Der lange Marsch durch die Illusionen

Bernward Vesper

Wenn wir auf einer Insel aufwachsen, so beurteilen wir den Gang der Gestirne nach ihren Küsten und glauben den Bewohnern gern, daß jenseits des Horizonts Ungeheuer auf den Seefahrer lauern und die Wasser tosend in einen Abgrund fallen. Erst wenn wir die Insel verlassen haben, sehen wir mit der Zeit in diesen Legenden Spiegelbilder der Phantasien jener Bewohner und erkennen im Donnern der Wasser das oreosklerotische Echo der eigenen Ängste einer untergehenden Klasse.

Und hier setzt nun eigentlich die Geschichte ein, die ich Burton erzählen wollte an jenem 4. August 1969 auf der Bank im Hofgarten, als die Sonne aufging über dem Blaugrün der Oleanderstöcke und die Wellen des Trips mir die Worte aus dem Mund rissen – es ist wie auf den Höhepunkten einer Psychose, du siehst so unendlich viel, was zusammengehört, du willst es aussprechen, niederschrieben, aber der andre vernimmt nur ein unartikuliertes Lallen, sieht unleserliche Kürzel – jener Geschichte, die eigentlich nicht mit mir oder mit uns beiden beginnt, auch nicht mit den Vätern, jener lange Marsch durch die Illusionen, der in der deutschen Geschichte bis auf Luther zurückgeht, oder genauer, ökonomischer, auf die Entdeckung eben jenes Kontinents Amerika, als mit der alten Seidenstraße, die den Reichtum der jungen deutschen Bourgeoisie begründete, auch die Entwicklung nach den allgemein gültigen historischen Gesetzen in Deutschland abriß, und statt eines Nacheinander ein Nebeneinander und Durcheinander von Klassenherrschaft einsetzte bis zu dem Punkt, wo der amerikanische Imperialismus, der endlich, wie notwendig, alle Produktivkräfte der untergehenden bürgerlichen Epoche unter einer Fahne vereint, als fratzenhaftes Spiegelbild dem bis dahin reaktionärsten Lande der Welt den Rang streitig gemacht und seine historische Aufgabe erfüllt, Ost und West miteinander zu verhindern, im entscheidenden, schon entschiedenen Kampf. Wie hätte ich Burton alles erklären können? Reichten doch meine eigenen Erfahrungen gerade nur aus, um schattenhaft, in großen Energielinien, den Verlauf jenes Rollentausches zu erkennen; es fehlte die Zeit, es fehlte an der Sprache, die, wie konnte es anders sein, hier, mitten in Deutschland, im Zeitalter des amerikanischen Imperialismus amerikanisch war. Engels hat bereits gesagt: „Die Rückständigkeit der deutschen Industrie (deren Entwicklung in Deutschland erst nach 1848 begann) hat mannigfaltige Ursachen, aber zwei werden zu ihrer Erklärung genügen: die ungünstige geographische Lage des Landes, seine Entfernung vom Atlantischen Ozean, der zur großen Heerstraße des Welthandels geworden war, sowie die ständigen Kriege, in die Deutschland verwickelt war und die auf seinem Boden ausgefochten wurden vom 16. Jahrhundert an bis auf den heutigen Tag", aber hat er damit alles ausgesprochen, was uns betrifft, die wir, geboren im Faulschlamm des untergehenden Feudalismus mitten im 20. Jahrhundert, die versteinerten Verhältnisse dreier Klassen wie die Fossilien jenes Urmeeres, das sich einst über Deutschland breitete, in uns herumschleppen, so dass wir, in einem Land, das nie...

 

Der lange Marsch durch die Illusionen

Rom illuminiert zu Ehren Adolf Hitlers | Mai 1938

 

ihre eigenen Texter waren. Jetzt, am Morgen des 1. Mai, ist der Slogan längst nicht mehr das Eigentum weniger Straßentheaterleute – die im Ho-Shi-Minh-Schritt anstürmenden Reihen haben ihn aufgenommen, in wenigen Tagen gehört er der ganzen antirevisionistischen Bewegung, ist so etwas wie ein Leitmotiv und Kernsatz geworden. Doch die Analyse, die ihm zugrunde liegt, ist geprägt von dem deutschen Faschismustrauma, wir haben nicht gefragt, ob die gesellschaftliche, ökonomische Basis für den Faschismus in Deutschland nicht zum ersten Mal in der deutschen Geschichte nicht mehr vorhanden ist. Faschismus als Eroberungsimperialismus setzt – wie in Japan, Italien – eine starke feudale Komponente voraus. Als der Deutsche Flottenverein für die deutsche Seerüstung warb und die Legende vom Volk ohne Raum entstand, beschränkte sich die klassische Kolonialmacht England bereits darauf, den größten Markt der Erde – China – nur zu öffnen, denn England war sich der eisernen Fesseln der terms of trade bereits bewußt. Allein in Deutschland konnte unser Slogan solche Verbreitung finden, weil hier, unter ganz spezifischen Voraussetzungen, der Ludendorffsche und der Hitlersche Faschismus siegen konnte. Wenn die Revisionisten der DKP aufgrund einer falschen Analyse die Einheitsfront gegen das Rechtskartell propagieren, so erfüllen sie damit nur innenpolitische Aufgaben für die Revisionisten der UdSSR – denn jede wirklich revolutionäre Forderung müßte auf das sozialistische Lager, soweit es selbst revisionistisch ist, zurückschlagen. Das deutsche Proletariat aber kämpft nicht gegen den Faschismus, weil der Faschismus nur die klassischen bürgerlichen Freiheiten (Pressefreiheit, Wahlrecht etc.) beschneidet, im Betrieb selbst aber die Rechte des Proletariats nur dort merklich einengt, wo die Arbeiter bereits von ihnen Gebrauch machen, d. h. für politische Ziele kämpfen. Vor drei Jahren sahen wir das nicht; das Proletariat als revolutionäres Subjekt war kaum in den Blick gekommen, seine Bedingungen kannten wir nicht. [Feltrinelli hielt seine Rede in fließendem Deutsch] – von Giangiacomo fehlt bisher ›jede Spur‹. Good luck, than! Mit der Zeit werden immer mehr revolutionäre Kader illegalisiert – vielleicht eine neue, ebenfalls notwendige Etappe auf dem langen Marsch durch die Illusionen. (Heute ist der 1. Mai seit sechs Jahren, an dem ich nicht an der Maidemonstration teilnehme – ich nehme Anteil, auf die mir jetzt vorgeschriebene Weise – schreibend!)

Bernward Vesper: Der lange Marsch durch die Illusionen. Versuch einer Selbstkritik. Ein Notizbuch | Hamburg, 14.4.1971, in: ders., Die Reise. Romanessay. Ausgabe letzter Hand, Frankfurt/M. [22. Auflage] 1982, S. 574ff.

tado ink | 21.02.2011 | 1969
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