Auf dem Weg in den Terror

Andreas Baader, Gudrun Ensslin und andere

„Eigentlich begann es (die RAF) in Paris; soweit Andreas Baader und Gudrun Ensslin maßgeblich waren. Das ist das Spannende. Die Parisbilder zeigen den Moment, wo sie in den Untergrund gehen, sich aus der Legalität verabschieden. Sie wissen noch gar nicht, was auf sie zukommt, aber sie haben sich die Haare geschnitten und haben sich anständige Jacken angezogen. Gleichzeitig kann jeder diesen Bildern den Unernst des Unternehmens ansehen. Es fehlt jede Militanz, jede Pistole, das ganze Barbarische, was man mit der RAF verbindet." So die taz am 28.01.2005 mit Blick auf Fotos, die Astrid Proll im November 1969 von Baader und Ensslin im Café Flore schoß. Es fragt sich freilich, ob zu diesem Zeitpunkt wirklich alles noch so offen war, wie die taz im Anschluss an Astrid Proll behauptet.

Während die legendäre Befreiungsaktion des Andreas Baader, die am 14. Mai 1970 von Ulrike Meinhof durchgeführt wurde, gemeinhin als Geburtstunde der Roten Armee Fraktion gilt und weitestgehend als diese auch vom Volksmund akzeptiert wird, ist Astrid Proll diesbezüglich anderer Meinung. Die Schwester des RAF-Mitglieds Thorwald Proll begleitete und fotografierte Baader und Ensslin 1969 auf ihrer Flucht nach Paris. Um rekapitulieren zu können, was genau im Sommer 1969 vor sich ging, muss, folgt man Astrid Proll, ein wenig ausgeholt werden. Ende Juni desselben Jahres, statteten Baader und Ensslin dem Jugendheim in Staffelberg einen Besuch ab – „auf der Suche nach politischer Praxis". Diese Aktion hatte zur Folge, dass kurze Zeit später eine große Gruppe von jugendlichen Heiminsassen floh und sich ihnen anschloss. „[Für sie] war es überwältigend, dass Menschen sich für [ihre] Probleme und Wünsche interessierten, sie ernst nahmen und [ihre] Meinung hören wollten." Aus vormals politisch motivierten Heimbesuchen entwickelte sich bald eine Art Kampagne. Man versuchte dem Landeswohlfahrtsverband mit dem Besuch weiterer Heime zu drohen, um bessere Unterkünfte und Bedingungen für die Jugendlichen zu erwirken, was im November 1969 auch erstmalig Erfolg hatte. Allerdings zeigte sich die Dankbarkeit der Jugendlichen, wie bei Peter-Jürgen Boock, zum Teil in einem nahezu fanatischen Wunsch der Sühne. „Die blutige Eskalation im Deutschen Herbst des Jahres 1977 hatte ihren Ursprung 1969." So Astrid Proll. Stefan Aust schätzt die Lage ähnlich ein: „In den Erziehungsheimen saß das Potenzial für eine revolutionäre Veränderung." Durch die Aufnahme der Zöglinge in die Gemeinschaft der RAF legten Baader und Ensslin den Grundstein für sämtliche nachfolgende revolutionäre Aktionen. Die Flucht nach Paris stellte dann den entscheidenden Wendepunkt dar. Astrid Proll schreibt über das, was ´69 geschah: „Die Stimmung hatte etwas von Urlaub, von einer Zwischenzeit. Gudrun wollte ein Buch über die Heimkampagne schreiben. Das war nicht die Sache von Andreas. Die beiden suchten nach Orientierung. [...] Noch war alles offen." Diese Exilflucht und die damit zusammenhängende Umwälzung der bestehenden Strukturen aktivierte ungeahnte Sehnsüchte, die Sehnsucht nach der Revolution, dem Ausnahmezustand.

 

Auf dem Weg in den Terror

Astrid Proll: Andreas Baader | Café Flore, Paris / November 1969

 

Obwohl dem Jahr 1969 in den Chroniken und geschichtlichen Abrissen der ersten RAF-Generation in der Regel wenig Beachtung zuteil wurde, scheint es, Prolls Ausführungen zufolge, eine entscheidende Rolle im Entstehungsprozess der RAF gespielt zu haben. Urlaub zwar, aber einer mit offenen Ende. Doch nicht nur die RAF wagte einen ersten Schritt in den öffentlichen Kampf, auch andere Geschehnisse bezeugten eine weltweite Unruhe. Ebenfalls in diesem Jahr wurde mit über einem Jahr Verspätung die Massaker der US-Armee in dem vietnamesischen Dorf My Lai publik gemacht und auch Charles Mansons „family" begann zum ersten Mal aktiv zu werden. Der Kurator der Ausstellung "Man Son 1969. Vom Schrecken der Situation" Frank Barth bezieht sich in seinem Aufsatz „1969 oder die Ambivalenz der Extreme" auf das, was 1969 geschah: „Auch wenn es keine Verbindung zwischen Manson und der RAF gibt, suchen die Protagonisten in der gleichen Zeit um 1969 extreme Positionen auf. Der Fokus im Titel der Ausstellung auf das Jahr 1969 versteht sich als Ausschnitt aus einem Prozess, der bereits früher begonnen und sich weiter entwickelt hat und bis in unsere heutige Zeit hinein [...]. Barth versucht in seiner Ausstellung Verbindungslinien zwischen den Gewalttaten in Vietnam, den Attentaten der „family", den Entwicklungen der RAF-Aktionen und anderen Ereignissen dieses Jahres herzustellen, um die Ursachen und Gründe für die aufkommende Schreckenswelle ´69 freizulegen. Die Ereignisse dieses Jahres betrachtend, fällt auf, dass vieles, was sich ein Jahr zuvor noch in einer harmlos-bunten Flower-Power-Hülle versteckt hielt und nicht unbedingt den Anschein hatte, in Akten offener Gewalt zu eskalieren, im Jahre´69 auf- und hervorbrach.

„1969, heißt es immer, sei das Jahr gewesen, in dem etwas umkippte, abhob, die Unschuld verlor." Hinsichtlich dieser Untersuchung ist bei der Betrachtung von Begrifflichkeiten und den damit verbundenen Konnotationen anzusetzen. „Chiffre ´68" oder „Mythos ´68" weckt allgemein eine eher undifferenzierte Vorstellung von der Bedeutsamkeit eines einzigen revolutionären Jahres und vernachlässigt die Tatsache, dass im Hinblick auf die Schlüsselereignisse um ´68 insbesondere auch die unterschiedlichsten politischen und sozialen Transformationsprozesse der 1950er bis 1970er Jahre in den Blick genommen werden müssen. Die Abgrenzung in zeitlicher Hinsicht ist demnach unzureichend und es fehlt an Überlegungen zu einer sorgfältigen begrifflichen Fassung des Gegenstandes. Erst mit einem Abbau der genannten Defizite, könnte ein einheitlicheres Bewusstsein über die Zusammenhänge der Ereignisse um 1968 und damit insbesondere ein Verständnis für die grausam anmutende Eskalation der Taten von 1969 geschaffen werden.

Lea Ritter

 

 

Verwandte Literatur:

Aust, Stefan: Der Baader-Meinhof-Komplex, Hamburg 2008.

Barth, Frank/ Möllmann, Dirck: 1969 oder die Ambivalenz der Extreme. In: Man Son 1969– Vom Schrecken der Situation. Hamburger Kunsthalle 2009.

Astrid Proll: Noch war alles offen. Barth, Frank/ Möllmann, Dirck: 1969 oder die Ambivalenz der Extreme. In: Man Son 1969– Vom Schrecken der Situation. Hamburger Kunsthalle 2009.

tado ink | 24.11.2010 | 1969
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