Charles Baudelaire

Noch einmal

Ich glaube, in meinen Notizen bereits geschrieben zu haben, daß die Liebe stark einer Folterung oder einer chirurgischen Operation ähnelt. Diese Idee kann jedoch auf eine äußerst bittere Art und Weise entwickelt werden.

Selbst wenn die beiden Liebenden sehr verliebt wären und einander sehr begehren sollten, wird immer der eine von beiden ruhiger und weniger besessen als der andere sein. Letzterer oder letztere ist der operierende Arzt oder der Henkersknecht; der andere ist der leidende Teil, das Opfer. Hört ihr diese Seufzer, Vorspiel einer Tragödie der Ehrlosigkeit, dieses Stöhnen, Aufschreien, Röcheln? Wer hat sie nicht ausgestoßen, wer sie nicht widerstandslos erzwungen? Und ist etwa die von sorgsamen Folterknechten angewandte peinliche Frage schlimmer? Die gewaltsam verdrehten Augen des Schlafwandlers, die Glieder, deren Muskeln unter der Einwirkung einer galvanischen Säure austreten und steif werden, die Trunkenheit, das Delirium, das Opium und deren entsetzliche Folgen werden euch sicherlich keine so schrecklichen, so merkwürdigen Beispiele abgeben. Und das menschliche Gesicht, von dem Ovid glaubte, es sei geschaffen, die Sterne widerzuspiegeln, siehe, es gibt nur einen Ausdruck von irrer Wildheit wieder, oder es erschlafft in einer Art von Tod. Denn, wahrlich, es hieße ein Sakrileg begehen, begäbe man sich daran, das Wort Ekstase auf diese Art von Dekomposition anzuwenden.

– Furchtbares Spiel, bei dem der eine Spieler die Herrschaft über sich selbst verlieren muß.

Einmal wurde in meiner Gegenwart die Frage gestellt, worin die höchste Lust der Liebe bestünde. Jemand antwortete natürlich: Im Empfangen, und ein anderer:Im sich Verschenken. – Dieser sagte: die Lust des Stolzes; – und jener: Wonne der Erniedrigung. Alle diese Schmierfinken sprachen, als übten sie sich in der Nachahmung Jesu-Christi. – Schließlich fand sich ein schamloser Utopist, der versicherte, die höchste Lust der Liebe sei, für das Vaterland Bürger zu schmieden.

Ich jedoch, ich sage: die einzige Wollust und das Höchste der Liebe liegt in der Gewißheit, etwas Böses zu tun. Und Mann und Frau wissen von Geburt an, daß im Bösen alle Lust zu finden ist.

 

Charles Baudelaire

Gustave Moreau: L’apparition | 1876

 

Charles Baudelaire: Fusées (Gedankenblitze) #3

tado ink | 07.02.2011 | Stichijows Papiere
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