Das Märchen von der Gänsefeder

August Hermann

Für R.

An einem dieser Tage, da das Wünschen noch geholfen hat, lebte fernab in den Bergen ein Knabe, der ein äußerst armseliges Dasein führte; es war derart armselig, dass selbst der Mond auf seiner Bahn nie noch ein Schluchzen unterdrücken konnte und jedes Mal eine fette Träne vergoss, wenn er den Jungen des Nachts auf Erden wandeln sah. Getauft war der Knabe auf den Namen Ulrich Theodor, im Dorfe aber nannten ihn alle nur Duri, weil das einfacher für die Leute war und sie ihn so schneller rufen konnten, wenn sie etwas von ihm besorgt haben wollten. Und das wollten sie fast immer.

Die Mutter und der Vater des Knaben waren lange tot. Eine Lawine, die sich eines Tages im Frühjahr oben am Drachenkopf gelöst und rasend ins Tal gestürzt war, hatte die beiden erschlagen und unter sich begraben. Man fand sie Hand in Hand unter einem meterhohen Haufen von Schnee, Eis und Geröll. Da war Duri gerade mal drei Jahre alt. Eine Zeit lang kümmerte die Großmutter sich um den Jungen, allein sie war schon sehr alt, und es dauerte nicht lang, da verstarb auch sie.

Im Dorf wußte man zuerst nicht, was man mit dem Knaben anfangen sollte. Nähere oder entfernte Verwandte gab es nicht, und auch sonst war da niemand, zu dem man ihn hätte geben können. Da kam einem der Männer die Idee: »Soll der Junge sich doch um die Geißen kümmern, da fällt er keinem zur Last. Und wir haben unseren Vorteil.« Gesagt, getan. Anderen Tags schon schickte man Duri zum Alm-Ueli in die Lehre, damit dieser ihm alles beibringe, was einer als Geißbub so wissen und können muss.

 

Das Märchen von der Gänsefeder

Giovanni Segantini: Vergehen (La morte) | 1896-99

 

Duri lernte rasch. Im nächsten Frühjahr bereits, der Schnee war eben geschmolzen, die Tage wurden länger, hieß es: »Auf, hol die Ziegen aus dem Stall und sieh zu, dass keine von ihnen oben verloren geht. Sonst gibt es was.« Also nahm Duri den Stecken, den er sich im Winter aus dem Ast einer Eibe geschnitzt hatte, trieb die Ziegen zusammen und zog mit der Herde bis in den Herbst hinein durch die Schluchten und über die Rücken und Matten der umliegenden Berge. Einige von diesen reichten mit ihren Kämmen und Spitzen bis in die Wolken hinein.

Oft bekam er über Wochen keines Menschen Antlitz zu sehen. Am Tage war das nicht so schlimm, da war ihm warm, er hatte zu tun und es gab das eine oder andere zu schauen, des Nachts aber, wenn es finster war, es feucht wurde und mitunter bitter kalt, setzte ihm die Einsamkeit doch mächtig zu. Selbst wenn er nicht draußen, sondern in einer der mit Moos überzogenen Steinhütten nächtigte, schlotterte und zitterte er ein um’s andere Mal am ganzen Leibe. Der Wind pfiff und zog durchs Mauerwerk und im Dach gab es jede Menge Risse, durch die der Regen tröpfelte. Weit lieber als in einer der Hütten verbrachte Duri die Nächte deshalb unter einem Felsvorsprung oder in einer Höhle. Oft saß er dann und schaute über Stunden den unzähligen Sternen zu, wie sie am nächtlichen Himmel funkelten und gleißten. Und ihm kam es dann so vor, als ob sie ihm mit ihrem Licht Trost zusprechen wollten.

Tagsüber war es selten besser. Für gewöhnlich langweilte Duri sich oben in den Bergen zu Tode. Wenn er nicht gerade mit der Herde unterwegs war und nach einem neuen Weideplatz Ausschau hielt, lag er an einem Hang oder auf einer Matte, döste vor sich hin, kaute auf einem Grashalm oder schaute den Ziegen beim Grasen zu. Ohne Katinka, die ihm die liebste unter den Tieren war, wäre der Knabe wohl vor Einsamkeit und Kummer gestorben. Nachts war sie es, die zu ihm kam und sich mit ihrem weichen, weißen Vlies an ihn kuschelte; fühlte er sich einsam und wusste nicht recht, was er mit dem lieben langen Tag anfangen sollte, war sie es, die Schneebleiche, die unaufgefordert zu ihm kam, ihn anstupste, neckte, allerhand Grimassen schnitt und ihn, wenn das alles nicht half, mit dem einen oder anderen launigen Sprung zum Lachen brachte.

»Katinka, Katinka«, sagte Duri dann, »du machst mich noch zum Stinker«. Woraufhin er aufsprang, zum Beutel griff, den er bei sich trug, und ihr aus der Hand ein wenig Salz zu lecken gab. Salz, muss man wissen, hatte Katinka, wie ihre Brüder und Schwestern aus der Herde auch, zum Fressen gern. Von Salz konnte die Gute nie genug bekommen.

Ab und an, Duri wusste nie genau wann, kam einer aus dem Dorf herauf und brachte ihm frisches Brot und mageren Käse. Das war alles, wovon er sich den Sommer über ernährte, und es war nie genug, um den Hunger zu stillen, der an ihm nagte und ihn quälte. Wenn ich doch eine Ziege wär', dachte der Knabe oft, allein die Gräser und Kräuter, an denen Katinka und die anderen aus der Herde sich labten, taugten für Duri ganz und gar nicht. Er hatte es einmal ausprobiert, allein ihm war speiübel von dem Grünzeug geworden, und satt hatte es ihn lange nicht gemacht. In seinem Magen grummelte und zwickte es ärger denn als zuvor.

Von den Leuten im Dorf hatte Duri sowieso nicht viel zu erwarten; er bekam von ihnen nur das, was er unbedingt brauchte. Die Lederhose, die sie ihm gegeben hatten, war uralt und speckig, das Hemd, die Weste und der Rock, die er trug, waren übersät mit Flicken, der Hut, der auf seinem Kopf saß, hatte einen Riss, Schuhe und Strümpfe kannte er gar nicht. Wozu braucht der Junge Strümpfe, wozu Schuhe, hieß es, damit kann er lange nicht so gut klettern wie ohne. Dass man sich beim Klettern oder aber dem Sprung über Fels- und Gletscherspalten leicht die Füsse aufreißt, daran dachte keiner. Wen kümmert es auch, wie es dem Geißbub oben in den Bergen ergeht, Hauptsache, er hält die Herde zusammen.

Und darauf, die Herde zusammenzuhalten, verstand Duri sich wie kein zweiter. Hatte sich eines der Tiere verirrt, wusste Duri, wo es zu finden war; kündigte sich ein Unwetter an, sorgte Duri dafür, dass die Ziegen einen Unterschlupf fanden, wo sie sicher waren. Es kam nicht einmal vor, dass der Geißbub, wenn er im Herbst mit der Herde aus den Bergen zurückkehrte, eines der Tiere als tot oder vermisst melden musste. Der Dank, der ihm dafür zuteil wurde, hielt sich in Grenzen. Ab, hieß es, sobald er zurück im Tal war, bereite die Ställe vor, der Winter ist schneller da als du denkst.

Und wenn der Winter kam und mit dicken weißen Flocken das Tal und das Dorf und die Berge eindeckte, war es Duri, der mit einer Schaufel hinausgeschickt wurde, die Gassen und Wege vom Schnee zu räumen, der des Nachts gefallen war. Während die anderen Kinder des Dorfes in der Schule saßen und lernten, stand Duri, vor Kälte bibbernd, draußen und schippte Schnee; und wenn sie des Nachmittags mit ihren Schlitten die Hänge herab rodelten oder gemütlich in der Stube am Ofen saßen und spielten, zog Duri von einem Stall zum anderen und schaute bei den Ziegen nach dem Rechten. Es gab immer etwas für ihn zu tun, Winters wie Sommers.

Morgens und abends ging er los, die Tiere zu füttern; wenn es mal nicht gerade geschneit hatte, mistete er die Ställe aus oder bürstete ihnen das lange zottelige Fell; und wenn das erledigt war, half er dem Alm-Ueli, die Ziegen zu melken, die Milch gaben, und aus der süßen Milch der Ziegen leckeren Käse zu bereiten. Duri war es recht, er jammerte nicht, er klagte nicht, nur manchmal, wenn ihm der Alm-Ueli, in dessen Hütte ihm ein Lager hergerichtet worden war, vor dem Schlafengehen noch eine Geschichte erzählte, fragte er sich, wie es wohl wäre, als Pirat über die Sieben Weltmeere zu segeln oder aber als Ritter von Burg zu Burg zu ziehen, um sich dort auf einem der Turniere mit anderen Rittern im Zweikampf zu messen. Aber das währte meist nicht lang, dann schlief er auch schon fest –, müde von all der Arbeit, die er tagsüber zu verrichten hatte.

 

[wird fortgesetzt]

tado ink | 25.12.2015 | Stichijows Papiere
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