Auf Flanderns Feldern

Schlachtbeschreibung

Im Felde, den 10. August. Den ganzen 30. Juli fuhren wir nach Terhan in die Protzenstellung, nachts 2.30 Uhr ging's dann gleich weiter in die Feuerstellung. Bei starkem Regen und beständigem Granatfeuer auf steiniger Straße über Bäume, Granatlöcher, Pferdekadaver, durch das Lehmwasser aufgeweichter Ackerfelder über die kahlen, zerrissenen Hügel, durch die mit Gräben und Granattrichtern besäten Täler. Bald ist es taghell, bald wieder stockdunkel. Und dann ging es gleich ganz nach vorn.

Unsere Batterie ist die erste gleich hinter der Infanterie, so daß wir die englische Stellung auf dem linken Flügel sehen können. Unsere Stellung liegt ganz eben im Obstgarten eines zerschossenen Bauerngehöftes. Im Viereck der Bäume stehen zu beiden Seiten der Straße, die mitten hindurchführt, zwei Häuser. Das eine ist nur noch ein angeschwärzter Ziegelhaufen, von dem anderen stehen noch drei arg zerschossene rote Mauern. Die ganze Stellung im Dreck aufgeweichter Ackerfelder, durch das tägliche Sperrfeuer der Engländer mit 15= bis 21= und 28=Zentimeter-Geschossen bis zu fünf Metern aufgewühlt. Trichter reiht sich an Trichter. Dazu kam der ständig anhaltende Regen und gab den Rest. Weit, weit nur Wasser und Schlamm. Von der Stellung geht es direkt langsam bergan bis zur vordersten Stellung. Um nun einigen Schutz zu haben, stehen unsere beiden Geschütze unter einem Baum, der durch grüne Zweige verstärkt wurde. Einen regelrechten Unterstand haben wir schon des wässerigen, weichen Bodens wegen nicht, nur eine bessere Bretterbude, die mit Sand, Dachpappe und grünen Zweigen beworfen wurde, so daß wir bei Regen – und der ist hier nicht selten – völlig im Wasser liegen. Jetzt fing die Arbeit an, denn das Geschütz mußte hinten am Sporen ein Widerlager haben. Es mußte also geschanzt, Wasser geschöpft werden, wir mußten Bäume fällen und Stämme schleppen. So ging es die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag. –

Wir zogen voll freudiger Hoffnung ins Feld,
Begeisterung hatte sich zu uns gesellt,
jungfröhlicher Stimmklang trug es hinaus:
„Ihr Vöglein im Walde, bald sind wir zu Haus."

Enttäuscht waren wir beiden Neuen zu Anfang doch. –

Gegen Nachmittag wurde das Feuer schon erheblich stärker, bis es zum stärksten Sperrfeuer ausartete. Jetzt aber kam das Schlimmste vom ganzen Leben hier, das Granatenschleppen. An und für sich sind die Körbe nicht sonderlich schwer, siebzig bis achtzig Pfund, aber hundert, hundertfünfzig, zweihundert Körbe sind keine Kleinigkeit. Meist kommen die Munitionskolonnen bei Nacht, so daß bei dem englischen Feuer und der Angst um die Pferde höchste Eile geboten ist, die natürlich durch die Dunkelheit und den glitscherigen Boden erschwert wird. Endlich glauben wir Ruhe zu haben, und da – kam die große Flandernschlacht. Nichts nimmt einen wohl so mit als anhaltendes, ungeheuerliches Sperrfeuer, wie wir es in der Flandernschlacht unterhielten, und zwar bei starker englischer Beschießung in der zweiten Nacht, die ich vor dem Feinde erlebte. – Granaten schleppen und Granaten schleppen!

Und jetzt die eigentliche Artillerieschlacht bei Regen und Dreck. Dunkelheit wechselt mit Tageshelle ab. Die Erde bebt und zittert wie ein Stück Sülze, Leuchtkugeln erhellen die Dunkelheit mit ihrem weißen, gelben, grünen und roten Licht und lassen die langen, einsamen Pappelstümpfe unheimliche Schatten werfen. Und wir sitzen zwischen Bergen von Munition, teilweise bis zu den Knien im Wasser, und schießen und schießen, während rings um uns Granate um Granate den lehmigen Boden aufwühlt, unsere Stellung zerfetzt, Bäume ausreißt, das Haus hinter uns dem Erdboden gleichmacht und uns mit nassem Dreck bewirft, so daß wir aussehen, als kämen wir aus dem Moorbad. Schwitzen tun wir wie die Schiffsheizer, das Rohr ist glühend heiß, die Kartuschen brennen noch, wenn wir sie aus dem laderaum nehmen, und immer nur heißt es: Feuern! Feuern! bis zur Bewußtlosigkeit. Und jetzt kam für mich das Gefährlichste. Es fing schon an zu dämmern, als plötzlich unser Verschluß versagt, und schon heißt es: „Gürtler, Sie müssen sofort zum andern Zug, um den Batterieschlosser zu holen." In der Nacht durch feindliches Sperrfeuer, Granaten 15 und 21 Zentimeter, zum zweiten Zug. Das war die Nacht in der großen Flandernschlacht. Von Granattrichter zu Granattrichter bin ich gesprungen, Einschläge neben mir rechts und links, hinten und vorn. Die nächsten schlagen drei Meter neben mir ein, ihren Sprengstücken entging ich nur dadurch, daß ich tief im Dreck eines Trichters lag. Dem Dreck entging ich natürlich nicht. So ging es eine halbe Stunde ins Unbekannte, ohne den Weg zu kennen, ohne die Stellung zu wissen, nur die Richtung! In einem Granattrichter traf ich mit einem Verwundeten von der Infanterie zusammen. Mit ihm kauerte ich wohl eine halbe Stunde lang. Es ist nicht gerade angenehm, im gelben Schlammwasser eines lehmigen Granattrichters auf die Einschläge der Einundzwanziger zu lauern: trifft sie dich? trifft sie dich nicht? ... So ging es weiter. Manchmal glaubte man festzusitzen. Einmal zog ich meinen Fuß aus dem Dreck – der lange Stiefel war im Sumpf steckengeblieben. Dann kam ich endlich zur Batterie, gab Bescheid – und nun der Weg wieder zurück! Und wieder das Granatenschleppen, Kartuschen sammeln und verpacken, Leermaterial fortschaffen, neue Munition herbeibringen, bis der Batterieschlosser kam und wir bis Ende des englischen Angriffes weiterschießen konnten. jetzt mußte die Stellung geräumt werden, dann wurde Fliegerdeckung geholt, d.h. Gras gemäht und Zweige geschnitten.

 

Auf Flanderns Feldern

Kneeb Wenedikt Kommandor: Der Himmel Ă¼ber Langemark | 2017

 

Es war aber schon der halbe Vormittag herum. Und jetzt kam das Nachspiel, wie es jede Schlacht – und nicht am wenigsten die Flandernschlacht – nach sich zieht: Sanitätssoldaten in langer Reihe mit ihren Tragbahren, die zur Hauptsammelstelle wollen, kleine und große Trupps Leichtverwundeter mit ihrem Notverband. Einige jammern und klagen, daß es einem den ganzen Tag im Ohre gellt und das Essen verleidet, und manche ziehen stumm, apathisch den schmutzigen, aufgeweichten Weg mit ihren schweren, kurzen Stiefeln, die nur noch Dreckklumpen sind; wieder andere sind belebt, daß es jetzt auf längere Zeit in Ruhe geht. „In der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn." Ihre Gedanken irren ins vergangene Leben zurück wie verirrte Vögel, die sich nicht zurechtfinden. Irgendeine Gestalt taucht vor ihnen auf, ein altes Mütterchen, das einen verschossenen Brief ganz dicht vor ihre Augen hält, ein frisches junges Ding, das den schmalen Goldreif an ihrem Finger streichelt, ein wilder kleiner Junge, der einen Stecken wie ein Gewehr präsentiert. –

Und die draußen hören Trommelfeuer, das Stöhnen getroffener Kameraden, das Schreien gestürzter Pferde, das wilde Schlagen ihres eigenen Herzens, Stunde um Stunde – Nacht um Nacht, und die kurze Ruhe, die ihnen vergönnt ist, gebiert in schauerlicher Stille aufs neue all den grenzenlosen Jammer in ihrem erschöpften Gehirn. Sie haben keine Ablenkung, haben nur die entsetzliche Erinnerung und das gefaßte Erwarten des Kommenden. – – –

Mein Geschütz ist das einzige, das keine Verluste zu beklagen hat. „Habt ihr denn keine Kugel für mich, Kameraden?" schrie ein Unteroffizier, dem die Granaten ein Bein abgerissen und einen Arm zerfetzt hatten, – und doch konnten wir ihm nicht helfen. Von uns Neuen aus Jüterborg fielen gleich am ersten Tag der Schlacht ein Einjähriger und ein Kanonier, von Kranken und Verwundeten nicht zu reden. Und nun fehlen doch noch Nachrichten von den anderen Batterien, mit denen wir in gar keiner Verbindung stehen. – – –

Das Schlachtfeld ist eigentlich nichts als ein ungeheuerlich großer Friedhof. Außer Granattrichtern, zerfetzten Baumgruppen, zerschossenen Gehöften sieht nur unzählige kleine weiße Kreuze über das ganze Land hin, vor uns, hinter uns, rechts und links: „Hier ruht ein tapferer Engländer" oder „Kanonier ... 6. 52." So liegt einer neben dem anderen, Freund neben Freund, Feind neben Feind. Und in der Zeitung kann man lesen: „Friedlich ruhen sie an der Stätte, wo sie geblutet und gelitten haben, an der Stätte ihres Wirkens, unter den Augen ihrer lieben Kameraden, mit denen sie ins Feld gezogen, und der Donner der Kanonen grollt über ihre Gräber hin Rache für ihren Heldentod, Tag um Tag, Nacht um Nacht ..."

Und keiner denkt daran, daß auch der Feind noch schießt und dann die Granaten einschlagen ins Heldengrab, die Knochen mit dem Dreck in alle Winde verspritzen und sich der schlammige Grund nach Wochen über der Stätte schließt, die eines Gefallenen letzte Ruhestätte war, und nur noch ein schiefes weißes Kreuz die Stelle bezeichnet, wo er gelegen ...

 

Gerhard Gürtler, stud. theol., Breslau, geb. 21. Dezember 1895 in Breslau, gef. 14. August 1917 in Flandern [aus: Kriegsbriefe gefallener Studenten, hrsg. v. Philipp Witkop, München 1928, S. 325ff.]

tado ink | 18.11.2017 | Frontberichte
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