Der Überfall

Paul Rüthning

Kiefern. Heide. Märkisches Land.
Ein Wagen mahlt durch den tiefen Sand,
breit und schwer, planüberdacht;
sechs schwere Pferde. Es naht die Nacht.

Schatten um Schatten und letztes Rot;
dicht hinter dem Wagen um geht der Tod.
Dicht vor dem Wagen, der Sand macht schwer,
ein Fähnlein Landsknechte zieht daher.

Sechs oder sieben; sie reiten sacht.
Schatten um Schatten. Es wächst die Nacht.
Die Herberge weit; am Himmel kein Stern.
Schatten und Dunkel nah und fern.

Flüstern nur leise und Raunen im Wald.
Da – Rossegetrappel und dumpfes Halt!
Eisenfäuste, Fluchen und Schrein.
Ein Landsknecht sprengt in die Nacht hinein.

Blanke Schwerter klirren laut.
Tote und Wunde im Heidekraut.
Fluchen, Höhnen, Lachen und Spott.
Dann setzen die Pferde sich in Trott.

Leichtes Wimmern und Stöhnen verhallt;
schweigend liegt der märkische Wald.
Schweigend liegen die Toten in Reih,
und langsam zieht der Tod vorbei.

 

(um 1900)

 

Der Überfall

Max Liebermann: Märkische Landschaft | 1926

 

Das Gedicht ist der didaktisch-patriotischen Anthologie entnommen: Deutscher Eichenkranz. Balladen und Heldensänge als lebende Bilder deutscher Geschichte und deutscher Taten von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, gesammelt und herausgegeben von Karl Werhan, Leipzig-Gohlis 1925, S. 208. Über den Verfasser des Gedichts, Paul Rüthning, habe ich wenig herausfinden können. Am 12. Oktober 1876 in Havelberg geboren, scheint er um die Jahrhundertwende als Lehrer und Schriftsteller tätig gewesen zu sein. Gedichte und Erzählungen aus seiner Feder finden sich in den Zeitschriften Westermanns Monatshefte, Deutsche Wacht und Simplicissimus abgedruckt, vielleicht auch noch andernorts. Das Gedicht Der Überfall ist von Hugo Kaun vertont worden: Fünf Gesänge und Balladen für eine Mezzosopran-, Alt- oder Bariton-Stimme, Leipzig 1904, #5. Gut möglich, dass Rüthning in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgewandert und dort verschollen gegangen ist. Wer etwas über sein Werk und Leben weiß, möge es mir doch bitte mitteilen.

tado ink | 16.05.2014 | Stichijows Papiere
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