Detlef Kremer

Eine Totenrede

Gut ein Jahr ist es her, da starb vollkommen unerwartet ein alter Freund von mir, Detlef Kremer. Es gab einige Nachrufe, er wurde als Mensch und der Romantik aus Passion zugewandter Germanist angemessen gewürdigt. Das Leben aber ging bald schon weiter, es wurde richtig Sommer, es wurde Herbst, es wurde Winter, dann brach erneut das Frühjahr auf. Gnadenlos. – Mitunter fällt sein Name noch, hier und da, beinahe im Vorübergehen, ansonsten aber läuft alles, wie es immer gelaufen ist. Das Leben – ein grausames Spiel.

»Tod, wo ist dein Stachel.« Heißt es irgendwo bei Paulus. Wer so über den Tod spricht, muss sich auf Erden bereits im Stande der Gnade befinden oder in der festen Erwartung auf ihr Eintreten sein Leben ausgerichtet haben. Für all die anderen, für die, die den Stand der Gnade nur von ferne her kennen, sieht es anders aus. Für sie ist der Tod eben das, was er ist: ein Stachel –, nicht mehr, nicht weniger. Ein Dorn im Fleische, ein Nagel in der Seele, eine Tretmine im Lauf der Gedanken.

Fassungslos, Detlef, standen wir an deinem Sarge, erschüttert viele, in tiefer Trauer die meisten. Uns fehlten die Worte, wir begriffen nicht im mindesten, was geschehen war und warum es gerade Dich hatte erwischen müssen, einem der liebenswertesten, heitersten und entgegenkommendsten Menschen, dem wir begegnet waren. Es empört sich alles in einem, wenn man an Dein Ende denkt, an diesem ganz gewöhnlichen Vormittag im Juni 2009, an eben dem Schreibtisch, an dem Du dich immer pudelwohl gefühlt hattest, im Gespräch, auf das Du dich wie wenige verstandest, über einen Stoß von Papieren und Plänen gebeugt, die zu Ende zu führen Du dir sicher gewesen sein dürftest. Wie unfair das Leben ist, wie grausam. Schreiend ungerecht. Während andere sich quälen, furchtbar leiden, sterben möchten, aber nicht sterben können, sucht der Tod sich jemanden aus, der voll im Leben steht und streckt ihn kurzerhand nieder. Ausgelöscht von jetzt auf gleich.

Warum? Weshalb? Wieso? Keine Antwort –, eine Reihe hilfloser Fragen nur. Ob er sich am Ende nicht doch übernommen hat? die Lasten, die er sich aufgebürdet hatte, vielleicht auf die Dauer zu schwer für ihn geworden waren? Aber nein doch. War er nicht kerngesund? bis zum letzten Augenblick? Ein paar Tage vorher noch war er ungezählte Kilometer mit seinem Rennrad über das Wiehengebirge und durch den Teutoburger Wald gefahren, den er liebte. Und das ohne die geringste Anstrengung. Aber wer weiß, vielleicht hat er uns, höflich wie er war, Dinge verschwiegen, die ihn bedrückten und quälten, oder sich selbst etwas vorgemacht, was seine Kräfte anlangt. Schwer vorstellbar andererseits, bei einem Menschen, der wie Detlef Kremer sehr genau wußte, dass es im Leben entscheidend darauf ankommt, Maß zu halten. Irgendwann trifft es eben einen jeden von uns. Was soll man machen. So redet man, so reden wir. Wahrscheinlich hatte der Sensenmann einfach nur einen üblen Tag und beschloß deshalb, jemanden auszumerzen, der gerade bester Laune war. So reden wir und wissen doch kaum, was wir da eigentlich reden. Wir suchen nach einer Erklärung, erinnern uns gewisser Umstände und Begebenheiten, denken an den Tod des Vaters, Herzversagen, oder an den Ast, der ihn vor Jahren schwer am Hinterkopf getroffen hatte, als er im Garten der Schwiegereltern aushalf, die Sturmschäden zu beseitigen, die Kyrill dort angerichtet hatte. Und doch bleibt, was sich da vor einem Jahr in der Humboldtstraße 8 ereignet hat, unfassbar, unbegreiflich. Ich jedenfalls finde keine Erklärung, keinen Trost.

Wen die Götter lieben, den raffen sie früh dahin. Gewiss. Auch so kann man sich trösten. Mit Goethe und der Weisheit der Alten. Und doch, was ist mit dieser Sentenz wirklich gewonnen. Der Tod bleibt ein Stachel, ein Dorn im Leib des Lebens, ein Ärgernis für den Gedanken, ein Skandal nachgerade, intellektuell und emotional. Detlef wußte das nur zu genau. Wenn wir, wie so häufig in den letzten Jahren, nach Münster gefahren waren, haben wir uns über vieles unterhalten, eher selten über die Machenschaften des Betriebs, die Universität, Germanistik und solche Dinge –, dafür um so mehr über das satte Grün der westfälischen Tiefebene, über den Duft gewisser Frauen oder die berauschende Intensität eines Hendrixschen Gitarrenlaufs –, wiederholt freilich kamen wir auch auf den Tod zu sprechen. Es gab Anlass genug: die Schneisen und Lücken, die sich unversehens in unserem Freundes- und Bekanntenkreis aufgetan hatten, die Gebrechen und Mühen des Alters, die wir bei unseren Eltern beobachteten. Wir waren uns einig: Wenn er denn kommt, dann möge er rasch kommen, unvorhergesehen, überfallartig, plötzlich. Der Tod. Das wäre das Beste noch. Die heidnische Form der Gnade, wenn man so will. Und doch vergaß Detlef, feinfühlig und schlau, wie er nun einmal war, nicht einziges Mal, mich daran zu erinnern, dass es ein leichtes sei, über den Tod zu palavern, die Situation aber sich ganz anders darstellt, sobald dieser einem leibhaftig gegenübertritt. Wenn er an die Tür klopft, so Detlef, dann werden die Karten neu gemischt. So ist es, dachte ich. Was Detlef Kremer allerdings nicht bedachte und was mir auch erst viel später, mit seinem Tod, um genau zu sein, klar geworden ist: Könnte das Mischen und Austeilen der Karten nicht vielleicht auch in einem solch rasanten Tempo erfolgen, dass man nicht die geringste Gelegenheit erhält, einen Blick auf das Blatt zu werfen, das einem da vom Tod in die Hände gespielt wurde. Und selbst wenn Detlef, aller Zeitrechnung zum Trotz, doch noch Gelegenheit gehaben sollte, einen Blick auf die Karten zu werfen – wer weiß, ob das Blatt, das er da in der Hand gehalten hat, nicht bis auf die letzte Karte gezinkt war. Keine Chance also. »Tomorrow Never Knows«. – Ruhe in Frieden, Detto.

 

tado ink | 02.06.2010 | Frontberichte
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