Bahnhöfe um Mitternacht

Helmut Domke

Hamm, Güterbahnhof, eiskalter Winter. Ferner Züge Rollen vibriert im matt blinkenden Geäder der Schienen. An den Weichen rotglühende Körbe mit Koks – lauter Sonne im Untergehen. Darüber eine Sternendecke von Lichtern und Signalen, weiß, grün und rot. Wieder darüber die Nacht, schweigsam, dunkel. Lang und gedehnt hallt ein Pfiff. Das ausrollende Rumpeln von Güterwagen ertönt, nunmehr Anprall, Klickern von Eisen, ruckendes Zerren und wieder ein Pfiff. Schnaufend holt der Zug Atem, dampft davon.

Zwei langbemäntelte Gestalten, die querbeet auf das Stellwerk zu stapfen, große Lampentaschen an Riemen über die Schulter gehängt.
»Hör mal, Karl, – weißt du, in meinem Urlaub – ich will nicht zuviel sagen, aber diesmal wird meine Laube fertig.«
»Glaub ich – Urlaub, Mensch – Urlaub!« Ihre Augen glänzen.

Vorüber die Zeit, da es in den Gastwirtschaften wild herging, und die Kneipenbrüder abends von Lokal zu Lokal zogen, immer noch einen nahmen, bis sie um Mitternacht am Bahnhof landeten, wo zwar um diese Zeit kaum noch Züge fuhren, aber der Wartesaal offen hielt.

Ach, diese Stationen der Öde und Einsamkeit, des verlorenen Lebens und der verlorenen Hoffnung! Bahnhöfe, ihr äußerste, letzte Gestade der Saufreisen und der müde gewordenen Erwartung, die wütend gesuchte Betäubung des Inneren werde wenigstens für Stunden eine Illusion finden, Befriedigung spenden! Da standen sie herum, schwankend, gekrümmt von Übelkeit, Männer, deren Frauen ängstlich zu Hause saßen. Es geschah wohl, daß sich spät, sehr spät, ein vorgeschicktes blasses Kind an die Theke stahl. »Kommst du nach Hause, Vater?« – »Na, da sieh doch – sieh mal, mein Ältester, Heinrich. Nehmen wir noch einen allerletzten? – Geh schon vor, Fritz, Vater kommt gleich.«


Bahnhöfe um Mitternacht

 

Das alles hat sich geändert. Das Ruhrgebiet ist bürgerlich geworden, und die Bahnhöfe, deren Bahnsteige allmorgendlich im ungewissen Schein sparsamer Lampen von Leben bersten und die so unabänderlich zum Wesen des Ruhrgebiets gehören, gleichgültig, ob die Station Waltrop, Brambauer, Holzwickede, Unna oder Wetter heißt – die Bahnhöfe mit den weißgeklinkerten Durchgängen und den nach Teer riechenden Aborten liegen so vereinsamt, daß sie inmitten des volkreichen Landes wie Personifikationen der Verlassenheit wirken.

 

 

Aus: Helmut Domke: Westfalen und Land an der Ruhr. Feuer. Erde. Rote Rose, München 4. Auflg. 1978, S. 176f.

tado ink | 23.01.2020 | Stichijows Papiere
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