Auch die Ferien ...

Albert Camus

Auch die Ferien brachten Jacques in seine Familie zurück, zumindest in den ersten Schuljahren. Bei ihnen hatte niemand Urlaub, die Männer arbeiteten pausenlos das ganze Jahr über. Wenn sie in Betrieben angestellt waren, die sie gegen derartige Risiken versichert hatten, verschaffte ihnen nur ein Arbeitsunfall Freizeit, und ihre Ferien waren auf das Krankenhaus oder den Arzt angewiesen.

Onkel Ernest zum Beispiel hatte sich irgendwann, als er sich erschöpft fühlte, wie er sagte, »auf die Versicherung verlegt«, indem er sich an der Rauhbank absichtlich einen dicken Span Fleisch von der Handfläche abhobelte. Was die Frauen und Catherine Cormery anging, so arbeiteten sie einfach deshalb rastlos, weil Erholung für sie alle dürftigere Mahlzeiten bedeutete. Arbeitslosigkeit, gegen die man durch nichts versichert war, war das am meisten gefürchtete Übel. Das erklärte, warum diese Arbeiter, sowohl bei Pierre wie bei Jacques zu Hause, die im Alltag die tolerantesten Menschen waren, in bezug auf die Arbeit immer fremdenfeindlich waren und nacheinander die Italiener, die Spanier, die Juden, die Araber und schließlich die ganze Erde beschuldigten, ihnen ihre Arbeit zu stehlen – eine für die Intellektuellen, die die Theorie des Proletariats entwickeln, mit Sicherheit verwirrende Haltung, und doch überaus menschlich und entschuldbar. Nicht die Beherrschung der Welt oder Geld- und Freizeitprivilegien machten diese unerwarteten Nationalisten den anderen Nationalisten streitig, sondern das Privileg der Knechtschaft. Die Arbeit war in diesem Viertel keine Tugend, sondern eine Notwendigkeit, die, um am Leben zu erhalten, zum Tode führte.

 

 

Albert Camus: Der erste Mensch. Deutsch von Uli Aumüller, Reinbek bei Hamburg 1997, S. 217

tado ink | 11.04.2017 | Stichijows Papiere
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