Bremerhaven

Imre Kert├ęsz

Wir sprachen viel über den Krieg. Aus dem Hotel tretend geriet ich in eine politische Veranstaltung: Im Wind, unter einer Zeltplane, hielt ein hier aus der Vergangenheit übriggebliebener, bekannter Kommunist eine pazifistische Rede, zwanzig, dreißig Menschen hatten sich auf dem Platz versammelt.

Dieser kleine kahle Jude geriet während der Rede von selbst in Zorn und begann sich plötzlich wie eine Schlange oder eher wie ein Regenwurm, auf den man getreten ist, zu winden. Irgend jemand neben mir bemerkte, er ahme mit jeder seiner Gesten Karl Liebknecht nach. Das dürfte ein widerlicher Kerl gewesen sein. Der kommunistische Stil, diese in die Freiheit entlassene Sklavenwut, die Sklavenwut der als Proletarier verkleideten Intellektuellen ist die schlimmste. Sie sind es, die man in jeder Form treffen muß, es sind Nazis und mörderische Pazifisten, Ratten, die auf dem Schiff der modernen Zivilisation umherhuschen, die Haltetaue und das Gefüge zernagen und alles, was sich zernagen und zerstören läßt, bis das Schiff versinkt. (Vielleicht waren es in Rom die ersten Christen, bis geschickte Politiker und die Kirchengründer dann auf ihnen, dieser Fleischmasse, ihre Herrschaft aufbauten? Doch nein, denn darin lag ja eine große Kreativität, während die hier mit ihren Ideologien nichts als zerstören können.) – Allgemeine und wütende Flucht vor jeder erwachsenen Verantwortungsübernahme in einen glücklich um sich schlagenden Infantilismus. Der richtende Typ des «Gerechten», der sich mit festem Verdikt gegen die eigene Kultur, die eigene Zivilisation entscheidet, oft nur, um sein Judentum nicht annehmen zu müssen.

Ich habe genug von den zynischen oder dummen Figuren, die hinter allem die große Realität suchen und natürlich mancherlei moralische Motive außer acht lassen, nach dem Stalinschen Prinzip: «Wie viele Dimensionen hat der Papst?» Nun, der Papst hat eine Menge Divisionen. Und ich habe immer auf diese Divisionen vertraut, die sogenannte Realität nie akzeptiert, während sie bis zum Hals versunken in diversen Diktaturen lebten ... [1999]

 

 

Imre Kertész: Der Betrachter. Aufzeichnungen 1991–2001. Aus dem Ungarischen von Heike Flemming und Lacy Kornitzer, Reinbek bei Hamburg 2016, S. 197f.

tado ink | 13.01.2017 | Frontberichte
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