Cease To Exist

Der Fall Charles Manson

»Tanzt, singt und bereitet Euch vor!« Mit diesen Worten stimmte Muammar al Ghaddafi, auf den Zinnen von Tripolis stehend, letzte Woche die ihm ergebenen Gardisten und Söldner ein, bevor er sie wie Bluthunde auf die eigenen Untertanen hetzte. Zwei Tage vorher stand in der Zeitung, Charles Manson habe über seinen Anwalt beim Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ein Gnadengesuch eingereicht. Manson sitzt seit 1969 in Haft, eingesperrt aufgrund einer Reihe von Morden, die er anberaumt und von seiner Strandbuggy-Streitmacht in Los Angeles hatte ausführen lassen. Al Ghaddafi, der beinahe zeitgleich sein Coming-out hatte, indem er durch einen Militärputsch in Lybien die Macht an sich riss, gibt immer noch Befehle und läßt sich als »König aller Könige Afrikas« von anglo-amerikanischen TV-Journalisten zum Zwecke eines Exklusivinterviews hofieren. Was Ghaddafi mit Manson zu schaffen hat, ist zwar nicht eigentlich Gegenstand nachfolgender Überlegungen, aber wer das Porträt aufmerksam studiert, das Hendrik Otremba vom düsteren Engel des »Summer of Love« angefertigt hat, der entdeckt erstaunliche Parallelen zwischen beiden. Und einiges andere mehr.

»So burn all your bridges / Leave your whole life behind / You can do what you want to do / 'Cause your strong in your mind« – Prophetische Worte, wenn man die Willenskraft bedenkt, die Charles Manson vom kleinkriminellen Landstreicher über eine verunglückte Karriere als Musiker hin zum Sektenguru mutieren ließ, mit einer ergebenen Schar junger Menschen unter sich, die für ihr satanisches Oberhaupt zum Äußersten zu gehen bereit waren. Irgendwann, als alle Brücken bis aufs Fundament heruntergebrannt waren, war da ein Blutbad, welches an Grausamkeit allein auf weiter Flur steht – sieben Tote und einige Leichen, von denen vermutet wird, dass auch sie auf das Konto von Manson und seiner Family gehen. Wie es scheint, machte sich der junge Mann dabei selbst keine Hand schmutzig, dirigierte die ihm Unterworfenen zu ihren Taten. Doch er wurde gefasst. Bis heute sitzt er im Gefängnis, wird es wohl nie wieder lebendig verlassen. Er ist über die Morde zur düsteren Ikone geworden, ein kultischer Antiheld. Liegt dieser Umstand nur in der Präzedenz seiner Taten? Oder hatte Manson berechnend kalkuliert, was zu tun war, um in das Gedächtnis des Schreckens einzugehen? Und vor allem: was bedeutet Manson für das Jahr 1969?

Zu Beginn aber erst einmal die Frage, welch umtriebiger Mensch Charles Manson war, bevor er im Gefängnis zum Stillstand verurteilt wurde. Viel weiß man nicht, nur dass er eine durchweg unbehütete Kindheit erlebte, seine Jugend von Brüchen und Instabilität geprägt war. Charles Milles Manson wurde am 12. November 1934 in Cincinnati (Ohio) geboren, wuchs von dort in eine Zeit hinein, in der die naive Vision vom Weltfrieden, die sich durch seine Generation zog, langsam umkippte. Nach den chaotischen Stationen einer strauchelnden Biographie – Diebstahl, Gefängnisaufenthalte, Landstreicherei, Verführung Minderjähriger – steht da im Jahre 1969 ein (kleiner) Mann mit wirrem Haar, um sich geschart eine Horde heimatloser Hippies, die ihm allesamt hörig sind. Aus dieser Situation heraus sollte er in die Geschichte eingehen. Manson experimentierte mit Drogen und stand im Kontext des kalifornischen Satanismus, von seiner Person ging eine wirkungsreiche Aura aus, eine dunkle Aura. Diese Umstände paarten sich mit seinem Selbstbehauptungsdrang, der seine Anlage in Mansons schwieriger Kindheit und Jugend findet. Doch reicht es aus, Mansons Wesen auf seiner tragischen Biographie fußend zu erklären, im Kontext einer entrückten Zeit der Umbrüche? Er war es doch vielmehr, der den kalifornischen Satanismus erst in die Öffentlichkeit brachte. War Manson mit seiner unfassbaren Tat gar mit dafür verantwortlich, dass die propagierte Nächstenliebe der Hippies zerbrach und vom altbekannten Egoismus abgelöst wurde? Eines steht hier zumindest bereits fest: Manson lässt sich nicht als Opfer seiner Zeit lesen, er ist vielmehr Täter.

Doch zurück zu den Fakten: Der Plan der Family – beeinflusst durch das weiße Album der Beatles, in dem Manson geheime Botschaften zu verstehen behauptete, Helter Skelter getauft – sah wie folgt aus: durch hinterlassene Indizien an den Tatorten einiger Morde, die von den verlängerten Armen Mansons begangen werden sollten, wollte dieser die schwarze Bevölkerung Kaliforniens in Misskredit bringen; so schrieben die Täter beispielsweise mit Blut PIGS an die Wand im Haus von Roman Polanski und Sharon Tate – ein Wort, das vor allem schwarze Jugendliche in den heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei synonym für diese verwendeten. Aus dieser falschen Zuschreibung ersehnte Manson einen Rassenkrieg, aus dem die Vernichtung der Weißen hervorgehen sollte. Letztendlich hätte er sich dann mit seiner Family zu einer weißen Elite über die verbliebenen Schwarzen erheben wollen, wäre so der Führer einer neuen Welt geworden, das Oberhaupt einer Herrenrasse. Die Opfer der Morde, Sharon Tate, ihre Freunde und das Ehepaar LaBianca, schienen dabei nur zufällig ausgewählt – wichtig für Helter Skelter war, dass sie einen gewissen Reichtum besaßen, um hierdurch das Motiv des Neids und der Habsucht ins Spiel zu bringen, die Intrige glaubwürdiger zu gestalten. Gelegen kam ihre Prominenz, die für die nötige Aufmerksamkeit sorgte.

Größenwahnsinnig wie der Plan ist Mansons ganzer Charakter, infiziert von seiner herrschsüchtigen Vision! Und nach der Verhaftung wusste er den Mythos noch zu füttern. Selbststigmatisiert durch das Hakenkreuz auf seiner Stirn verkündet Charles Manson hier in all seiner Erscheinung: ich bin das personifizierte Böse. Und der Mythos ist zu stark, um überwunden zu werden. Doch er lässt zumindest einige Beobachtungen zu, welche Bedeutung Manson für eine Reflexion des Jahres '69 haben könnte. Dabei muss die Frage gestellt werden, wie es dazu kommen konnte, dass ein Mörder in den Vermarktungsstrategien der populären Kultur zu einer Art Antiheld umgewertet wurde, dass sein Gesicht so viele T-Shirts ziert wie die ikonischen Bilder Bob Marleys und Che Guevaras. Worin liegt die Ursache der Popularität des vermeintlichen Todbringers der Hippiebewegung?

Eine These. Charles Manson suchte immer den Kontakt zur Prominenz Hollywoods. Auch wenn seine Opfer scheinbar zufällig durch seine Gefolgsleute – die Morde beging ja seinerzeit wie bereits angedeutet nicht er, sondern die Family in der Gestalt von Charles „Tex" Watson, Susan Atkins, Linda Kasabian, Patricia Krenwinkel und Leslie Van Houten – den Tod fanden: es waren Menschen, die in der Öffentlichkeit standen. Der Mord an Sharon Tate, zum Zeitpunkt ihres Todes hochschwanger, verleitet schnell zu der Assoziation, ihr Tod könne in Verbindung mit Rosemaries Baby stehen – jenem Film ihres Gatten Roman Polanski, der ebenfalls die Schwangerschaft einer jungen, attraktiven Frau mit satanischen Ritualen einer sektenartigen Gemeinschaft zusammenbrachte. Doch Rosemary, gespielt von Mia Farrow, überlebt im Film, trägt am Ende das Kind des Teufels in den Armen; Sharon Tate hingegen liegt erstochen am Boden, ihr ungeborenes Baby ist verloren. Dann Dennis Wilson, der Beach Boy, welcher gut mit Manson befreundet war, sich nie aus dem dunklen Schatten dieser Verbindung lösen konnte. Auf der Beach Boys-Platte 20/20, auch aus dem Jahre 1969, befindet sich der Song Never Learn Not to Love, der unter dem ursprünglichen Titel Cease To Exist aus der Feder Mansons stammt:

Pretty girl, pretty pretty girl / Cease to exist / Just, come an' say you love me / Give up, your world / Come on you can be

I'm your kind, oh your kind an' I can see / You walk on walk on / I love you, pretty girl / My life is yours / Ah you can have my world

Never had a lesson, I ever learned / But I know, we all get our turn / An' I love you / Never learn not to love you

Submission is a gift / Go on give it to your brother / Love and understandin' / Is for one another

I'm your kind, I'm your kind / I'm your brother

I never had a lesson, I ever learned / But I know we all, get our turn / An' I love you / Never learn not to love you / Never learn not to love you / Never learn not to love you [Charles Manson, „Cease to Exist" – LIE (recorded 1967/'68, released 1970)]

„Höre auf zu existieren" anstatt „Lerne niemals nicht zu lieben"?! Der Text in leichter Variation und unter diesem Titel schlägt in seiner Bedeutung um, lässt sich gar als Anleitung zur Persuasion interpretieren, mit der Manson seine größtenteils weiblichen Jünger gefügig machte. Eine Kakophonie der Unterwerfung. Die fast parallele Erscheinung auf einem Beach Boys-Klassiker programmierte Spekulationen vor, hier gehe etwas nicht mit rechten Dingen zu. Weitere Verwirrung stiftet der Umstand, dass der Mord an der Tate eigentlich gar nicht auf sie abzielte, sondern vielmehr dem Musikverleger Rudi Altobelli galt, der Manson vor dem Hintergrund seiner Bekanntschaft zu Wilson und dem Produzenten Gregg Jakobson einst ausbootete, seiner Musikkarriere somit ein vorzeitiges Aus bescherte. 1970 wurde LIE, so der Titel des 14 Stücke umfassenden Albums, dann doch noch von Awareness Records herausgebracht, seit dem immer wieder neu aufgelegt. Helter Skelter, die Beach Boys und eigene Versuche als Singer/Songwriter – liegt der Grund für Mansons Bekanntheit letztlich etwa in seinem Hang zur Popmusik?

Die Reihe der Prominenten setzt sich in Terry Melcher fort, dem Sohn von Doris Day, welcher ebenfalls zu Mansons Dunstkreis gehörte. Auch Melcher hatte versucht, Mansons Musikkarriere vorwärts zu bringen, verkehrte oft mit dem Guru, lieh ihm sogar Geld für die Produktion einer Platte. Auch der Umstand, dass Manson und seine Family auf einer ehemaligen Film-Ranch lebten, bringt den Hang zur Welt der Schönen, Mächtigen und Reichen in den Diskurs. Liest man Ed Sanders Gonzo-Reportage Charles Manson und seine Strandbuggy-Streitmacht – das auf das Gefühl der damaligen Zeit bezogen wohl authentischste Werk über den Wahnsinn eines Sommers – entdeckt man noch weitere (zum Teil spekulative) Verbindungen zwischen Manson und der kalifornischen Prominenz. Mit den sieben nachgewiesenen Morden gibt es insgesamt 13 blutrünstige Taten, die von Manson ausgegangen seien könnten – allesamt mit Opfern aus der High Society von Los Angeles! Die lang anhaltende Öffentlichkeit, die Manson bis heute erfährt, dürfte also auch bedingt sein durch die Popularität seines damaligen Umfeldes und die Vielzahl jener Prominenter, die er immer wieder zu adressieren versuchte; wobei einige von ihnen den Tod fanden.

 

Cease To Exist

Cielo Drive, Los Angeles | August 1969

 

Die Prominenz war durchaus empfänglich für exzentrische Figuren wie Manson: 1969 existierte in den Bergen Hollywoods ein gefährliches Spiel. Der Satanismus war in jener Zeit fast salonfähig, viele mehr oder weniger bekannte Protagonisten der Filmwelt hatten Verbindungen zur okkulten Szene. Der perfekte Nährboden für Manson, um durch sein System aus Wahn, Macht, Sex und Gewalt in die Geschichte einzugehen – wobei die Frage, ob es sich hier um gezielte Kalkulation oder eine Aneinanderreihung von Zufällen handelt, wohl nie abschließend geklärt werden kann.

Doch es existieren noch mehr Gründe für den Mythos Manson, der neben Vietnam, Altamont und einigen anderen finsteren Ereignissen das Jahr 1969 in ein so dunkles Licht wirft! Auch nach den Morden wurde von Manson und Co. einiges für die Ikonizität seiner Person getan, was sich am Beispiel der starken Auftritte vor den Kameras der Reporter festmachen lässt. Die Jünger seines Todesschwadrons wandten sich nach der Verhaftung nicht von ihm ab, sondern rasierten sich in Solidarität die Schädel, auch um ihre sektoide Einheit nach Außen zu tragen: ein Bild, das den Ausnahmecharakter des Tate/LaBianca-Falles noch unterstreicht, war „long beautiful Hair" doch das Schönheitsideal der Hippies. Mansons Jünger zerstörten dieses stereotype Bild, verewigten sich bis heute in den Gedächtnissen. Die Welt schien aus den Fugen...

Manson und seine Taten stehen in einer Reihe erschreckender Vorkommnisse, die '69 jenen faden Beigeschmack geben – so sind seine Taten auch bis heute präsent, weil sie die dunkle Färbung eines Jahres auf die Spitze treiben: Neben Helter Skelter ist da noch der Vorfall in Altamont, zudem zeigt das Massaker von My Lai den ganzen Schrecken des Vietnamkrieges. Die Linke radikalisiert sich auf globaler Ebene, die Auseinandersetzungen auf den Straßen werden immer raubeiniger und heftiger. Gegen Ende des Jahres 1969 häufen sich die dunklen Schlagzeilen, es lässt sich in vielerlei Hinsicht ein Spannungsverhältnis ausmachen: Die aufgeklärte freie Jugend verfällt nicht selten einem exzessiven Drogenkonsum, der manchem die Vision einer schöneren Welt in einen Wahn verwandelt haben mag; die esoterische Komponente der Hippie-Kultur stößt mit der immer stärker technisierten Welt zusammen; die Naivität der Bewegung, mit der sie an die Möglichkeit des globalen Friedens glaubt, läuft konträr zur politischen Realität. Es wird dunkel. Charles Manson sticht dabei durch die Exzentrik seiner Taten hervor, ist letztendlich mitverantwortlich für diese kalte Stimmung zum Ende des vielbewegten Jahrzehnts. Die Morde der Family lassen sich dabei nicht einordnen, sind weder politisch, noch entsprechen sie einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz. Doch auf eine merkwürdige Art und Weise passen sie in ihre Zeit. Durch die Brutalität im Tötungsakt und die Prominenz der Opfer sind sie dabei so in sich geschlossen, dass sie auch nach 40 Jahren ungreifbar bleiben. Und über all dem thront das Bild Mansons auf dem Cover des Life Magazines. Makaber der Titel der populären Zeitschrift, hatte Charles Manson mit dem Leben doch sichtlich wenig zu tun. Der Titel Death Magazine hätte wohl besser gepasst.

Ein Fall mit enormer Wirkung! Und seine Effekte in der populären Kultur reichen bis heute nach. Neben Mansons Gesicht, das auf unzähligen T-Shirts konserviert ist, wurde er zur morbiden Inspiration für eine Vielzahl von Künstlern: Marylin Manson bringt ihn in seinem Bandnamen mit einer anderen Ikone der 60er Jahre zusammen, der Monroe. Die Avantgardisten Psychic TV schreiben Songs über ihn und seine Taten, lassen sich für Promo-Fotos ebenso kahlgeschoren wie einst Mansons Jünger ablichten, T-Shirts mit seiner Visage tragend. Nur zwei Beispiele aus einer endlosen Kette der Glorifizierung eines Mörders. Ist Manson der Held der Gegenkultur? Dagegen spricht, dass er nicht nur in subversiven Kreisen anzutreffen ist: neben Büchern über ihn und sein grausiges Werk gibt es Kunstwerke, die ganze Ausstellungen füllen. Fotos von ihm werden zu honorenten Preisen gehandelt, er ist Gegenstand des Kunstmarktes. In Hamburg wurde die Ausstellung Man Son 1969 zum Publikumsmagneten, Manson und Pop sind heute untrennbar miteinander verschmolzen. Der Fall bleibt medienwirksam, auch nach über 40 Jahren. Kein Mörder in einem amerikanischen Gefängnis bekommt so viele Heiratsanträge, erfährt nach so langer Zeit eine immer noch breite Öffentlichkeit.

Und trotz dieser Überführung in die Kunst hat er scheinbar auch von seinem negativen Einfluss nichts verloren: im über 1000 Seiten starken Fundstück-Katalog der Columbine-Attentäter Eric Harris und Dylan Klebold finden sich unzählige Verweise auf Manson. Sein Name bedeutet noch heute eine Gefahr. Die Bilder werden bleiben, der Schrecken nie vergessen sein – auch über seinen Tod hinaus wird Charles Manson auf immer eine morbide Präsenz behalten. Und auch das Jahr 1969 ist auf ewig mit seinem blutigen Namen unterschrieben. In krakeligen Lettern steht da: Charles Manson – I was here, 1969.

Hendrik Otremba

tado ink | 02.03.2011 | 1969
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