Deutsche Zustände

Beobachtungen. Bemerkungen

Ich weiß gar nicht, weshalb man sich über die Ereignisse, die sich zu Silvester auf der Kölner Domplatte und andernorts abspielten, so empört. Wer will es jungen Männern verdenken, dass sie sich deutschen Mädchen gegenüber, gelinde gesagt, anzüglich verhalten und ihnen das eine oder andere Spielzeug abnehmen, wo sie doch von eben diesen bei ihrer Ankunft schwärmerisch wie Rockstars begrüßt und mit Geschenken geradezu überhäuft wurden. – Ein Kommunikationsproblem also, nicht mehr, nicht weniger, das aufzuklären man getrost unseren Experten für interkulturelle Begegnungen und dem auf dem Parteitag der Grünen bereits avisierten Ministerium für Integration überlassen darf.

Endlich ist es mir gelungen, eine Erklärung für das Phänomen Helene Fischer zu finden. Ich dachte schon, ich käme nie drauf. Die Begeisterung, die ihre Erscheinung und ihre Schlager beim Publikum entfachen, ist, so der Gedanke, der mir gestern kam, nichts weiter als ein Beleg für den bereits von Goethe verzeichneten, anhaltend schlechten Geschmack der Deutschen: ein bildhübsches, nachgerade makellos auftretendes Wesen, das lauter dummes Zeug trällert, weder Originalität noch Persönlichkeit an den Tag legt, geschweige denn, dass sie über ein gewisses Etwas verfügte, das über den Mangel an Authentizität hinwegtröst, kurz: ein Schlager-Maschinchen, auf das 100% Verlass ist, ein Industrieprodukt eben, ’ne Art Musicbox, made in Germany, mag der Rohstoff auch aus Sibirien stammen. Mit anderen Worten: Germania nova als Nummerngirl. – Perfektion aber, das wird der deutsche Geschmack wohl nie begreifen, gibt nicht zwingend ein Kriterium für das wahrhaft Schöne ab. Und wenn, dann höchstens eines unter anderen.

Es erstaunt mich doch immer wieder, wie vital und unverfroren sich mehr als 25 Jahre nach dem Untergang des real existierenden Sozialismus das ihm zugrundeliegende Denken aufführt. Gerade eben las ich: »Der Kapitalismus war und ist – und wird es bis in seine letzten Züge bleiben – ein auf systematischer Ungerechtigkeit und strukturellem Rassismus aufbauendes Wirtschaftssystem, das naturgemäß zu Migrationsbewegungen der Ausgebeuteten führt.« (Armen Avanessian). Als ob wir immer noch im 19. Jahrhundert lebten, die Ideen von Marx und Engels nicht längst durch die Empirie widerlegt worden wären. Gewiss, es bleibt ein Skandal, wie Hegel  notierte, dass die bürgerliche Gesellschaft bei all dem Reichtum, den sie produziert, unfähig ist, das Elend aus der Welt zu schaffen, Migration aber, und das im großen Stil, gab es bereits in der Antike und im Mittelalter. Ist nicht das römische Imperium bereits durch nicht endenwollende Migrationsströme aufgerieben worden? Und was die Ausbeutung des Orients und Afrikas durch den Westen anlangt, so hätte ich gern ein paar Belege. Ich fürchte, die Selbstausbeutung des Westens ist ungleich höher als das was er gegen gutes Geld aus dem Rest der Welt herausholt. Stichwort Arbeitszeit, Produktivität u.ä. Von Leuten, die sich dem Denken verschrieben haben, erwarten ich, dass sie, wenn schon im Gedanken nicht der Zeit voraus, so doch mindestens in der Lage sind, sich mit mit dem, was ihnen in den Sinn kommt, auf den Wellenkämmen zu halten, die die Zeit in der Gegenwart aufwirft. Das aber scheint dieser Tage selten der Fall.

Martin Walser hat einen neuen Roman aufgelegt: »Ein sterbender Mann«. Alle Welt spricht darüber, ich aber weigere mich, dem Schriftsteller beim Sterben zuzusehen. Wozu auch? Für mich ist Walser bereits vor einer halben Ewigkeit gestorben.

Wenn es noch eines Belegs für die Niveauverlust und die Inkompetenz der politischen Klasse bedürfte, dann sind es die Stellungnahmen, die ich in jüngster Zeit zu dem Vorschlag vernommen habe, eine Obergrenze bei den Flüchtlingen festzulegen. Das sei, so der vom Kanzleramt bis zur Opposition reichende Tenor, schlicht verfassungswidrig. Noch einmal abgesehen von dem Umstand, dass die Verfassung bei uns vor einiger Zeit bereits ausgehebelt wurde, um unter dem Deckmantel des Asylgesetzes eine Einwanderungspolitik zu betreiben, die auf der Welt ihresgleichen sucht, abgesehen also von der Ignoranz gegenüber dem Grundgesetz (Art 16a, Absatz 2), genügt ein Blick in die Genfer Flüchtlingskonvention, um eines Besseren belehrt zu werden. Kein Staat hat sich durch ihre Unterzeichnung verpflichtet, so viele Flüchtlinge aufzunehmen, dass die Ordnung und Sicherheit im Lande, ja seine Existenz gefährdet ist (z.B. Artikel 9). Im Falle eines Falles kann man sich an den Hohen Kommissar der UN für Flüchtlinge wenden, um eine internationale Lösung zu finden.

 

tado ink | 08.01.2016 | Frontberichte
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