Aus dem Leben des Samuel Johnson

James Boswell

Wir sprachen vom Krieg. JOHNSON: »Jedermann denkt schlecht von sich, wenn er nicht Soldat gewesen oder zur See gefahren ist.« BOSWELL: »Lord Mansfield nicht.«

JOHNSON: »Sir, wenn Lord Mansfield in einer Gesellschaft höherer Offiziere und Admirale wäre, die gedient hätten, würde er ganz klein werden, er würde unter den Tisch kriechen wollen.« BOSWELL: »Nein, er würde denken, er könne ihnen allen den Prozeß machen.« JOHNSON: »Ja, wenn er sie packen könnte, aber sie würden eher ihm den Prozeß machen. Nein, Sir, wenn Sokrates und Karl XII. von Schweden beide in einer Gesellschaft wären und Sokrates würde sagen: ›Folgt mir und hört eine Vorlesung über Philosophie‹, und Karl XII. würde sagen: ›Folgt mir und entthront den Zaren›, da würde sich ein Mann schämen, Sokrates zu folgen. Sir, der Eindruck ist allgemein, aber er ist sonderbar. Was den Seemann betrifft, wenn man vom Achterdeck herabschaut, erblickt man das äußerste menschliche Elend: solche Enge, solcher Schmutz, solcher Gestank!« BOSWELL: »Dennoch sind Seeleute glücklich.« JOHNSON: »Sie sind glücklich, wie wilde Tiere glücklich sind, wenn sie ein Stück frisches Fleisch haben – mit der primitivsten Sinnlichkeit. Aber, Sir, der Beruf der Soldaten und Seeleute hat die Würde der Gefahr. Die Menschheit ehrt jene, die die Furcht überwunden haben, die eine so allgemeine Schwäche ist.« SCOTT: »Aber ist Mut nicht physisch und erlernbar?« JOHNSON: »Nun ja, Sir, in einem kollektiven Sinn. Die Soldaten betrachten sich als Rädchen eines großen Getriebes.« SCOTT: »Wir sehen, daß Menschen gern Seeleute sind.« JOHNSON: »Das kann ich ebensowenig erklären wie irgendwelche anderen sonderbaren Verirrungen des Geistes.«

 

James Boswell: Das Leben des Samuel Johnson und Das Tagebuch einer Reise nach den Hebriden. Übertragung aus dem Englischen von Jutta Schlösser, München 1985, S. 334.

tado ink | 06.01.2013 | Stichijows Papiere
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