Auf des toten Mannes Kiste

London eben (iv)

Ansonsten gab London sich in etwa, wie er es erwartet hatte. Lärm und Hektik, dann und wann ein Ruhepunkt... Cafe's, Hinterhöfe und Squares, Passanten, Taubenschwärme, Autoschlangen – Sounds hier, Clips dort – Stimmengewirr, Schaufenster und Gestank, dazwischen die eine oder andere flüchtige Begegnung. Anonym, im Strom der Passanten.

Ein wunderbarer Ort, kaum weniger wunderbar, atemberaubend und hinreißend als der, von dem er sich vor zwanzig Jahren verabschiedet hatte. Mit rasenden Beats, zwei, drei Loops, einer Folge von Grooves und diverser Klangcollagen extravaganten Zuschnitts. Twist. Und doch war London kaum wieder zu erkennen, die Stadt schaute irgendwie anders drein als damals, da er zuletzt da war. London verändert sich, wie Du dich verändert hast, sagte er sich, an eine auf Paris gemünzte Zeile Charles Baudelaires denkend. Die Wege, die er damals nahm, ließ er jetzt links liegen, die, welche er seinerzeit peinlich mied, suchte er diesmal mit Bedacht auf.

Eine ungeheuere Stadt, fürwahr, »a vaste metropolis«, wie Virginia Woolf notierte: immer noch, wenn nicht wieder: London, die Kommandozentrale und der Marktplatz des Westens – offen und durchlässig für vieles und doch für niemanden bis ins letzte einsehbar, dynamisch in der Anlage, dabei stockkonservativ, liberal und vernünftig auf der einen, spleenig und versponnen auf der anderen Seite, klassisch beherrscht zugleich und romantisch ausschweifend, aufs Neue eingestellt, ohne darüber doch die Tradition zu vergessen, umtriebig und prinzipienfest, frei und gebunden in eins. Ein einziges Chaos - die perfekte Ordnung. Utopia.

 

Auf des toten Mannes Kiste

Jenny Holzer: For London | 2006

 

Nicht zu vergessen: mit tausenden und abertausenden von Videokameras auf sich selbst ein Auge werfend. Mehr denn je. Selbst über dem Eingang des Hyde Hotels war eine Kamera installiert, oben links. Und es war nicht die einzige, die er am und im Haus registrierte. Dabei liegt das Hyde Hotel in einer durchaus saturierten Gegend. So schien es wenigstens. Wie gesagt: Westbourne Terrace, unweit Paddington Station, direkt gegenüber dem Hyde Park.

Die Queen hat er übrigens nicht zu Gesicht bekommen. Und das obgleich er ihr und dem St. James Park einen ausgedehnten Besuch abgestattet hat, und zwar, wie es sich gehört, an einem Sonntagnachmittag, so zwischen 16 und 17 Uhr. Gut möglich, dass Elizabeth II. daheim war. Mindestens deuteten die Flaggensignale am Buckingham Palace in diese Richtung. Sie hat sich allerdings nicht sehen lassen, ebenso wenig wie ein anderes Mitglied der königlichen Familie. Nicht der Schatten eines Royal. Schade. Eine Begegnung mit der Queen hätte den Spaziergang durch den Park zu einer wirklich runden Sache gemacht. Dachte er. Aber es sollte nicht sein.

Keine Queen also, dafür die City und Westminster. Auch schön. Er sah Soho wieder (»Do you want a lady?« »No, thanks.«) und die Viertel in und um den Hyde Park (ganz entzückend, vor allem zum Wohnen, erschien ihm Mayfair, unbezahlbar für ihn). Bei Harrod's hatte er sich der Illusion hingegeben, teilzuhaben am Luxus Reichen und Schönen im Land, in Hadchard's Bookshop sorgte er dafür, Lücken in seiner englischen Bibliothek zu stopfen (Pope, Swift, Boswell et. al.). Er hat der Royal Academy of the Arts einen Besuch abgestattet (imponierend!) und gleich danach der Genius Bar im Apple Store, Regent Street (nicht weniger imponierend!). Am Samstag trieb er sich einen ganzen Nachmittag im neuen und alten Bloomsbury herum (vorbei am Reihenhaus, das Ottoline Morell gehörte, und in dem Holman Hunt, John Everett Millais und Dante Gabriel Rossetti 1849 die präraffaelitische Brotherhood aus der Taufe gehoben haben); in der British Library hatte er sich kurz vorher noch ein Buch gekauft, als Schibboleth gewissermaßen, für alle Fälle, eines von und über Lytton Strachey (»edited and introduced by Michael Holroyd« – die Welt und das Leben »from a slightley cynical angle« – großartig!). Am Abend vorher war er auf einem Postpunk-Konzert mit Larrikin Love gewesen, eine Band, die er nicht im mindesten kannte; sie spielte im Koko, Camden Town (zwei Girls aus Tottenham stießen sich verdutzt an, schauten auf und fragten, ohne ein Wort zu wechseln, was sucht denn der hier?). Am Abend darauf stieg er im Keller des Aberdeen Steakhouse ab und gönnte sich ein Rib Eye Steak (well done). Am frühen Sonntagvormittag war er entspannt durch die National Gallery promeniert, lange bevor der große Ansturm einsetzte (viel zu spät allerdings, da bereits übersättigt, stieß er schließlich auf die herrlich flirrenden Venedig-Veduten Francesco Guardis). Am frühen Freitagabend, nicht zu vergessen, wollte der Zufall es, dass er in St. James landete, der Kirche, in der noch das Taufbecken steht, an dem der kleine William Blake ins Christentum aufgenommen wurde (nahe Piccadilly Circus, ganz entzückend). Und am letzten Tag, kurz vor dem Abflug, kreuzte er mit der Dockland Light Railway durch das von Margaret Thatcher in den 80er Jahren zur Bebauung freigegebene Areal des alten Hafens, durch die Docklands (um Klassen besser, schöner, menschenfreundlicher auch als das, was in Paris mit La Defense angerichtet worden ist, so sein Urteil, vom Potsdamer Platz, dieser, wie postmodern aufgebrezelten Currywurstbude zu schweigen). Am Ende war es ihm vergönnt, von Island Garden aus einen Blick über die Themse auf Greenwich zu werfen (wobei er sich anders als Dr. Johnson nicht im mindesten an der Silhouette von Christopher Wrens Old Royal Naval College störte, umgekehrt...). – Nur die Queen hat er, wie gesagt, nicht zu Gesicht bekommen. Keira Knightley allerdings auch nicht.

Dafür leistete Alison ihm Gesellschaft, erst Gwen Stefani, dann Alison –, ab und an wenigstens, wenn der Shuffle mitspielte. Alison, die Elfe unter den Sirenen, die sich auf seinem iPod tummelten: Glöckchen hätte er sie in den Kensington Gardens beinahe genannt. Alison Goldfrapp, um sie und das Duo beim Namen zu nennen, für das sie singt. Will Gregory besorgt den Rest. Alison: bizarr, verträumt, lässig, electroglamorous, kurzum das heißeste, was die Londoner Pop- und Clubszene im Moment zu bieten hat. Fand er. So »decadent and o la la.«. Ausgesprochen smart und dabei doch gefährlich sinnlich, einschmeichelnd und abweisend zugleich, subtil eben (»Sex my Brain«) –, versponnen aber auch, wie Tinker Bell, mit einer Tendenz ins Perverse –, kontrolliert, versteht sich, mit Stil, Takt: verhalten pulsierende Rhythmen, unterschwellig zündenden Beats, dazwischen geschalteten Soundcocktails und Melodien so süß, als stamten sie aus einer anderen Zeit.

Und schon allein deshalb war er entschlossen wiederzukommen. Wegen Alison. Genau! Wegen Alison. Versprochen ist versprochen. Was kümmert ihn zuletzt Ihre Majestät, die Queen. Er wird wiederkommen, sagte er sich, und Alison suchen gehen, was immer sie treibt, wo immer sie sich gerade aufhält –, allerdings beim Anheuern in London darauf pochen, eine andere Kabine zugeteilt zu bekommen, ja, er wird darauf bestehen. Auf Biegen und Brechen. Eine Kajüte, warum nicht, kann man sich gefallen lassen, aber eine mit einer ordentlichen Gardine vorm Fenster, bitte schön, eine ohne Loch. Ist doch nicht zuviel verlangt, oder?

tado ink | 21.03.2014 | Stichijows Papiere
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