Aus aller Welt

13. Mai 2011

... Leise, aber entschieden. Das Ja des Jahrzehnts. Miss Mittelstand im Märchenland ... So teuer war Silber noch nie. Preis für die Feinunze klettert auf beinahe 50 Dollar. Analysten bleiben skeptisch ... Erneut Todesopfer in Syrien. Zehntausende gehen trotz Militärpräsenz auf die Strassen. Kundgebungen auch in der Hauptstadt ... Uni-Sex-Skandal ausgeräumt. Hochschullehrer „nicht hinreichend tatverdächtig" ... Britische Touristin im Supermarkt enthauptet. Teneriffa unter Schock ...

Soweit ist es also schon, schlimmer kann es kaum noch werden. Jetzt verplempere ich die Zeit bereits damit, Schlagzeilen zu ventilieren, die zu ventilieren vollkommen überflüssig ist, da es auf der ganzen lieben Welt keinen Nachrichtenticker geben dürfte, über die sie in dieser oder ähnlicher Form nicht bereits gelaufen sind. Was für ein Unsinn, welch eine Idiotie. Aus reiner Langeweile vor dem Schirm zu sitzen, Nachrichten aus aller Welt zu sichten und zu speichern, nur um sie – quasi eins zu eins – wieder dorthin zu schicken, von wo sie gekommen sind, so etwas kann man auch nur treiben, wenn man kurz vor dem Nullpunkt der Existenz angelangt ist.

Allein was soll man machen, wenn einem über Nacht das Mandat entzogen wird. Seit die Order kam, die Expedition umgehend einzustellen, ist an Bord der Mortobello nichts mehr, wie es war. »Bleiben Sie auf Kurs«, hieß es in der Depesche, die uns vor vierzehn Tagen aus London erreichte, »aber vermeiden Sie jede darüber hinausgehende Aktivität. Stellen Sie die Beobachtungen, Experimente und Nachforschungen augenblicklich ein, unternehmen Sie vor allem nichts auf eigene Faust, selbst wenn sich etwas Aussergewöhnliches ereignen sollte, es sei denn zur Rettung von Leib und Leben.« Absender der Depesche war die Gesellschaft derer von und zu Hesperus, unterzeichnet war sie von Lord Bellamont höchstpersönlich. »Vielleicht tröstet es Sie ja« hieß es am Ende des Schreibens, »aber von dem Moratorium, das die Regierung sich gestern aufgrund der ihnen bekannten Vorkommnisse im Fernen Osten auszurufen genötigt sah, ist nicht allein die Mortobello betroffen, sondern sämtliche in der westlichen Hemisphäre operierenden Forschungs- und Flotteneinheiten.« Schöner Trost.

Es kam, wie es kommen musste: ein massiver Spannungseinbruch trat ein –, mit einer gewissen Verzögerung zwar, schleichend sozusagen, dafür aber stetig und unabwendbar. Seitdem herrscht an Bord eine Stimmung, die als bedrückt oder trübe zu bezeichnen noch verharmlosend wäre. Sie ist nachgerade finster. Dabei hält die beinahe hochsommerlich heitere, von leichten Brisen aus dem Osten beflügelte, für die Jahreszeit ganz und gar ungewöhnliche Hochdruck-Wetterlage an, als ob die Elemente es darauf abgesehen hätten, uns auf unserer trübsinnigen Fahrt entlang des Mid Atlantic Ridge zu verspotten.

Was die Laune im Kreis der Offiziere und innerhalb der Mannschaft bis vor kurzem selbst dann noch auffing, wenn diese durch anhaltende Flauten oder anderes Missgeschick abzustürzen drohte, die mit der Mission verbundene Aussicht auf ein Abenteuer, wie es auf Erden so schnell kein zweites gibt, sie ist dahin. Fürs erste wenigstens. Gewiss, noch ist nicht alles verloren, aber wenn ich am frühen Morgen oder späten Nachmittag aufs Poopdeck trete, um die Lage an Bord zu inspizieren, und wenn ich dann sehe, wie die Jungs übers Deck schleichen, wie sie am Gangspill hantieren oder zum Segelsetzen in die Takelage steigen, dann beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Kein Elan, nicht die geringste Spannkraft. Wer auf Wache ist, tut zwar, was ihm befohlen wurde. Damit hat es sich aber auch. Nicht einer, der ein Lied anstimmt, keiner, der einen Witz reißt oder den anderen einen Streich spielt. Es herrscht zumeist Totenstille an Deck. Sänge nicht der Wind ab und an in den Segeln, knarzte nicht dann und wann eine der Bohlen, gäbe es nicht das stete Rauschen des Wassers unter dem Kiel, man könnte meinen, die Mortobello habe sich über Nacht in ein Gespensterschiff verwandelt.

Conrad, unser Bootsmann, alles andere als ein Mann von Traurigkeit, stiert, wenn ich ihn sehe, zumeist nur noch mit entleertem Blick vor sich hin oder aber auf den Horizont, als ob ihn das, was an Deck geschieht, ganz und gar nichts anginge. Statt mir, wie ich es von ihm gewohnt bin, mit einem kleinen Scherz auf den Lippen oder einer kuriosen Meldung zu begegnen, bekomme ich seit Tagen von ihm kaum mehr als das obligate »Aye Aye Sir!« zu hören. Cyborg 7.7, seit Beginn der Fahrt nahezu rund um die Uhr im Einsatz, hat nach einer kurzen Absprache mit mir nicht nur sämtliche Observations- und Rechenanlagen in den Ruhestand versetzt, sondern darüber hinaus gleich auch noch sich selbst: »Bis auf weiteres außer Dienst. Bei Bedarf reaktivieren.« So die Nachricht, die auf dem LED-Button blinkt, den er sich an seine Brust geheftet hat. Florence & the Machine ist zwar im Dienst, aber auch nur, um ab und an zu prüfen, ob mit den Antriebs- und Steuerungsaggregate soweit alles in Ordnung ist. Als ich ihr vorgestern unten im Maschinenraum einen Besuch abstattete, war sie gerade dabei, sich das Tarot zu legen. »Keine Zeit! Keine Zeit!« stieß sie atemlos hervor, noch bevor ich überhaupt eingetreten und ein Wort gesagt hatte, als ob es gerade irgendwo im System zu einem Defekt gekommen wäre, den zu lokalisieren und in seinen Auswirkungen zu begrenzen ihr alles abverlangte. Dabei saß sie entspannt auf einem ihrer quietschbunten Kissen und gab sich im Schneidersitz Betrachtungen über die Konstellation der vor ihr ausgebreiteten Karten hin. Sie hielt es nicht einmal für nötig, auch nur kurz zu mir herüber zu schauen. Von Muse Not Amused, die sich seit einiger Zeit bereits merkwürdig aufgeführt hatte, heißt es, sie habe sich, gleich nachdem ich den Offiziersstab über das Eintreffen der Londoner Depesche und die daraus sich ergebenden Konsequenzen an Bord unterrichtet hätte, in die Waffenkammer zurückgezogen; sie habe ihr Nähkästchen mitgenommen, sich mit dessen Hilfe kurzerhand verpuppt und hänge seitdem dort unten regungslos an der Decke, wie eine Fledermaus, die auf den Anbruch der Nacht wartet.

 

Aus aller Welt

Lady Lovibond | 1748 gesunken

 

Und das alles wegen dieses verdammten Moratoriums. Ich habe es immer gesagt, diese Regierung weiß nicht, was sie will. Ein Moratorium auszurufen, jetzt, zu diesem Zeitpunkt, als ob etwas eingetreten wäre, das dazu zwingt, über das Land den Ausnahmezustand zu verhängen. Es gab einen Unfall im Fernen Osten, gewiss, und das mit Folgen, die bis heute unabsehbar sind. Aber ist das ein Grund, die Hesperus-Mission und damit die Orientierung am Westen überhaupt in Frage zu stellen? Ein jeder Schritt birgt Risiken und Gefahren, Katastrophen lauern schließlich überall. Auch ein Blitzausstieg wird daran nichts ändern. Ein Vollidiot, wer meint, er sei dem Tod gegenüber gewappnet, schließlich verfüge er ja über eine Lebensversicherung. Ist es vielleicht auf einem unserer Schiffe zu einem Unfall mit verheerenden, die Lebensgrundlagen der Menschheit in Mitleidenschaft ziehenden Folgen gekommen? Nein. Gibt es also einen Grund, eine Besinnungspause einzulegen? Ich sehe ihn nicht. Was ich sehe, ist eine bis ins Mark verunsicherte politische Elite, die angesichts gewisser durch die Medien aufgeputschter Stimmungsschwankungen und -lagen davor zurückschreckt, auch nur eine Minute länger die Verantwortung für Entscheidungen zu tragen, die von ihr gestern noch einstimmig verabschiedet worden sind. Gesinnungs-, statt Verantwortungspolitik, nenne ich das, oder aber auch: Populismus aus Mangel an Courage. Ich mag mir gar nicht ausmalen, worauf das hinausläuft. Um dem wieder mal lauthals sich artikulierenden Bedürfnis nach Sicherheit und Sauberkeit, Ordnung, Wohlstand und Stabilität nachzukommen, wird man eine Form der Politik etablieren, die auf die Freiheit des einzelnen nicht die geringste Rücksicht nimmt. Mit einer derart schwammigen Formel wie »Nachhaltigkeit« lässt sich schließlich so gut wie alles rechtfertigen, nicht zuletzt, wie wir uns zu verhalten haben, was sich schickt und was nicht, was wir zu tun und zu lassen haben. Als ob nicht bereits genug Erziehungsprogramme von staatlicher Seite aufgelegt worden wären, die schnurstracks in die Katastrophe führten. Überlassen wir die Utopie einer mit sich selbst versöhnten und mit Mutter Natur in vollendetem Einklang lebenden Menschheit jenen, die sie ausgeheckt haben, den Gouvernanten und Oberlehrern im Lande, allen unverbesserlichen Idealisten. – Es wird Zeit, frischen Wind in die Segel zu bekommen und mit der Mortobello Fahrt aufzunehmen.

tado ink | 16.05.2011 | Logbuch
comments powered by Disqus