Bernward Vespers Reise

Mehr als dreißig Jahre später

Ob man will oder nicht: Die diagonal verlaufenden Gleise, die auf dem Umschlag älterer Ausgaben des in den Jahren 1969 bis 1971 entstandenen Romanfragments „Die Reise" zu sehen sind, erinnern unweigerlich an die Diagonale der zum Lagertor Auschwitz führenden Gleise, jener Fotoaufnahme also, die nach ihrer erstmaligen Veröffentlichung im „Spiegel" 1979 unzählige Male reproduziert und zu einem der Schlüsselbilder des 20. Jahrhunderts wurde. Es sind aber nicht die Gleise von Auschwitz, sondern die von Triangel, der Heimat Bernward Vespers.

Bernward Vesper, Autor des bis heute als ein Zeugnis der „68er-Generation" geltenden Romans „Die Reise", Sohn des NS-Dichters Will Vesper und langjähriger Verlobter Gudrun Ensslins, stellt die eigene, streng-nationalistische Erziehung in den Mittelpunkt seines Buches. Dabei weist Vespers persönlicher Erinnerungsort, das elterliche Gut Triangel, Merkmale totalitärer Regime auf: Gängelung, Bestrafung, Unterdrückung, Kontrolle.

Auch wenn der Beitrag der „68er" zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Rückschau unterschiedlich bewertet wird, ist doch unstrittig, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu den zentralen Anliegen dieser „Generation" gehörte. Die schon auf dem Buchumschlag absichtlich oder unabsichtlich gemachte Anspielung verweist jedoch auf mehr. Denn „Die Reise" schien ihren Lesern nicht nur die Genese und teilweise Radikalisierung der „68er-Bewegung" zu erklären, sie suggerierte obendrein eine Analogie zwischen den Holocaust-Verbrechen und dem Umgang des bundesdeutschen Staates mit den protestierenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den späten 1960er Jahren – eine Analogie, die die Gruppe um Baader, Ensslin und Meinhof selbst konstruiert hatte. Die Opferrolle, die sich Bernward Vesper in seinem Romanessay gibt, entspricht somit der Opferrolle, die sich auch die RAF-Gruppe gab und die gewissermaßen zu ihrem Gründungsmythos wurde. So kommt es auch nicht von ungefähr, dass der Verleger Jörg Schröder mit der Bearbeitung des jahrelang im Keller lagernden Manuskripts just zu dem Zeitpunkt begann, als sich Holger Meins in der JVA zu Tode hungerte. Das war 1974. Als das Buch 1977 erschien, sprach die Presse von einem „radikal ehrlichen" Text. Infolge des „Deutschen Herbstes" wurde es zum Kultbuch der Linken und Bernward Vesper, der sich 1971 das Leben nahm, zu einem ihrer Märtyrer.

 

Bernward Vespers Reise

Will Vesper & Sohn | Bernward Vesper

 

Die Selbstinszenierung Vespers als ein an den gesellschaftlichen Verhältnissen leidendes, an den Folgen seiner autoritären und völkisch-nationalistischen Erziehung schließlich zugrunde gehendes Individuum konnte jedoch nur deshalb funktionieren, weil seine Rückerinnerung höchst selektiv war. Ausgelassen hatte Vesper nämlich seine beharrlichen, bis weit in die 1960er Jahre reichenden Bemühungen, das Gesamtwerk des berühmten Nazi-Dichter-Vaters verlegen zu lassen – Bemühungen, die im gesellschaftspolitischen Klima dieser Zeit scheiterten und ihn finanziell ruinierten. Ausgelassen hatte er seine jahrelang intensiv betriebene Kontaktpflege und -suche zu bekannten und einflussreichen Persönlichkeiten unterschiedlichster politischer Ausrichtung – eine Art von "Networking", die immerhin viele Jahre seines Lebens bestimmte. Unerwähnt blieben sowohl die Kontakte zur rechten Literatur- und Verlagsszene wie auch die eigenen, alles andere als antifaschistischen, sondern vielmehr rechtsgerichteten Texte.

Als 1979 die 16. Auflage des Romans „Die Reise" erschien, erweitert um zum Teil erst kurz vor seinem Tod verfasste Notizen, ergab sich plötzlich ein ganz anderes Bild. Vesper erschien nun nicht mehr als Opfer seiner Kindheit und Jugend, sondern als Opportunist. Die Presse sprach von „panischer Liebesdienerei", „manischer Betriebsamkeit" und entdeckte bei ihm eine „menschenleere Einschüchterungs-Sprache aus letztinstanzlichen Herren-Worten". Tatsächlich war es so, dass sich Vespers Gesinnungswandel genau in jenem Jahr einstellte, als der „Spiegel-Skandal" den Meinungs- und Mentalitätswandel großer Teile der bundesdeutschen Bevölkerung sichtbar machte. Und doch wäre es verkürzt, Vesper nun auf die Rolle des geltungssüchtigen Opportunisten festzulegen. „Die Reise" ist ein autobiographischer Roman und als solcher gewissen gattungsspezifischen Prinzipien, Regeln und Grenzen unterworfen. Für die Rezeption bedeutet das erstens, dass die Diskrepanz zwischen erzählendem und erzähltem Ich mitgedacht und mitbedacht werden muss. Und es bedeutet zweitens, dass sich das Phänomen – und Problem – dieser vermeintlichen „68er-Generation" eben nicht durch einfache, scheinbar kausale Zusammenhänge erklären lässt.

Barbara Hanke

tado ink | 18.02.2011 | 1969
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