Die Steine von Judäa

Herman Melville

In den heiligen Schriften lesen wir ziemlich viel von Steinen. Monumente & Sockel von Denkmälern werden aus Steinen errichtet; Menschen werden zu Tode gesteinigt; der Same im Gleichnis fällt auf steinigen Boden. Und wirklich kann es nicht wundernehmen, daß die Steine in der Bibel so eine große Bedeutung haben. Judäa ist eine Ansammlung von Steinen – steinige Berge & steinige Ebenen; steinige Flußbette & steinige Straßen; steinige Mauern & steinige Felder; steinige Häuser & steinige Gräben; versteinerte Blicke und versteinerte Herzen.

Vor dir & hinter dir Steine. Steine zur Rechten & zur Linken. Mancherorts hat man größte Anstrengungen unternommen, um den Boden von diesem Gestein freizubekommen. Hier & dort sieht man Steinhaufen liegen; Steinwälle von ungeheurer Breite wirft man auf, weniger als Grenzmarkierungen, denn vielmehr, um sie aus dem Weg zu räumen. Aber vergeblich: die Entfernung eines Steines bewirkt nur, daß man drei noch größere Steine darunter entdeckt. Es ist wie beim Reparieren einer alten Scheune: je mehr man freilegt, desto größer wird der Schaden. – Die Schuhspitzen der Menschen hier sind durch die Steine völlig zerstoßen. Diese sind selten rund oder flach, sondern scharf, hart & spitz. Nur auf den Straßen wie auf der nach Jaffa, haben sie sich durch den ständigen Reiseverkehr abgeschliffen. – Zur Erklärung dieses Überflusses von Gestein hat man viele Theorien entwickelt. Meine Theorie ist, daß es sich vor langer Zeit irgendein schrulliger König in den Kopf setzte, ganz Judäa zu pflastern, und diesbezüglich Verträge abschloß. Aber als sein Vertragspartner während der Arbeiten mit seinem Geschäft bankrott ging, wurden die Steine einfach auf den Boden gekippt & dort liegen sie nun bis auf den heutigen Tag.

 

Die Steine von Judäa

Steine am Westwall | Jerusalem

 

Es gibt da eine Prophezeiung darüber, daß die Wege bereitet würden für die Rückkehr der Juden, und als die »Gesandten der Kirche Schottlands« in Judäa weilten, machten sie Sir Moses Montefiore den folgenden, höchst zweckmäßigen Vorschlag: man möge für dieses Vorhaben doch die Juden der ärmeren Schichten anstellen – so könne man gleichzeitig die Prophezeiung befördern und die Steine aus dem Weg räumen.

[Herman Melville: Ein Leben. Briefe und Tagebücher, München u. Wien 2004, S. 421f.]

tado ink | 01.04.2015 | Stichijows Papiere
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