Auf des toten Mannes Kiste

London eben (ii)

Ob es an dem Loch in der Gardine lag, an den runden wie Bullaugen in die Wand eingelassenen Leuchten des Hotelzimmers oder aber einfach an dem Umstand, dass er vor der Abreise wieder einmal Robert Louis Stevensons Schatzinsel gelesen hatte –, er konnte sich in London nur schwer des Eindrucks erwehren, auf einem Piratenschiff oder einer Freibeuterfestung gelandet zu sein.

Ein Klischee, wie andere Klischees auch, die über London im Umlauf sind. Gewiß, gewiß. Und doch: War es nicht eine englische Königin, die vom Tower aus der Freibeuterei ihren Segen erteilte, sie im Kampf gegen Spanien zum Instrument großer Politik erhob und damit das »goldene Zeitalter der Freibeuterei« eingeläutet hat? Tortuga, Port Royal und wie die karibischen Piratennester alle hießen –, waren es nicht englische Seefahrer und Kaufleute, die sie aus der Taufe hoben? Worauf beruht der Kolonialismus englischer Prägung, wenn nicht auf der Idee, in Übersee auf fette Beute auszugehen? Wer bildete den Vor- oder Stoßtrupp, der der britischen Marine den Zugang zu Amerika verschaffte? Waren es vielleicht nicht Piraten, auf deren Coups in der Karibik die Vereinigten Staaten von Amerika erst ermöglichten? Und was ist mit den Geschäften, die in der City of London gemacht wurden und werden, bewegen diese sich etwa nicht wie die der Freibeuterei stets hart am Rande der Legalität?

Wenn es eine Metapher oder Metonymie gibt, sagte er sich, um das Antlitz Londons zu fokussieren, dann ist es die eines Piratenschiffes. Nicht das aus römischen Zeiten stammende, von William Blake her bekannte und in der Nike-WM-2006-Werbung mit Mike Rooney revitalisierte Bild des Jünglings, der, riesig, halbnackt und mit ausgebreiteten Armen, im Morgenrot verwegen sein Haupt über den Dächern der Stadt erhebt, weder der Traum ewiger Jugend (»Swingin' London«) noch sein Widerpart, das monströse London, die alles zermalmende Metropole, wie sie in der zwielichtig düsteren, von Ausbeutung und Armut, Gier, Mißgunst und anderen Formen menschlicher Niedertracht grundierten Romanwelt eines Charles Dickens ausgemalt worden ist, nicht die Große Hure Babylon, kein Jahrmarkt der Eitelkeiten, geschweige denn ein ewiger Karneval der Kulturen, nein –, wenn es eine Metapher gibt, London ins Bild zu setzen, eine Allegorie, mit der sich die Physiologie der Stadt bis aufs Skelett durchleuchten lässt, dann die eines Piratenschiffs, schien ihm, oder die eines majestätischen Freibeuternestes.

 

Auf des toten Mannes Kiste

Von der Themse aus: Londons Financial District

 

Ein Piratenschiff, wie er glaubte, sich einbilden zu dürfen, immer noch oder wieder, seit mehr als 400 Jahren die Weltmeere (und damit den Globus) unsicher machend (von wegen »the empire is gone«, wie The Mekons sangen) –, eine ebenso prächtige wie schäbige Fregatte, die sich an manchen Orten, in der City etwa oder in den Docklands, als Luxusliner aufgetakelt hat, an anderen hingegen eher den Eindruck eines heruntergewirtschafteten Kanalkutters erweckt. Jeder Pub eine Kombüse, jede Bank eine Schatzinsel. London selbst eine, wenn nicht die Kapitale globaler Freibeuterei. Ein neues Tortuga, wie es schien, oder besser: Port Royal reloaded.

Naturgemäß fand er seine Metapher oder das Klischee an jeder Ecke bestätigt. Die Bevölkerung Londons zum Beispiel, die Mannschaft, ist, wie es sich für ein Piratenschiff gehört, bunt durcheinander gewürfelt. Sie stammt aus aller Herren Länder, setzt sich aus Leuten unterschiedlichen Standes, Glaubens und Geschlechts zusammen. Am lautesten, auffälligsten und schrillsten tritt – wie könnte es anders sein – der gemeine Engländer auf. Ein, ja, wenn man will, das Inbild des Vulgären. So kennt man ihn, so liebt (oder hasst) man ihn. – All over the world. Seine Majestät John Bull: ein Hooligan, wie er im Buche steht; selbst wo er sich als jovialer Beefeater gibt, lauert hinter der Fassade stets noch 'ne Art Punk oder Desperado.

»Sick of it all«. So der Spruch, mit dem sich sein Nachbar an der Theke des Pride of Paddington bei ihm entschuldigte, als er ihm zum dritten Mal den Ellbogen in die Seite rammte. Als Allerweltsbekenntnis prangte der Satz in fetten roten Buchstaben auf Brusthöhe seines schwarzen T-Shirts. »Drink up me Hearties Yo Ho.« Über den Rest der Mannschaft, die hier und da an Deck auftauchenden Inder, Pakistani, Jamaikaner und Schwarzafrikaner erfuhr er wenig, dazu hätte er ein anderes Viertel aufsuchen müssen, was er aber nicht tat. Er beschränkte sich drauf, den gemeinen Piraten Marke Cockney zu studieren und die Kommandobrücke, auf der sich die bessere Gesellschaft tummelt, Typen um einiges zivilisierter, raffinierter im Auftritt und Ton als ihre Landsleute –, nicht mehr der gemeine britische Seeräuber, der elegante Freibeuter vielmehr, einer von jenen, denen es erlaubt ist, Befehle zu erteilen, Geschäfte zu machen und in der Offiziersmesse zu speisen, einer, der die Kunst beherrscht, im feinen Zwirn und mit einer gewissen Noblesse auf Raubzug auszugehen. Im Dienste ihrer Majestät. Wie Sir Francis Drake. Er ist keineswegs ausgestorben, täuschen wir uns nicht, es gibt ihn noch: den Gentleman – selbst wenn er keinen Schirm und keine Melone trägt – der Charme ist durchaus derselbe. Unwiderstehlich.

Man begebe sich nur in die City, am besten an einem gewöhnlichen Wochentag, so zwischen 17 und 19 Uhr, wenn sich die Straßen und Plätze des Geschäfts- und Bankenviertels, die zwischenzeitlich wie ausgestorben daliegen, erneut beleben. Wohin man sieht: Piraten, überall Piraten. Hinter St. Pauls - nicht unbedingt eine reizvolle Gegend zum Flanieren –, in und um die Bank of England, neben der von Sir Norman Foster für Swiss Re in den Himmel gezauberten 'Gurke', 'The Erotic Gherkin', um sie voll beim Namen zu nennen: Piraten, massenhaft Piraten, als Geschäftsleute oder aber Angestellte getarnte Korsaren, Seeräuber und Seeschäumer beiderlei Geschlechts, Freibeuter von Lloyd's und anderer Herren Gnaden.

Upper Middle Class und höher. Statt Jeans und Stiefel, einem T-Shirt und Trenchcoat, ein feiner Anzug oder ein Kostüm nach Maß, vorzugsweise; dazu, je nachdem, Schuhe von Manolo oder John Lobb, ein Mantel von Armani, eine Aktentasche aus Ziegenleder etc. pp. Buchhalter, Investoren und Broker, Sekretärinnen und Sekretäre, Anwälte, Manager, Geschäftsführer, die ein wenig bessere Gesellschaft eben –, Leute, die es gewohnt sind, Befehle zu erteilen und auf Befehl zu handeln, ein Menschenschlag, für den das Gesetz nicht unbedingt Gesetz ist, das Recht nichts Absolutes, eine Ansammlung von Richtlinien eher, an die man sich hält (oder aber auch nicht), etwas also, das stets eine Ausnahme erlaubt –, Piraten also, als Business men getarnte Piraten –, Engländer im besten Sine des Wortes, ein Volk, das das Abenteuer nicht scheut, den Schiffbruch auf dem Schirm hat –, dem Hasard verfallen, verliebt ins Glücksspiel, nicht anders als ihre Väter und Vorväter auch, immer auf Beute aus, auf Gewinn im Strom der Daten und des CashFlow, auf der Suche nach dem großen Schatz, der irgendwo da draußen liegt, auf dem Meer spekulativer Erwartung. – »Piaster, Piaster«, oder wie hieß es gleich am Ende von Stevensons Treasure Island? »Pieces of eight! pieces of eight!« Genau. Spanische Silberdollar.

 

[Fortsetzung folgt]

tado ink | 07.03.2014 | Stichijows Papiere
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