Bielefeld, urgeschichtlich

Nach den Sagen

Wie die Stadt Bielefeld zu ihrem Namen kam – wer weiß das schon. Die Stadt selbst ist ja uralt, von denen, die bei der Namensgebung dabei waren, lebt keiner mehr, Dokumente, aus denen verlässlich zu entnehmen wäre, weshalb die Stadt so heißt, wie sie heißt, existieren auch nicht. Was es allerdings gibt, sind eine Reihe alter Sagen und Geschichten, die sich um den Namen Bielefeld ranken und den Anspruch hegen, sie wüssten Bescheid. Ihr Wert ist indes zweifelhaft.

Nach einer der Sagen bestand die Gegend, in der Bielefeld liegt, vor Zeiten aus nichts als Wald. Wald, Wald, so weit das Auge reicht, ein Urwald, hier und da Sumpf und Heide. Die Zeiten, so die Sage, waren rau und wirr, das Land erfüllt von Waffenlärm und Kriegsgeschrei. Schutz versprach der Teutoburger Wald. Also machte man sich daran, mit Äxten und Beilen (»Biele«) Lichtungen ins dichte Gehölz zu schlagen und auf ihnen Hütten und andere Gebäude zu errichten. Von früh bis spät schwirrten die Beile durch die Luft, unter Blut, Schweiß und Tränen fiel ein Baum nach dem anderen. Und zur Erinnerung an eben diese Tage habe man den Ort am Ende Bielefeld genannt.

Eine andere Sage will wissen, der Name Bielefeld verdanke sich nicht so sehr der Anlage der Stadt, denn vielmehr einem kuriosen Zufall, der sich dabei zugetragen habe. Beim Bau des Stadttors, heißt es, sei einem der oben im Gerüst tätigen Zimmerleute, als er gerade einen Nagel ins Holz habe schlagen wollen, unversehens das Beil aus der Hand geglitten. Geistesgegenwärtig habe daraufhin der um das Wohl seiner Mitbürger (und ein wenig wohl auch den eigenen Ruf) besorgte Zimmermann mehrmals lauthals geschrieen: »Dat Biel dat fällt. Dat Biel dat fällt«. Von daher stamme der Name Bielefeld.

Wieder eine andere Sage behauptet, das mit dem Wald, das stimme schon, das habe durchaus seine Richtigkeit, nur hätten sich in besagtem Wald von jeher einige Höfe befunden, drei an der Zahl, wenn man es genau wissen wolle. Es habe sich um Waldhöfe gehandelt, die von einer Sippe mit dem Namen Bili bewirtschaftet worden seien, weshalb die Gegend die der Bieler Höfe hieß. Aus den Höfen sei, wie man sich leicht denken könne, mit der Zeit ein Dorf erwachsen, aus dem Dorf eine kleine Stadt, die, als sie sich ausdehnte und eine gewisse Größe erlangt hatte, schließlich den Namen »Bilivelde« oder »Bielevelde« erhielt, wie aus alten Urkunden hervorgehe. Daraus sei dann »Bielefeld« geworden.

 

Bielefeld, urgeschichtlich

Kneeb Wenedikt Kommandor: Waldeinsamkeit | 2014

 

So, so, sagte Herr O., ein älterer Herr und, wie mir bedeutet worden war, Kenner der Materie, als ich ihn vor Tagen auf die Sagen ansprach, die mir zu Ohren gekommen waren. Das seien ja hübsche Sachen, die man mir da aufgetischt habe. Allerliebst. Er müsse immer schmunzeln, wenn man ihm damit komme. Und wissen sie weshalb, so Herr O., Ammenmärchen seien das, Gute-Nacht-Geschichten, nichts weiter. Damit wiege man die Bürger seit Jahrhunderten schon in den Schlaf. Nicht dass alles an ihnen erstunken und erlogen sei, nein, das wolle er nicht behaupten, so weit ginge er nicht –, allein, was sich seinerzeit vor Ort tatsächlich zugetragen habe, das spreche keine der von mir kolportierten Sagen an. Über den neuralgischen Punkt, über das worauf es mit Blick auf den Namen Bielefeld ankomme, setze eine jede von ihnen sich leichtfertig hinweg. Das Entscheidende bleibt, so Herr O., ausgeblendet. Denn eins, und dabei senkte Herr O. die Stimme und fuhr beinahe flüsternd fort, müsse ich wissen: auf dem Namen Bielefeld laste ein Fluch. Ein Fluch? fragte ich ungläubig. Ja, ein Fluch. Man dürfe sich da nichts vormachen, Bielefeld sei schließlich kein x-beliebiger Ortsname wie Gütersloh, Neuruppin oder Rosenheim, nein, betonte Herr O., dem Namen wohne ein Geheimnis inne, ein Zauber, und bei diesem Zauber handle es sich um einen Fluch. Korrekt buchstabiert, handle es sich bei Bielefeld um ein Menetekel.

Um ein Menetekel? eine Schrift an der Wand? eine Götterbotschaft? Ich stutzte. Wie er denn darauf käme? – Aber das läge doch auf der Hand, erwiderte Herr O. Ob ich mich denn nie gefragt hätte, wie und woher es komme, dass Bielefeld zwar einen Namen besitzt, die Stadt selbst sich in der Welt aber bis heute keinen Namen habe machen können? Das sei doch merkwürdig, oder, äußerst seltsam, nicht wahr? Wo die Stadt über eine so hübsche Lage verfügt, direkt am Teutoburger Wald, überhaupt einiges zu bieten habe, lebensweltlich, kulturell und so weiter, von Handel, Industrie und Gewerbe zu schweigen. Er sage nur Dr. Oetker. Und doch mangele es der Stadt entschieden an dem, wodurch eine Stadt erst zu einer Stadt werde, an Renommee. Ihr Ruf, so Herr O., tendiere gen Null, schlimmer noch, das Image Bielefelds sei das denkbar schlechteste. Sofern man bei dieser Stadt überhaupt von einem markanten Profil sprechen könne, bestehe dieses darin, einen Un-Ort abzugeben. Ich bräuchte mich da nur einmal außerhalb der Grenzen Ostwestfalens umtun. Es gebe in der gesamten Republik keine Stadt, die als dermaßen öde, unansehnlich und langweilig angesehen werde wie Bielefeld. Hier möchte man nicht einmal als Hund begraben liegen. Bielefeld, das stehe nicht einfach für tiefste Provinz, Bielefeld, das sei seit langem schon eine Art No-Go-Area für einen jeden, der etwas auf sich hält, so in etwa das übelste, was man sich landauf landab vorstelle, wenn man an urbane Lebensräume denke.

Ihn verwundere es übrigens nicht im geringsten, so Herr O., unbeirrt in seinem Monolog fortfahrend, dass das Gerücht hat aufkommen können, eine Stadt namens Bielefeld gebe es gar nicht, diese existiere höchstens dem Namen nach; die Stadt selbst sei ein Phantom, das Trugbild einer von wem und wozu auch immer initiierten Verschwörung. An der Hartnäckigkeit, mit der sich dieses Gerücht in der Öffentlichkeit hält, könne ich ermessen, wie virulent der Fluch noch sei, der auf dem Namen Bielefeld ruht. Dem, wie unlängst von offizieller Seite versucht, durch eine Marketingkampagne etwas Positives abzugewinnen, nun, das sei natürlich lächerlich. »Bielefeld gibt's! Unglaublich...« Nein, so leicht käme man aus der ganzen Sache nicht heraus. Mit einem Katalog von Formeln des Typs: »unglaublich. historisch«, »unglaublich. kulturell«, »unglaublich. kreativ«, »unglaublich. weltoffen«, mit Klischees und Gemeinplätzen wie »unglaublich. schlau«, »unglaublich. natürlich«, »unglaublich. weiblich«, »unglaublich. sportlich«, »unglaublich. geschäftig«, »unglaublich. engagiert« lasse sich gar nichts ausrichten, damit komme man dem Fluch nicht bei, damit lüge man sich nur einen in die Tasche. Was man sich da ausgedacht habe, das sei derart unspezifisch, allerweltsmäßig und abgegriffen, dass man mit der gesamten Kampagne just das bestätige, was man als Vorurteil auszuräumen gedachte, bei der Vorstellung Bielefelds als Geisterstadt oder Areal tiefster Provinzialität.

Schön und gut, getraute ich mich einzuwerfen, dass Bielefeld ein massives Problem mit seinem Image hat, das leuchte mir ein, was ich indes nicht verstünde, sei, wie er, Herr O., darauf käme, der Grund dafür sei ein Fluch oder eine Art Namenszauber? Das käme mir doch ziemlich obskur vor, rieche nach Verschwörungstheorie. Was für ein Komplott ihm denn vorschwebe?

Ein Komplott? Keineswegs. Wo ich hindenke. Mir sei scheinbar nicht klar, entgegnete Herr O., dass der Grund und Boden, auf dem wir stünden, zu der Zeit, da Bielefeld aus der Taufe gehoben wurde, nicht einfach nur aus Wald bestanden habe, nein, inmitten des Waldes, just an der Stelle, wo sich jetzt die Galgenheide befinde, habe es vielmehr, so die Sage, einen Heiligen Hain gegeben. Und in dem Hain habe eine Säule gestanden, die sei Biel, dem Gott des Waldes geweiht gewesen. Unter den Sachsen, fuhr er fort, die damals die Gegend bevölkerten, habe der Waldgott Biel, wie ich vielleicht wüsste, die höchste Verehrung genossen. Überhaupt hätten die Sachsen, den Osning, also den Teil des Teutoburger Waldes, zu dem Bielefeld gehört, als das Gebirge betrachtet, auf dem nicht allein Biel, sondern die Asen überhaupt, das Geschlecht der nordischen Götter wohnte. Sehen sie, sagte Herr O., die Sprache vergisst nicht. So auch in diesem Falle. Worauf gehe der Flurname Osning zurück? Schauen sie nach! Auf das althochdeutsche Wort »osena-eggi«. Und was bedeute »osena-eggi«? Nichts anderes als »Asen- oder Göttergebirge«. Göttergebirge aber seien unter allen Völkern sakrosankt, für den Menschen Tabu. Wer sie unberufen betritt, sich auf ihre Höhen begibt, um sich dort niederzulassen, der tue dies nicht nur auf eigene Gefahr, er mache sich vielmehr eines Frevels schuldig, er missachte und vergehe sich an der göttlichen Weltordnung. Und eben dies, davon sei er, Herr O., mehr als überzeugt, sei bei den Altvorderen der Fall. Am Anfang Bielefelds stehe ein Frevel, und dieser Frevel, diese Sünde wider die unter den Göttern und Menschen zugleich herrschende Satzung, sei bis heute nicht gesühnt. Ein Fluch sei damals von Biel über die Stadt verhängt worden, und dieser Fluch dauere fort. Wer weiß, vielleicht auf immer, fügte er nachdenklich hinzu, während sein Blick in den von Wolken verhangenen Himmel fuhr.

Verdutzt über das Gesagte, das mir höchst abenteuerlich vorkam, und doch einer gewissen Plausibilität nicht entbehrte, schaute ich verlegen auf die Uhr und bemerkte, dass es bereits spät geworden war. Ich müsse über all das in Ruhe nachdenken, erklärte ich Herrn O., jetzt aber sei dazu keine Zeit. Ich werde zu Hause erwartet. Ob ich ihn vielleicht ein Stück mitnehmen könne, ich sei mit dem Wagen da. Er glaube das zwar nicht, meinte Herr O. bescheiden, aber falls ich zufällig in Richtung Brackwede fahren sollte, dann gern. Das passt schon, gab ich ihm zu verstehen. Ich könne ihn ja dann, so Herr O., am Bethel-Eck rauslassen. Von da habe er es nicht mehr weit.

 

tado ink | 25.09.2014 | Kunstkammer
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