Eben traf eine Depesche aus London ein. Absender Lord Bellamont. Die Gesellschaft derer von Hesperus, so die Nachricht, sei außerordentlich besorgt über gewisse Vorfälle auf der Mortobello. Man habe Nachricht von der Operation Auslöschung erhalten und erachte die von mir angeordneten Maßnahmen, insbesondere die Zerstörung der Fernsehgeräte, für reichlich überzogen. Es sei, so Lord Bellamont weiter, für die Gesellschaft absolut inakzeptabel, dass die Mission Hesperus fortan ohne jedwede Rückkoppelung mit der Bodenstation und in Unkenntnis heimischer Angelegenheiten durchgeführt werde. Einige, so Bellamont am Ende der Depesche, mokierten sich bereits offen über gewisse, als bizarr empfundene Idiosynkrasien meines Charakter, rümpften bedenklich die Nase über die Art und Weise, wie ich die Geschäfte auf der Mortobello führe. Es bestünde die Gefahr, dass die Gesellschaft mich meines Postens enthöbe.

Dass ich nicht lache. Die Herrschaften können mich mal. Die Mannschaft steht hinter mir, der Offiziersstab auch. Ich pfeife auf das, was die Society sagt. Außerdem sollten die Damen und Herren wissen, dass die Fernsehgeräte, die ich durch Florence und ihren Stab vor einiger Zeit habe zerstören lassen, dass eben diese Fernsehgeräte längst wieder in Betrieb sind. Es handelt sich bei den an Bord befindlichen Geräten um Modelle vom Typ Sony 98.6. Unkaputtbar, laut Angaben des Herstellers. Sie besitzen die bemerkenswerte Eigenschaft, sich innerhalb kürzester Zeit zu regenerieren, und zwar in eben der Gestalt, Form und Funktion, in der sie Schaden gelitten oder aber wie in unserem Fall demoliert wurden. Nanotechnik japanischer Machart, ungezählte Miniaturprogramme, die in einem jeden Teil, in jeder Faser eingelassen sind und augenblicklich dafür sorgen, dass noch der kleinste eingetretene Schaden am Gerät sofort wieder behoben wird. Die Fernsehgeräte recyceln sich gewissermassen selbst. Aber das wissen die ehrenwerten Damen und Herren natürlich nicht, wie sie überhaupt recht wenig zu wissen scheinen, diese unsere Herrschaften von und zu. Heuchler! Schwindler! Hochstapler! Schlawiner! Einer wie der andere. Fortlaufend lassen sie sich von verschiedensten Seiten alles Erdenkliche zutragen und beweisen doch, wenn es darauf ankommt, nicht den geringsten Sachverstand. Wozu auch. Es geht eh besser ohne. Zur Not reden sie sich damit heraus, bei der Unmenge an Quellen und Aufgaben, mit denen sie Tag für Tag zu tun haben, kurz den Überblick verloren zu haben. Fehler unterlaufen schließlich jedem einmal, nicht wahr. Mit einer derartigen Ausrede käme hier an Bord niemand durch, höchstens der kleine Hawkins. Wir bleiben auf Kurs, ziehen die vorgeschriebenen Schleifen längs des Mid Atlantic Ridge.

Mittwoch vor einer Woche lief auf der Mortobello übrigens nach langer Zeit wieder einmal ein Film, »A Torinói Ló«, der Streifen eines mir, wie ich gestehen muss, bisher völlig unbekannten, ungarischen Regisseurs mit Namen Béla Tarr. Gestern, vielleicht war es auch vorgestern oder aber vorvorgestern, wer weiss – es gibt weiterhin massiv Probleme mit den Chronometern an Bord –, egal, wann genau auch immer, ob gestern oder vorgestern oder vorvorgestern kam die Nachricht rein, Béla Tarr habe für eben diesen seinen Film auf einem renommierten deutschen Festival, der Berlinale, einen Silbernen Bären erhalten, und zwar als Sonderpreis der Jury. – Séchard, muss ich einräumen, ist doch ein ausgemachtes Trüffelschwein. Oder sollte er im Vorfeld bereits gewusst haben, dass es eben dieser Film sein wird, der als einer der Gewinner aus dem Wettbewerb hervorgehen wird? Wer weiss. Findig und durchtrieben, wie er ist, hat er es jedenfalls hinbekommen, einigen Leuten unseres Filmteams, die sich gerade in Berlin aufhalten, die Order zu erteilen, aus dem Friedrichstadtpalast, wo »Das Turiner Pferd« nach seiner Premiere noch einmal dem breiten Publikum gezeigt werden sollte, nicht einfach nur zu berichten, sondern, sofern möglich, die Aufführung des Films direkt zu übertragen, via Satellit, mit einer Art Standleitung zur Mortobello. Und es ist ihm und den Jungs gelungen. Chapeau, Monsieur Séchard!

Die Mannschaft und der Stab waren Tage vorher bereits voller Erwartung und ziemlich aufgeregt. Ich hatte für die Mittagszeit allen drei Stunden freigegeben. »Mittwoch, High Noon«, so die Ankündigung, die seit Sonntagabend regelmäßig über die Monitore und Leuchtbänder lief, »A TORINÓI LÓ, der neueste Film von Béla Tarr, live aus dem Friedrichstadtpalast, Berlin«. Von der Wache und dem Steuermann abgesehen, stand es einem jedem frei, der Übertragung beizuwohnen. Und es gab kaum einen an Bord, der sich den Film des Ungarn hat entgehen lassen.

Es fing vielversprechend an, mit einer Anekdote, die aus dem Off erzählt wurde, während die Leinwand schwarz blieb. Sie handelt von Nietzsche und wie dieser eines Tages auf offener Straße in Turin einem Droschkengaul um den Hals fiel, der von seinem Herren und Meister, einem armseligen Kutscher, aufs übelste mit der Peitsche zugerichtet wurde, da das Pferd, vollkommen ausgelaugt, sich standhaft weigerte, auch nur ein Bein vor das andere zu setzen. Entsetzt über die Brutalität der Szene und von Mitgefühl ergriffen, brach Nietzsche tränenüberströmt am Hals der geschundenen Kreatur zusammen. Von dem Wirt, in dessen Pension er sich einquartiert hatte und der zufällig des Weges kam, wurde der Philosoph weggeführt und aufs Zimmer gebracht. Was mit Nietzsche anschließend geschah, weiß man – erst kam die Psychiatrie, dann wurde er zur Pflege seiner Mutter und der Schwester überstellt –, wie es aber dem Groschkengaul in den Tagen nach der Begegnung erging, darüber schweigt die Geschichte.

 

Au bout du monde

Béla Tarr: A Torinói Ló (Still) | 2011

 

Béla Tarr versprach mit seinem Film, ein wenig Licht ins Dunkel dieses von der Geschichte übergangenen Kapitels aus der jüngsten Vergangenheit Europas zu bringen. Und in gewisser Weise hielt er sein Versprechen. Schade nur (oder soll man sagen dumm?), dass bereits nach etwa einer Stunde hier und da an Deck erste Schnarcher zu hören waren. Und je länger die Vorführung dauerte, desto mehr Schnarchlaute unterschiedlicher Art und Färbung erklangen an Bord. Gegen Ende der Vorstellung, nach mehr als 2 1/2 Stunden Anti-Action-Kino pur, schien es, als ob sich still und heimlich ein Chor von Schläfern gebildet hätte, der dem Film mit seinem an- und abschwellenden oder aber stotternd sich hochschraubenden und dann unversehens abbrechenden Geschnarche einen zweiten Soundtrack zu verpassen entschlossen war. Kurz kam mir der Gedanke, es handele sich beim Schnarchen um eine Protestaktion, womöglich gar um den Start einer Meuterei, allein mir ging es ja doch nicht anders als der Mannschaft. Unmöglich, sich der großen Müdigkeit zu erwehren, mit der Tarrs Film einen ansteckt.

Als ich das erste Mal weg dämmerte und kurze Zeit später, peinlich berührt, erwachte, war auf der Leinwand immer noch die Einstellung zu sehen, die mir von dem Moment vor Augen stand, in dem ich weg gedämmert sein musste. Und es nahm kein Ende, wurde zusehends schlimmer. Die Aufführung zog sich hin, der Film wollte kein Ende nehmen. Eine Einstellung folgte auf die andere, aber nichts passierte oder so gut wie Nichts. Ein Tag war wie der andere. Gezeigt wurden Ausschnitte aus dem Leben eines Kutschers, der mit seiner Tochter und einem abgehalfterten Gaul, dem Turiner Pferd, auf einem Einödhof aufs Ende wartet, ein elementares Dasein fristend, hart am Existenzminimum. Um das Haus kreist die ganze Zeit ein Sturm. Streng in Schwarz-Weiss gehalten, kein Wort zuviel, Gesten nur, die Handlung und der Dialog auf ein Minimum gestutzt, No Action, please, wie gesagt, statt dessen bekamen wir die ewig gleichen alltäglichen Verrichtungen und Rituale vorgesetzt, und das in ewig gleich aufgebauten, quälend langen Einstellungen. So ging es in einem fort, weit mehr als über zwei sich endlos hinschleppende Stunden lang. Und da soll ich es den Leuten verübeln, wenn sie schnarchen?

Séchard war natürlich begeistert, er raunte etwas von der Nachtseite der Welt, und dass es Tarr gelungen sei, die Schöpfungsgeschichte gegen den Strich zu bürsten; er sprach auch von einer Verkehrung des Wortes, das Nietzsche angestimmt haben soll, als man ihn, nackt wie ein Gott im Wahn tanzend, aus seinem Zimmer abführte und zurück nach Basel der Psychiatrie überstellte.

In der Tat, wenn Tarr etwas erzählt, wenn er etwas zu erzählen hat, was ich nicht weiß, dann erzählt er von der schleichenden Erschöpfung aller Dinge, von der großen Müdigkeit des Seins. Zugleich aber sorgt Tarrs Film mit seinen quasi im Stillstand ablaufenden Bildern, diesen ewig langen Sequenzen bar jeder Bewegung, dafür, dass das Publikum selbst der großen Erschöpfung anheimfällt, der allmählichen Ermüdung aller Sinne, dem Schlaf. Séchard ist überzeugt, eben das sei Teil des ästhetischen Kalküls. Décadence. Ich bin mir da nicht so sicher.

tado ink | 24.02.2011 | Logbuch
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