Aus der »Werkstatt Deutschland e.V.«

Vorerst keine Quadriga für Wladimir Putin

Unter uns, würden Sie einem Staatsmann, der keine Skrupel kennt, wenn es darum geht, die politische Opposition im Lande auszuschalten, einen Preis verleihen? einem Mann, der Staatsfeinden offen droht, sie zur Not auf dem Klo aufzuspüren und sie an Ort und Stelle eigenhändig zu zerquetschen? Eher nicht? Nun, dann gehören Sie zu den Leuten in Deutschland, die immer noch nicht begriffen haben, was die Stunde geschlagen hat.

Machen wir uns nichts vor, worauf es jetzt und in Zukunft außenpolitisch zuerst und vor allem ankommt, ist, sich jenen gegenüber immer schön nett und freundlich zu verhalten, die über die größten Erdgasvorräte auf Erden verfügen, den Russen. Sonst gehen bei uns bald schon die Lichter aus. Ohne einen engen Schulterschluss mit den Herrschaften im Kreml, sind die Pläne zur Energiewende, wie sie die Regierung Merkel beschlossen hat, jetzt bereits Makulatur. Von wegen Grundlast, Klimaerwärmung und dergleichen.

Insofern ist es höchst bedauerlich, dass die in der letzten Woche getroffene Entscheidung der »Werkstatt Deutschland«, Wladimir Putin für den Quadriga-Preis 2011 zu nominieren, wieder zurückgenommen werden musste. Der in der Öffentlichkeit erzeugte moralische Druck, sei einfach zu groß gewesen, um die Entscheidung aufrecht zu erhalten, heißt es von Seiten des Vereins. Schade, immerhin lag eine Entscheidung mit richtungsweisenden Charakter vor. Wieder eine Chance vertan, könnte man sagen, abgesehen noch von dem Umstand, dass man von Putin gerade in Sachen Nachhaltigkeit etliches lernen kann. Man befrage daraufhin nur einen seiner Mitarbeiter oder Freunde, Altkanzler Gerhard Schröder zum Beispiel.

Wer wollte dem russischen Ministerpräsident die Verdienste bestreiten, die er sich über Jahre hinweg erworben hat, insbesondere was die »die Verlässlichkeit und Stabilität der deutsch-russischen Beziehungen« anlangt. Nicht Medwjedew, der gerade irgendwo bei Wolfsburg in Niedersachsen mit Angela Merkel zu Abend speist, sein Vertreter im Amt des Staatspräsidenten –, Putin selbst war es, der den »Petersburger Dialog« ins Leben rief oder vielmehr ausheckte, um die Achse Moskau-Berlin nachhaltig zu gestalten. Wenn es jemanden gibt, der, wie man sagt, »leadership« im besten Sinne des Wortes verkörpert, dann ein Mann wie Putin, einer, der sich als Staatsmann »Aufklärung, Engagement und Gemeinwohl verpflichtet« weiß und weit über Russland hinaus dafür sorgt, dass die Welt nicht vollständig aus den Fugen gerät. »Berechenbarkeit gepaart mit Stehvermögen, Verlässlichkeit gepaart mit Kommunikationsvermögen machen Charakter und Person von Wladimir Putin aus.« So das für die Vergabe der Quadriga zuständige Gremium. Im Innern Russland, heißt es im Kommuniqué weiter, habe und sorge Putin für stabile Verhältnisse, indem er durch gezielte Maßnahmen »das Zusammenspiel von Wohlstand, Wirtschaft und Identität« fördere. »Im Äußeren definiere er Spielräume durch die Fokussierung auf Zweiseitigkeit, Multipolarität und Respekt.« Mehr kann man – weiß Gott – von einer Führungspersönlichkeit nicht erwarten, zumal wenn sie, wie Putin gezwungen ist, auf dem Feld der großen Politik zu agieren. Wie andernorts auch hat Nachhaltigkeit ihren Preis.

 

Aus der »Werkstatt Deutschland e.V.«

Sergej Maximischin: Wladimir Putin | Petersburg 2001

 

Man komme uns nicht mit Floskeln, der Mann pflege einen autokratischen Führungsstil und unterhalte enge Kontakte zum FSB, dem Nachfolger des KGB, innerhalb dessen seine Karriere begann. In Russland ticken die Uhren eben anders. Cappice? Das sollten insbesondere jene sich hinter die Ohren schreiben, die die Vielfalt der Kulturen loben und uns beständig Toleranz abverlangen. Und selbst wenn an der Nachricht, die letzte Woche ebenfalls in der FAZ zu lesen stand, etwas dran sein sollte, an Kerstin Holms Meldung, wonach unter den besser gestellten, gut ausgebildeten Russen die Zahl derjenigen rapide steige, die ernsthaft mit dem Gedanken spielen, angesichts der so gut wie sicheren, im nächsten Jahr anstehenden Wahl Putins zum russischen Staatspräsidenten, das Land zu verlassen, was geht es uns an? Stagnation hin, Korruption her –, mögen die Lebenshaltungskosten in Moskau und anderen Boomstädten des weiten Russischen Reiches explodieren, die medizinische Versorgung schlicht miserabel sein und die Ersparnisse auf den Banken alles andere als sicher, was kümmert es uns? Es zwingt uns ja keiner, nach Moskau zu ziehen. Den Preis aber, die Quadriga (undotiert wohlgemerkt), hätten wir Wladimir Putin ruhig geben sollen. Er hat ihn verdient. Von wegen Nachhaltigkeit.

tado ink | 19.07.2011 | Frontberichte
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