Aus dem Leben des Heiligen Hubertus

Nach den Legenden

In den alten Zeiten, wo die Legenden noch geholfen haben, lebte in den Ardennen ein junger Mann, der landauf landab bekannt dafür war, ein unerbittlicher und furchtbarer Jäger zu sein. Sein Name war Hubertus oder in der Sprache der Leute Hubert le Prevost. Er stammte aus vornehmen Hause. Sein Vater war Bertrand, der Herzog von Aquitanien, seine Mutter Hugberne, eine weit über Toulouse hinaus als besonders gottesfürchtig verehrte Dame.

Von seiner Mutter und der nicht minder gottesfürchtigen Tante Oda wurde Hubert denn auch erzogen, und das streng im christlichen Glauben. Ein um's andere Mal mahnten sie ihn, auf Frieden zu halten und im Einvernehmen mit den Nächsten ein gottgefälliges Dasein zu führen, allein es gab nichts auf Erden, was dem Knaben größere Freude bereitete als mit Kameraden und Freunden zu ringen und sich zu schlagen. Wenn er die Männer im Burghof sah, wie sie sich an den Waffen übten, glänzten seine Augen und es kostete dem Herzog große Mühe, den Jungen davon abzuhalten, vor der Zeit zum Schwerte oder zu einer Lanze zu greifen.

Als die Zeit gekommen war, gab der Herzog den Knaben bei einem seiner besten Ritter in die Lehre, damit er das Kriegshandwerk von Grunde auf lerne. Dabei zeigte Hubert sich als ein ebenso eifriger wie gelehriger Schüler und war bald schon allen anderen Knappen im Reiten, Fechten und was sonst noch zur Kriegskunst gehört überlegen. Auch aufs Jagen und den Umgang mit Hunden und Pferden verstand er sich prächtig. Ging es zur Jagd, dann mochte der Vater bald schon auf die Gesellschaft des Sohnes nicht mehr verzichten, so sehr gefiel ihm der feurige Geist, mit dem dieser in den Wäldern den Ebern und Böcken auf den Leib rückte. Häufig genug kam es vor, dass Hubert weit mehr Wild erlegte, als wie nach Hause geschafft werden konnte.

Als der Knabe das Mannesalter erreicht hatte, schickte der Vater den Sohn an den Hof des Frankenkönigs Theodorich III. nach Neustrien, damit er dort die Sitten und Bräuche der großen Welt kennenlerne. Dem König gefiel der junge Mann, und nachdem er sich nicht nur auf der Jagd, sondern auch bei zahlreichen Turnieren und einigen Feldzügen ausgezeichnet hatte, ernannte er ihn zum Pfalzgrafen. Von feurigem Blut aber und überaus hitzigem Geist verwickelte Hubert sich am Hofe wiederholt in Händel mit anderen Edelleuten, was dem König gar nicht gefiel, da er in seinem Hause streng auf Waffenruhe hielt. Als es mit der Streitlust des jungen Pfalzgrafen kein Ende nehmen wollte, verwies Theodorich ihn schließlich von seinem Hofe, so leid es ihm auch tat, auf einen derart tüchtigen Ritter verzichten zu müssen. Also begab Hubert sich nach Metz, der Hauptstadt Austrasiens, um bei Pippin, dem Herzog von Heristal, sein Glück zu versuchen, was ihm auch gelang, denn es dauerte nicht lang, da bekleidete er bei diesem eine ansehnliche Stelle. Auch eine Gattin fand er hier. Gerade 26 Jahren alt ehelichte er die Tochter des Grafen Dagobert von Löwen, die schöne und tugendhafte Floriban. Von dieser bekam er einen Sohn geschenkt, den sie auf den Namen Floribert tauften.

Aber weder der Liebreiz und die Güte Floribans noch die Bitten des Sohnes, mit ihm zu spielen, vermochten Hubertus von seiner großen und einzigen Passion abzubringen, der Jagd. Wann immer sich die Gelegenheit bot, durch die Wälder der Ardennen zu streifen und das dort aasende Wild zu erlegen, er nutzte sie. So kam es, dass er selbst am Tage des Herrn, an einem Karfreitag, sich anschickte, auf Jagd zu gehen. Floriban, seine Gattin, hatte ihn des Morgens noch gewarnt und inniglich angefleht, doch ja den ernsten Todestag des Herren nicht zu entweihen, indem er sich mit seinem lärmenden Tross in den Wäldern verlustiere. So sehr Hubertus indes die liebevolle Warnung seiner Gattin rührte, die Lust an der Jagd war stärker. Mit einem zahlreichem Gefolge machte er sich auf und sprengte mit seiner kläffenden Meute unter gellenden Hörnern durch Wald und Busch, über Wiesen und Felder.

Als es auf Mittag ging und sie schon reichlich Wild erlegt hatten, erblickte Hubert plötzlich in der Ferne einen prächtigen weißen Hirschen. Augenblicklich gab er seinem Hengst die Sporen und jagte dem Hirsch mit seinen Hunden hinterher. Bald schon wußte er nicht mehr, wo im Wald er war, den weißen Hirschen aber hatte er fest im Blick. Als es ihm gelang, dem Tier ganz nahe zu kommen, und er schon den Bolzen abdrücken wollte, blieb dieses plötzlich stehen, drehte sich um und wendete sich dem Jäger zu. Und im Geweih des Hirsches erschien ein strahlendes Kreuz und eine Stimme klagte: »Hubert, war ich es nicht, der Dich erlöste, und dennoch verfolgst Du mich und willst mich töten?«

 

Aus dem Leben des Heiligen Hubertus

Vison de St. Hubert, dite Hubert le Prevost (Miniatur) | 1463

 

Da erbebte Hubert, warf die Armbrust von sich und flehte zu Gott um Erbarmen. Und er beschloss, Weib und Kind zu verlassen, um in einer Hütte zu hausen, die er sich aus Baumzweigen und Schilf eben dort errichtete, wo er dem Weissen Hirschen begegnet war. Von der Welt geschieden, führte er dort fortan in stiller Waldeinsamkeit ein bußfertiges, abgetötetes Leben. Sieben ganze Jahre lang. Als die Zeit um war, kehrte er zurück zu den Menschen und tat bis zu seinem Tode viel Gutes. – Allein es würde zu weit führen, von all dem zu erzählen, was Hubert hernach auf Erden und im Himmel bewirkte. Nur so viel vielleicht: mit dem Goldenen Schlüssel, den er von Petrus selbst erhielt, wurden noch nach seinem Tod etliche geheilt, die von tollen Hunden angefallen worden waren.

 

tado ink | 16.02.2014 | Stichijows Papiere
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