Auf des toten Mannes Kiste

London eben (i)

London ruft. Tick tock, Tick tock, Tick tock. Unüberhörbar. Tick tock, Tick tock, Tick tock. Und ab durch die Mitte. Mit Gwen Stefani als White Rabitt und easyJet als Luftbrücke. Uuuuuuuuuuuuh. Ein Nebelhorn in der Ferne, eine Taschenuhr in der Nähe. Tick tock, Tick tock, Tick tock. Keine Chance, die Signale zu überhören, kein Wachs zur Hand, sich die Ohren zu verstopfen. What you waiting for? What you waiting for? wummert und flötet es in den Gehörgängen. Die Pupillen drehen sich nach innen, Adrenalin steigt auf und zerfunkelt wie Feenstaub knapp unter der Hirnschale. Twist it round again and again.

Es tummeln sich definitiv zu viele Nymphen und Sirenen auf dem iPod. Dachte er. – Und schon fand er sich samt Gepäck auf's Pflaster gesetzt, an einem der Seitenausgänge von Paddington Station –, ausgespuckt von der Tube, mit der er über King's Cross direkt ins Zentrum der Stadt verfrachtet worden war, an den Rand des alten London. Gegenüber dem Ausgang erhob sich übermächtig ein Grand Hotel aus viktorianischer Zeit. Die imperiale Dimension. Von der Seite betrachtet, wirkte das Gebäude ganz und gar nicht einladend. Obgleich ein Hilton, schaute es recht finster drein, irgendwie bedrückend, verstaubt und stickig, von den Vorhängen aus beurteilt, die in den Fenstern hingen. Nichts für ihn.

Mein Hotel wird anders ausschauen, sagte er sich, kleiner, schmaler, unfeiner auch, billig wahrscheinlich. Kein Hilton, ein Drei-Sterne-Hotel vielmehr, wie es derer tausende in London gibt: The Hyde Hotel. Schon gebucht. »Außen hui und innen pfui«, flötete Alison ihm ins Ohr. Und genau so kam es. – Er war noch gar nicht richtig angelangt, hatte eben erst das gleißend illuminierte, mit einigen Säulen verzierte Portal des Hauses durchschritten – das Einbuchen hatte er quasi willenlos über sich ergehen lassen, dem extrem engen Fahrstuhl war er glücklich entronnen, der Schlüssel steckte noch in der Zimmertür –, da war es auch schon geschehen. Etwas Gemeines grinste ihn an, etwas Gräßliches fuhr ihm zwischen die Augen.

Was es genau war, wußte er nicht. Er wußte nur eins, spürte: Mit #406 stimmt etwas nicht. Das Warnschild, das außen an der Tür angebracht war, hatte er noch eben registriert: Mind your steps! Dann ging es drei Stufen abwärts; das Bett lag vorne links, rechts gegenüber befand sich der Eingang zur Toilette, dahinter ein Schreibtisch, der als Schreibtisch allerdings nicht zu gebrauchen war, auf ihm stand ein Fernsehgerät; weiter hinten, auf der linken Seite, hinter dem Bett, befand sich eine zweite Tür, kein Notausgang, wie er zuerst angenommen hatte, sie führte vielmehr, wie sich herausstellte, in ein kleines düsteres, als Garderobe und Abstellraum dienendes Kabinett; gegenüber dem Eingang schließlich, als Fluchtpunkt, ein Fenster, vor dem Fenster, wie es sich für England gehört, eine Gardine, in der Gardine aber ... in der Gardine befand sich ein Loch.

Ein aufgerissenes, zerschlissenes Etwas, ein schäbig krauses, an den Rändern grässlich ausfransendes Ding oder vielmehr Unding –, in etwa so groß wie ein Straußenei, flach gelegt: das Nichts in trivialer Gestalt. – Nun ja, sprach er sich Trost zu: ein Loch ist ein Loch ist ein Loch ..., hinter dem Loch aber, im Dunklen, irgendwo da draußen, wartet etwas anderes auf dich, London eben. Eine große Stadt – alles andere als ein Loch, weit entfernt, irgendein finsterer Winkel auf dieser unserer kleinen Erde zu sein. Eher luftig und licht, keineswegs muffig und beengt, so wähnte er London, beim Anflug zumal, als er die britische Metropole vom Kabinenfenster des Flugzeugs aus erneut in Augenschein nahm, tief unten, an der Mündung der Themse, während er, in seinen Sitz geklemmt, von ihr träumte.

Ein unermesslicher Flicken- oder aber Zauberteppich, so kam London ihm vor, den ganzen Süden Englands überziehend, sich von der City und Westminster aus in alle Himmelsrichtungen erstreckend, sich hier und da erneuernd, sich verändernd, ohne über den Kostümwechsel ihren Charakter preisgegeben zu haben: London – vor langer langer Zeit gegründet, vom Wind durchwirkt, vom Meer befeuchtet, über Generationen hinweg auf-, aus- und umgebaut, punktuell mittlerweile ein wenig aufgeblasen, parvenuehaft (wenn man an den Millenium Dome denkt oder an das London Eye), an diversen Stellen wie eh und je gesichtslos, verrottet und zubetoniert (und das keineswegs an der Peripherie allein, am M1), gewiß, gewiß –, und doch wie reizend, dieses London, trotz allem, dachte er. Dr. Samuel Johnson hat schon recht: wenn ein Mensch London überdrüssig ist, ist er des Lebens überdrüssig. Was will man mehr als eine Metropole, die auf unsichtbaren Fundamenten ruht, stehend pulsiert, rasend auf der Stelle tritt, alles birgt, was es auf Erden so gibt – eine Stadt, die von oben ausschaut, als ob sie sich eben gerade aus ihrer Verankerung löste ... bereits leicht schwebte ... wie ein Segelschiff aus vergangenen Zeiten, wenn es in den Hafenbassins Londons auf Reede lagen.

 

Auf des toten Mannes Kiste

Luftansicht von London (Gouache) / Disneys Peter Pan (1.1) | um 1953

 

Zunächst und vor allem aber war da mal dieses Loch. In der Gardine, vor dem Fenster, auf #406. Woher es stammte, war unschwer zu erraten. Einer der Gäste, wenn nicht alle, die vor ihm auf diesem Zimmer des Hyde Hotels einquartiert waren, haben ihren Teil zur Erweiterung des Loches beigetragen, Zimmermädchen, Hausmeister und sonstiges Personal eingeschlossen, ein jeder, der auf dem Zimmer war und, sei es auch nur kurz, am Fenster genestelt hat, ein jeder trägt Schuld. Anfangs dürfte es nur ein kleines Loch gewesen sein, die Folge eines Versehens oder Ungeschicks. Die Gardine verheddert sich beim Öffnen des Fensters, der Rahmen verfängt sich im Gewebe, ein Riß entsteht, unmerklich beinahe; Fäden lösen sich, der Stoff reißt. Ein Faden hier, ein Faden dort, bisweilen auch gleich mehrere – Stück für Stück, pli selon pli –, bis es am Ende nicht mehr zu übersehen ist: auf #406 befindet sich ein Loch, ein gräßliches Loch in der Gardine.

Das Loch stand dem Zimmer übrigens gut. Es passte zur alten Gardine, die Gardine passte vor das verzogene Fenster, das Fenster wiederum passte zu dem schäbigen Zimmer, das er für die nächsten Tage sein eigen nennen durfte. Ein Einzelzimmer, versteht sich, schmal, ein auf die Seite gekippter, riesiger Schuhkarton –, eine kleine, irgendwie düster und, obgleich sauber, doch auch wieder schmuddelig anmutende Kabine: eine vor der Zeit ergraute, mit brau-metallenen Farbtönen aufgefrischte Kajüte, so schien es, eine Kajüte, was will man mehr, auf einem der Unter- oder Zwischendecks der Fregatte, die da London heißt. Sagte er sich.

Eine Unterkunft für ihn, ein Zimmer zu einem halbwegs akzeptablen Preis. Mehr wollte er nicht. Mehr braucht es nicht. Er war in London, wohnte unweit des Zentrums, besaß eine Ecke, um sich zurückzuziehen, eine Kammer, um aufzubrechen, ein Kaninchenloch, um ins Wunderland abzuschwirren, eine Schleuse oder einen Durchschlupf, um in die City von London zu gelangen, Straßen und Plätze anzusteuern –, um durch Gassen und Parks zu schlendern, an Mauern entlang, über Kanäle und Brücken, vorbei an schmucken, dann wieder eintönigen Fassaden, gepflegten Vorgärten, hübschen Hauseingängen, verlotterten Gassen. Ten square miles of hurt and how the dirt is done. – Auf touristische Manier, wie auch sonst, auf Streifzug einmal mehr, auf der Jagd nach Reizen und Sensationen, auf den Spuren der Erinnerung, auf der Suche nach dem Vergessen –, strikt den Signalen folgend, mit denen Mode und Musik winken. Seine Art, das Glück herauszufordern, Fortuna zu umgarnen, Hasard zu spielen –, auf ein Stelldichein mit dem Vergnügen und der Lust, dem Zufall, der in London – wie war das gleich: an jeder Ecke lauert.

 

[Fortsetzung folgt]

tado ink | 01.03.2014 | Stichijows Papiere
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