Da es Sommer ist

Alberto Moravia

Als wir wieder im Wagen saßen, raste ich los, ehe noch Cecilia den Wagenschlag ganz geschlossen hatte. Ich empfand eine wachsende Wut, die nicht erlosch, gleich einem Feuer, das immer neue Nahrung findet. Diese Wut erweckte in mir beharrliche Zwangsvorstellungen: Ich suchte die Cecilia, die ich nicht hatte haben können, töricht und starrköpfig überall dort, wo der kleinste Schein einer Ähnlichkeit dies zuließ – so ließen mich gewisse bald gemähte , bald bewachsene Wiesenstücke an Cecilias Leib denken, gewisse runde Hügel an ihre Brüste, gewisse Formen des Terrains an das Profil ihres Gesichts und an ihre Haare.

Wenn die Straße vor mir zwischen zwei lange Hügelzüge eintauchte, war mir, als seien das die Beine der liegenden Cecilia, zwischen denen der Wagen auf die Mitte ihres Leibes zufuhr. Dann plötzlich, als ich eben dabei war, mich mit dem Wagen auf eine riesenhafte Cecilia aus Erde zu stürzen, veränderte sich die Perspektive, statt der zwei Höhenzüge gab es deren vier, und ich sah keine Beine, keinen Leib mehr, sondern bloß eine nichtssagende Landschaft. Dabei hatte ich, wie gesagt, überhaupt keine klare Vorstellung davon, wohin die Fahrt eigentlich ging. Mir war es, als jagte ich auf der Suche nach irgend etwas vorwärts, das immer vor mir und unerreichbar war. Es war in jener Baumgruppe, auf jenem Hügel, in jenem Tal, auf jener Brücke – aber wenn ich dann dort angelangt war, war nichts davon mehr da, und ich mußte wieder neuen fiktiven Zielen zueilen. Dabei hatte ich in diesem Wahn und in meiner ohnmächtigen, dumpfen Wut das deutliche Bewußtsein, daß Cecilia hier an meiner Seite saß, in nächster Nähe und doch gleichzeitig unfaßbar.

 

Da es Sommer ist

Gustav Courbet: Der Ursprung der Welt | 1866

 

[Alberto Moravia: La Noia, übers. v. Percy Eckstein u. Wendla Lipsius, München o.J., S. 292f.]

tado ink | 29.06.2017 | Stichijows Papiere
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