Die Linden auf dem Kirchhof

Elegie

Es war einmal eine Zeit, da gab es bei uns auf dem Friedhof Linden. Nicht nur eine oder zwei, nein, es gab gleich Dutzend von ihnen, gut 30 an der Zahl, wenn ich mich nicht irre. Ein Lindenbaum neben dem anderen, so standen sie da, in Reih und Glied, als ob es sich um Soldaten handelte, um lange Kerle auf Wacht.

Wie alt die Linden waren und wie lange sie bereits auf dem Kirchhof standen, das wußte keiner so genau. Vielleicht hatten sie 100 Jahre, vielleicht auch 150 auf dem Buckel. Linden können sehr alt werden, heißt es, über 500 Jahre und mehr. Es gab jedenfalls niemanden im Dorf, der sich an eine Zeit hätte erinnern können, an dem es keine Linden auf dem Kirchhof gab, und es gab und gibt niemanden unter uns, der so viele Beerdigungen gesehen hat wie die Linden auf dem Kirchhof.

Vor Urzeiten, als den Menschen noch ein Schauder über den Rücken lief, wenn sie an die Natur dachten, wurde der Lindenbaum als heilig verehrt. Folgt man den Sagen und Göttergeschichten der Altvorderen, dann stand der Lindenbaum von jeher unter der Obhut von Frigga oder Freia; er sei, heißt es, der Gattin Wotans geweiht gewesen, der Göttin der Fruchtbarkeit und Liebe, der Schutzpatronin von Ehe und Mütterlichkeit auch. Einige behaupten, in den Linden oder aus ihrem Blattwerk heraus sänge die Nachtigall am schönsten und wohl auch am liebsten, andere meinen, es gäbe auf Erden keinen Baum, der so süß dufte wie die Linde im Mai. Alte Geschichten, winken andere ab, romantisches Zeug. Wen interessiert das noch. Und doch... Immerhin liest man in Büchern auch, unter den Linden habe sich früher der Rat der Gemeinde versammelt, wenn es galt, Streitfälle zu schlichten, Verbrechen zu ahnen und zu sühnen, Entscheidungen zu fällen oder aber Gesetze zu beraten. An den Fest- und Feiertagen, heißt es weiter, hätten die Linden im Dorf dazu gedient, unter ihren ausladenden und dichten Wipfeln sich im Wettstreit zu üben und in später Stunde dann dem Tanz, Trunk und Gesang zu frönen. Noch in jüngerer Zeit fand manch einer im Schatten der Linde die Liebste oder aber doch das Glück schmachtender Küsse. Es soll allerdings auch vorgekommen sein, dass einer, dem das Herz zu schwer geworden war, sich an einem ihrer Äste in nächtlicher Stunde aufknüpfte. – Ein Baum der Liebe, ein Baum des Todes, zweideutig wie Mutter Natur selbst.

Es waren auf jeden Fall schöne Bäume, die Linden, die es bei uns auf dem Kirchhof gab; schlank im Stamm und hoch in den Himmel aufragend, eine jede mit einer Krone versehen, die mit ungezählten Zweigen und Ästen in die Wolken griff, als ob sie bereit wäre, es mit jedem Sturme aufzunehmen. Ihre Blätter schauten aus wie Herzen, ihr Geäst glich selbst im Winter, wenn das Laub gefallen war, einer vielgliedrigen Faust. Im Frühjahr versammelten sich Schwärme von Bienen um ihre Wipfel, als ob sie nur darauf gewartet hätten, erneut auf und in den Blüten der Linde zu summen und zu tanzen. Im Winter, wenn die Stürme übers Land gehen, standen die Linden kahl und schweigend, unentwegt auf ihrem Posten; ab und an brach ein morscher Ast herab und stürzte mit dumpfen Laut zu Boden.

Generationen sind dahin gegangen, andere Generationen daraus emporgewachsen, am Ende aber fanden sie sich auf dem Kirchhof wieder, die jungen und die alten. Und die Linden waren Zeugen. Sie standen im Karree, bildeten einen Kreis, stellten einen Hain vor, einen Hain von Linden. Ich erinnere mich noch genau an sie, vor allem an das Rauschen in den Wipfeln, wenn ein Freund oder Verwandter zu Grabe getragen wurde und man im Trauerzug unter ihnen daherschritt. Im Frühjahr und Sommer säuselten die Blätter und Blüten im Wind, im Herbst und Winter knarrten und seufzten die Äste und Zweige todesmüde. »Staub bist du, und zu Staub wirst du zurückkehren.« Hieß es unten am Grabe, droben in den Wipfeln aber rauschte unentwegt die schöne Waldeinsamkeit.

Jetzt aber gibt es nicht eine einzige Linde mehr bei uns auf dem Kirchhof, die letzten wurden vor kurzem gefällt, und über die Gräber streicht nackt und klirrend der Wind. Die eine Hälfte des Karrees war bereits vor mehr als 10 Jahren gefällt worden. Zu alt, zu krank, zu schmutzig, so die Rede damals. Höchste Zeit, die Axt anzusetzen. Der anderen, noch verbliebenen Hälfte bereitete man gegen Ende dieses Winters den Garaus, an einem kalten Februarmorgen. Zu alt, zu krank, zu schmutzig, gemeingefährlich obendrein, von wegen aus der Krone brechender Zacken. Nichts Neues unter der Sonne also.

 

 

Keine Linden auf dem Kirchhof mehr, weder Wächter noch Zeugen, nicht ein einziger Wipfel, der über den Gräbern steht und säuselt. Seitdem wirkt der Kirchhof arg verwaist, scheint kein Kirchhof mehr, keine letzte Ruhestätte, sondern eine Baustelle, die man für die nächste Ewigkeit aufgezogen hat. Es heißt, es würden in absehbarer Zeit neue Linden gepflanzt, Winterlinden, frisch aus der Baumschule, die kaum höher als 20 Meter werden und längst nicht so viel Laub abwerfen wie die alten. Sehr die Frage, ob sie als Wächter und Zeugen taugen. Eher nicht, scheint mir, aber man braucht auch wohl keine Wächter und Zeugen mehr. Der Tod ist uns peinlich. Wozu also lange Kerle auf Wacht? Ein wenig Zierrat und Deko tuts auch. Hauptsache pflegeleicht. – Schöne neue Welt.

tado ink | 21.05.2012 | Frontberichte
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