Auf des toten Mannes Kiste

London eben (iii)

Offiziell gibt es natürlich in London längst keine Piraten mehr. In der Meerenge von Malakka, vielleicht, oder aber am Horn von Afrika, vor der Küste Somalias –, gewiss, da treiben sich Piraten herum, nicht aber an den Ufern der Themse. Schließlich gibt England, wie es in entsprechenden Bulletins der Regierung heißt, seit 300 Jahren den Vorreiter, wenn es darum geht, dem Kapern und der Seeräuberei auf den Weltmeeren den Garaus zu bereiten. Was für ’ne Nebelkerze ... 

Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre, einem Geheimtip des Reiseführers aufgesessen, in Wapping gelandet. Zu besichtigen sei hier, am Nordufer der Themse, las er, das Execution Dock, eines der Schafotte, auf denen England sich nach 1700 derer entledigte, die ihm bis dahin in der Karibik, an der Küste von Guinea und im Roten Meer exzellente Dienste geleistet hatten, seiner Freibeuter und Piraten.

Am übelsten muss es dabei Captain William Kidd ergangen sein. Unter falschen Auspizien nach London gelockt, fand dieser sich, er hatte gerade eben festen Boden betreten, noch auf der Mole verhaftet und in einen der miesesten Schauprozesse verstrickt, die im Old Bailey zur Aufführung kamen. Zeugen wurden bestochen, Papiere gefälscht, keiner wollte mit Captain Kidd je etwas zu tun gehabt, geschweige denn zu tun haben. Dass er über eine Kaperbrief seiner Majestät verfügte, tat plötzlich nichts mehr zur Sache, dass er mit dem Geld und auf Geheiß eines Kreises einflussreicher Londoner Kaufleute und Adliger in die Karibik aufgebrochen war, half ihm wenig. Ein Exempel musste oder sollte statuiert werden; also verurteilte die Admiralität Captain Kidd zum Tode durch den Strang. Ein »hostis humanis generis«, wie es in der Urteilsbegründung hieß, ein »Feind der gesamten Menschheit«, ein Verfluchter.

In Wapping, so stand es im Führer, wurde William Kidd am 23. Mai 1701 unter großem Gepränge und Andrang des Volkes zuerst am Strick aufgeknüpft, dann ließ man ihn, wie andere am Ufer der Themse exekutierten Freibeuter auch, eben dort, entehrt und entrechtet, über etliche Monate hinweg am Galgen baumeln. Geteert, in Ketten gelegt und in einen eisernen Käfig gezwängt, so dass die Krähen und Möwen es schwer hatten, den Leichnam zu fleddern, diente Kidd der Admiralität so noch über seinen Tod hinaus als abschreckendes Beispiel für all jene, die Wapping passierten, wenn sie mit ihren Schiffen in den Hafen Londons einliefen.

Er ersparte sich den Weg nach Wapping und zog dem Execution Dock das Kino vor. Unweit des Leicester Square lief der dritte und letzte Teil von Fluch der Karibik: At World's End. Das versprach spannend zu werden, aufschlussreicher als das, was er am Execution Dock über Piraterie oder Seeräuberei in Erfahrung hätte bringen können. Vermeinte er. Auch wenn ihn Dead Man's Chest, der zweite Teil der Freibeuter-Trilogie aus dem Hause Disney, ein wenig gelangweilt hatte, die Erinnerung an Teil eins war so stark, dass er nicht anders konnte, als sich eine Karte zu besorgen. Als er nach fast drei Stunden wieder aus dem Kino kam und auf den Leicester Square trat, fühlte er sich überwältigt, hingerissen, ein wenig verwirrt, erschlagen auch –, alles in allem aber glücklich, so glücklich, wie zuletzt als Knabe, wenn er sonntags aus der Nachmittagsvorstellung kam und als Cowboy, Kreuzfahrer oder was auch immer den Himmel anblinzelte.

So muss Kino sein. Sagte er sich. Wie eine nie enden wollende, rasende Fahrt, eine ungestüme wilde Jagd, die durch unerhörte Weiten, nie gesehene Welten führt. Um Klassen besser noch als jede Achterbahnfahrt. Einer Attraktion folgt die nächste. Action, Action, Action – und ab und an ein hübscher Dialog. – »Was? Du hast doch alles gesehen, alles erlebt, hast überlebt. Das ist der Trick, oder nicht? Zu überleben. – Es geht nicht darum, zu überleben oder ewig zu leben, Jackie, der Trick ist, ewig mit sich selbst leben zu können.« – Die Story ist zuletzt zweitrangig, auf die Choreographie kommt es an, auf's Arrangement bewegter Bilder und Geräusche, auf die Effekte frappierender Korrespondenzen. Schnitt.

 

Auf des toten Mannes Kiste

 

Für einen Film wie Pirates of the Caribbean war er jederzeit bereit, für den Rest seines Lebens auf Ingmar Bergmann, Michelangelo Antonioni und wie sie alle heißen zu verzichten. Sollen sich andere an Eric Rohmer, der Neuen Berliner Schule oder aber dem späten David Lynch abarbeiten. Nichts für ihn. Keine Lust auf Besinnungsgottesdienste oder Mysterien der artifiziellen Art, zu alt, um sich avantgardistischen Flausen und anderen Marotten zu verschreiben. Art House – er musste lachen. Autorenfilme – für ihn (Werner Herzog nahm er aus): öffentlich-rechtlich alimentierte Idiosynkrasien, stümperhaft auf Zelluloid gebannte Obsessionen, eine fixe Idee, die, unter dem Gütesiegel »besonders wertvoll«, klugen Köpfen fortlaufend den Geschmack verdreht.

Als ob Kino Kunst wäre. Er machte sich da nichts vor. Kino ist keine Kunst, Kino ist ein Spektakel. War es in seinen Anfängen und ist es bis heute geblieben. – Von Hollywood aus gesehen, wie er einräumte. Eine Rummelplatzattraktion, was sonst, Pop oder Kunst fürs Volk, eine Kirmesbude, Nickleodeon eben. Nichts weiter. Wie Jean-Luc Godard bereits erkannte: Film ist im Grunde etwas sehr Einfaches. Es reicht, ein hübsches junges Mädchen bei der Hand zu haben, in Bedrängnis geraten, und dann einen Burschen mit einer Knarre in der Tasche. Shoot 'em up.

Ihm war leicht flau im Magen, also beschloss er, ein Restaurant aufzusuchen. Pizza Hut? Auf keinen Fall. Ein Häagen-Dazs? Nein, danke. Er brauchte was Ordentliches. Wie die karibische Küche wohl schmeckt, fragte er sich, während er die St. Martin's Lane hinunter trottete. Synkretistisch wahrscheinlich, ähnlich bunt zusammengewürfelt wie das, was man in den schicken Lokalen Londons dieser Tage so aufgetischt bekommt, Global Food, Modern Style. Er steckte sich eine Zigarette an und blickte um sich. Kein Lokal zu sehen, kein karibisches, aber auch kein anderes. Auf des toten Mannes Kiste – fehlt nur 'n Buddel voll Rum.

Höchste Zeit, eine Theorie der Piraterie zu formulieren, sagte er sich, während er gemächlich auf den Trafalgar Square zusteuerte. Muss ja nicht lang sein, keine Geschichte der Seeräuberei also, von den Anfängen bis zur Gegenwart, die ist hinreichend bekannt –, nein, als Genre schwebte ihm etwas anderes vor, so was wie ein Essay. An der Zeit wäre es, so oder so, die Piraterie als das zu erkennen, was sie ist: nicht einfach nur ein Habitus und eine mentale Disposition gewisser Leute, der neuralgische Punkt vielmehr, die Wunde des Westens, affirmativ betrachtet: das Schwungrad, auf dem die politische Ökonomie der westlichen Welt beruht, dessen verkappter Impetus gleichsam, das Motiv und Modell, nach dem im Kapitalismus Geschäfte gemacht und Politik betrieben wird. Der Coup, immer geht es um den Coup. – Und er musste an Bagdad denken, Bagdad im Jahre 2003, und wie Bagdad von amerikanischen und englischen Truppen genommen wurde, im Handstreich gewissermasssen, wie man eine Prise nimmt, dem Völkerrecht jeden Schollenbewohners spottend, überfallartig, sich frech und verwegen über herrschendes Recht und Gesetz hinwegsetzend. Parlay? Yo ho. – Doch nicht jetzt, nicht jetzt. Der Magen knurrte.

Am Ende landete er, wie billig, bei einem Inder, wo er, ohne recht zu wissen, was das ist, ein Tandori-Chicken-Meal bestellte, dazu Wasser und eine Karaffe Bordeaux. Nachdem er es sich hatte schmecken lassen, einmal mehr der einzige im Saal, der allein am Tisch saß, kam ihm ein Gedanke: Idealtypisch betrachtet, bleiben, schrieb er ins Notizbuch, Piraten Desperados, ein Haufen verkrachter oder sonst wie gescheiterter Existenzen, »Dogs of the Sea«, »Predators«, Höllenhunde – Typen, die weder Tod noch Teufel fürchten. Von der Vorsehung zur Verdammnis bestimmt, kennen sie nicht den geringsten Skrupel, wenn es darum geht, etwas zu unternehmen. Stets bereit Gewinn aus einer Prise zu schlagen, schrecken sie vor keiner Grausamkeit zurück. Nicht ohne Grund ging ihnen in der Karibik der Ruf voraus, mit der Hölle auf vertrautem Fuß zu stehen. Ein Klischee, gewiss, dachte er, aber wer weiß, ob man der Wahrheit nicht gerade über Klischees und Stereotypen am nächsten kommt, übers Triviale. Was immer Philosophen und Intellektuelle sagen.

 

 

[Fortsetzung folgt]

tado ink | 14.03.2014 | Stichijows Papiere
comments powered by Disqus