Auf Reede

Joseph Conrad

Der Anblick von Schiffen, die in einem der älteren Docks von London liegen, hat in mir immer die Vorstellung einer Schar Schwäne im überfluteten Hinterhof finsterer Etagenhäuser erweckt. Die Nacktheit der Mauern um den dunklen Pfuhl herum, auf dem sie schwimmen, hebt auf wundervolle Weise die fließende Anmut der Linien eines Schiffsrumpfs hervor. Die schwebende Leichtigkeit dieser Formen, die entworfen worden sind, damit sie Wind und See begegnen können, läßt durch den Gegensatz zu den schweren Backsteinmassen die Festmacheketten und -leinen als sehr notwendig erscheinen, weil es sonst nichts gäbe, das sie hinderte, über die Dächer auf und davon zu fliegen.

 

Stiehlt sich nur der geringste Windhauch um die Ecken der Dockhäuser, so macht er diese an das grausame Ufer gefesselten Gefangenen schon unruhig. Es ist, als könnte die Seele eines Schiffes keine Gefangenschaft ertragen. Die bemasteten, um ihre Fracht erleichterten Rümpfe werden bei der leisesten Mahnung an die Freiheit der Winde ganz ruhelos. Wie steif ihre Festmacheleinen auch durchgeholt sind, die Schiffe bewegen sich auf ihren Liegeplätzen dennoch ein wenig und lassen das in die Höhe schießende und zusammenstrebende Gefüge aus Tauwerk und Spieren unspürbar schwanken. Du kannst ihre Ungeduld erkennen, wenn du zusiehst, wie ihre Mastspitzen sich gegen die reglose, seelenlose Schwere von Mörtel und Stein rühren. Bei jedem der so hoffnungslos an den Kai gefesselten Gefangenen, an denen du vorübergehst, hörst du das leise mahlende Geräusch der Holzfender wie ein zorniges Murren. Aber am Ende mag es den Schiffen ja guttun, daß sie eine Zeit der Beschränkung und Ruhe durchmachen müssen; Beschränkung und Nachdenken über sich selbst tut bei erzwungener Tatenlosigkeit widerspenstigen Seelen wohl – ich meine aber wirklich nicht, daß Schiffe widerspenstig wären, im Gegenteil, sie sind, und viele Männer können es bezeugen, treue Geschöpfe. Und Treue ist eine Beschränkung, sie ist die stärkste Fessel, die auf dieser Kugel aus Wasser und Erde dem Eigenwillen von Männern und Schiffen angelegt werden kann.

[...]

Zum Glück ist die Schönheit eines Schiffes unversehrbar. Dieses Gefängnisgefühl, diese Empfindung schrecklichen und entwürdigenden Unglücks, von dem ein schönes, vertrauenswertes Wesen betroffen wird, hängt nur den Schiffen an, die in großen europäischen Häfen liegen. Man spürt, daß sie zu Unrecht eingesperrt sind und daß es ein grausamer Lohn ist, am Ende einer pflichttreuen Reise auf einem düsteren, öligen viereckigen Teich von Kai zu Kai gejagt zu werden.

 

Auf Reede

John Atkinson Grimshaw: The Thames Below London Bridge | um 1880

 

Ein Schiff, das auf offener Reede ankert und Leichter längsseits liegen hat und die Ladung mit dem eigenen Löschgeschirr über die Reling fiert, erfüllt in voller Freiheit eine seiner Lebensfunktionen. Dabei gibt es weder Zwang noch Haft, es hat auch Platz, klares Wasser ringsumher, klaren Himmel über den Toppen und um den Ankerplatz herum eine grünhügelige Landschaft mit lieblichen Buchten. In diesem Falle wird es von seinen Leuten nicht der fragwürdigen Barmherzigkeit irgendwelcher Landbewohner preisgegeben. Es beherbergt noch seine eigene, kleine, ergebene Schar, die weiterhin für es sorgt, und man hat das Gefühl, gleich wird es durch die Einfahrt zwischen den beiden Landzungen fortgleiten und verschwinden. Nur zu Hause im Dock liegt es verlassen da; die ganzen unerforschlichen Maßnahmen der Menschen, denen es nur um rasche Abfertigung und einträgliche Frachten geht, halten ihm den Weg in die Freiheit verschlossen. Nur dann fallen die verhaßten, rechtwinkligen Schatten von Mauern und Dächern auf seine Decks, nur dann regnet es Ruß darauf hernieder.

Joseph Conrad: Spiegel der See. Erinnerungen und Eindrücke, übertragen von Görge Spervogel, Hamburg o.J., S. 144f. u. 151f.

tado ink | 23.05.2011 | Stichijows Papiere
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