Dies ist nicht wirklich eine Zitronenpresse, oder?

Wie das Design zur Kunst aufstieg

Unter den Geschenken, die wir zu Weihnachten erhielten, befand sich eines, das uns spanisch vorkam. Laut Verpackung sollte es eine Zitronenpresse sein, allein weder sah das Ding aus wie eine Zitronenpresse noch auch taugte es wirklich dazu, eine Zitrone oder Orange sauber auszupressen. Mehr als die Hälfte des Safts lief daneben, überall Spritzer, plötzlich sah es in der Redaktion aus wie bei Merkels unterm Sofa. Gewiss: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Pop 'em up wollte es dennoch genauer wissen, immerhin kam das Geschenk aus Italien, und beauftragte eine Expertin, Friederike Krickel, ein Gutachten zu erstellen. Eben traf es ein.

Es gibt Tätigkeiten im Alltag, die ein jeder ausführt, ohne darüber nachzudenken. Sie sind nicht aufregend, prägen nicht die Biografie, sie müssen einfach hin und wieder sein. Zähne putzen zum Beispiel. Oder Wäsche waschen, Eier kochen. Das Auspressen von Zitrusfrüchten zählt auch zu diesen Alltagshandlungen. Diese Verrichtungen werden ausgeführt, weil man durch sie ein bestimmtes Ziel verfolgt: Man will gepflegte Zähne haben, saubere Wäsche, maximal viel Fruchtsaft. Die Handlungen bereiten keinen Spaß, sie sollen Nutzen bringen. Damit dieser Nutzen bestmöglich gelingt, gibt es Gegenstände, die uns einen Teil der Arbeit abnehmen oder erleichtern: Eierkocher, Waschmaschinen, Zahnbürsten, Zitronenpressen. Wir freuen uns, wenn ein neuer Gegenstand auf den Markt kommt, der uns die öden Dinge des Lebens noch ein bisschen mehr abnimmt. Selbsteinparkende Autos, elektrische Zahnbürsten, Kaffeemaschinen mit Zeitschaltuhr. Darin besteht zivilisatorischer Fortschritt.

1990 kam die Zitronenpresse Juicy Salif auf den Markt und vollbrachte eine für eine Zitronenpresse ungewöhnliche Leistung: Sie stellte genau diese anthropologische Konstante, dass Menschen unliebsame Tätigkeiten vermeiden bzw. durch Werkzeuge zu vereinfachen suchen, in Frage. Juicy Salif sieht aus wie ein Science-Fiction-Roboter in Gestalt eines Tintenfisches. Ist aber keiner. Sie wurde von dem französischen Designer Philippe Starck entworfen und wird von der italienischen Haushaltswaren-Firma Alessi produziert und vertrieben. Sie war und ist ein Verkaufsschlager. Der Skandal: Juicy Salif ist nahezu ungeeignet, Zitronen auszupressen! Die Presse hat weder ein Auffanggefäß für den Saft, noch ein Sieb, welches Kerne und Fruchtfleisch zurückhält. Zudem neigen die Aluminium-Füße der Presse dazu, sich in Küchenarbeitsflächen hineinzubohren. Man bekommt beim Nutzen dieser Presse nicht maximal viel Fruchtsaft, sondern eine maximale Sauerei.

Wie kommt es, dass ein Gebrauchsgegenstand, der annähernd unbrauchbar ist, so gut verkauft wird? Wieso wurde diese Zitronenpresse zum must-have einer Generation? Wieso bringen wir Opfer für diese Zitronenpresse, wo wir doch viel leichter und sauberer zu frisch gepresstem Orangensaft kommen könnten?

Schauen wir uns die ruhmreiche Geschichte, den Entstehungskontext und die Karriere dieser Zitronenpresse ein wenig näher an. Es heißt, der Designer Philippe Starck habe den ersten Entwurf von ihr in einer Pizzeria in Italien auf eine Serviette gezeichnet. Der Inhaber der Produktionsfirma, Alberto Alessi, erzählt die Geschichte des Juicy Salif so:

»[Ich erhielt von Philippe Starck] eine Serviette, wie sie in weniger teuren Pizzerien zu finden sind. Auf der Serviette, inmitten einiger undefinierbarer Flecken (wahrscheinlich Tomatensoße), einige Skizzen, Skizzen von Tintenfischen. Sie verliefen von links nach rechts, und je mehr sie nach rechts verliefen, desto mehr ließen sie die unverkennbare Form dessen erkennen, was die umstrittenste Zitronenpresse des gerade vergangenen Jahrhunderts werden sollte. Ja, genau das war passiert: beim Verzehr von Tintenfischen mit darauf geträufelter Zitrone hatte unser Starck endlich seine Inspiration! Juicy Salif war erkoren, die später allen Verteidigern des "Form follows Function" ein wenig Magenschmerzen verursachte. (http://www.philippe-starck.com [08.01.2011])

 

Dies ist nicht wirklich eine Zitronenpresse, oder?

Alessi: Juicy Salif von Philippe Starck | Werbeanzeige 2000 (?)

 

Stark entwarf die Zitronenpresse am Ende einer Zeit, in der grundlegende Umwälzungen auf dem Gebiet des Design stattfanden: Design war nicht länger nur ein Handwerk und Designer mehr als Konstrukteure oder Dekorateure, Design war zur Kunst und die Designer selbst zu Stars geworden. In den 1960er Jahren lautete das Paradigma des Designs noch, wirtschaftlich und rational zu arbeiten, in Orientierung an den Regeln des Kapitalismus. Die Massenkonsumgesellschaft wollte mit Massenkonsumgütern bedient werden, die billig waren und ihren Nutzen erfüllen sollten. Die Aufgabe der Designer war es, die Funktion der Gegenstände in ein möglichst praktisches Äußeres zu verpacken, welches billig herzustellen war, einfach zu transportieren und simpel in der Anwendung. Dass dabei ästhetisch arme, seelenlose Objekte entstanden, stieß der Rebellen-Generation der 1960er Jahre schlecht auf. Design sollte für sie immer auch Emotionen verkörpern, den Menschen ansprechen und eine Bedeutung entfalten, die sich nicht in der bloßen Funktion erschöpft. Der Aufstieg des Designs zur Kunst nahm von hier seinen Lauf.

20 Jahre später war das, wovon man um 1969 herum erst träumte, Wirklichkeit. Die Form unterwarf sich nicht länger der Funktion, diese diente von nun an umgekehrt bloß mehr als Anlass und Basis für die Entfaltung von Formphantasien welchen Zuschnitts auch immer. Designgegenstände avancierten zu Objekten der individuellen Identifikation, wurden von da an als Prestigeobjekte für alle gehandelt und als Kulturleistung verkauft. Die 1980er Jahre waren das „Designjahrzehnt"; das Wort „Design" fand zu dieser Zeit Eingang in die Alltagssprache der Bundesrepublik Deutschland. Geprägt waren die 1980er Jahre von einem radikalen Umdenken innerhalb des Designs. Funktionalistisches Design wurde als langweilig und ästhetisch arm diskreditiert. Stattdessen wurden Spaß und Emotion propagiert.

In Italien schlossen sich junge Designer zu den Gruppen Memphis und Alchimia zusammen. Sie schufen Möbel mit Wiedererkennungswert; die Funktionen der Gegenstände gerieten in den Hintergrund. Nun wurden die Form und die äußere Gestaltung der Objekte zum wesentlichen Merkmal. Gemusterte Stühle, die lustig anzusehen sind, auf denen es aber unmöglich ist, bequem zu sitzen. Oder bunte Regale, deren Regalbretter wild angeordnet sind. Sieht gut aus – aber besonders praktisch oder komfortabel sind die Möbel nicht. Dennoch wurden die Designer zu Künstlern, die ihre Erzeugnisse in Galerien ausstellten und auf Bestellungen versandten.

Die Zitronenpresse Juicy Salif scheint dieses neue Paradigma perfekt zu verkörpern. Trotz ihrer Fehlfunktionalität wurde das Objekt zum Verkaufsschlager. Zu einem Preis von aktuell ca. 60 Euro ist sie für ein Designobjekt auch relativ günstig zu haben (für eine Zitronenpresse ist das relativ viel, wie ich meine.) In zahlreichen Küchen oder Vitrinen „gewöhnlicher" Haushalte ist sie zu finden, ebenso wie in jedem Designmuseum. Zudem ist Starcks Zitronenpresse als Ikone der Jetztzeit zum Gegenstand zahlreicher Diskurse geworden, designtheoretischer, kulturkritischer und sprachphilosophischer Natur. Dies belegen nicht nur ungezählte Feuilletonartikel, sondern auch etliche Publikationen von Wissenschaftlern wie zum Beispiel Umberto Eco.

Es lässt sich also festhalten: Die Zitronenpresse Juicy Salif stammt aus einer Zeit, in der es angesagt war, Design zu besitzen. Design, welches zur Kunst geworden ist und sich von den „gewöhnlichen" Gegenständen daheim unterscheidet. Aber warum gerade diese Zitronenpresse? Warum wurde gerade sie zur Ikone und nicht eines der anderen, häufig nicht minder »verrückten« Gegenstände italienischer Designschmieden? Es scheint, als ob Juicy Salif besser als jeder andere Gegenstand des Design in der Lage ist, den Selbstdarstellungsdrang des Menschen optimal zu befriedigen. Jeder, der diese Zitronenpresse besitzt, muss sich auf Diskussionen und Erklärungen einstellen, jeder, der diese Zitronenpresse besitzt, will sich erklären und Geschichten erzählen.

Die Designer Julie Khaslavsky und Nathan Shedroff sind überzeugt, das Geheimnis dieser Zitronenpresse liege in der Verführung. Sie analysieren das Verführerische bei Starck und führen es auf das Versprechen zurück, das Juicy Salif birgt, das Versprechen, eine gewöhnliche Tätigkeit wie das Auspressen einer Zitrone zu einem außergewöhnlichen Erlebnis zu machen. Damit einher gehe ein zweites Versprechen, das, den Status ihres Besitzers zu erhöhen, da diesem durch den Besitz einer Starckschen Zitronenpresse die Fähigkeit zugesprochen wird, eben diese Eigenschaft des Objekts, seine verführerische Dimension, zu erkennen und zu schätzen. Er demonstriert mit der Presse sozusagen seine Intelligenz. Die Saftpresse lehre uns, dass sogar gewöhnliche Dinge im Leben aufregend sein können und dass Design unser Leben aufwerten kann. Sie lehre uns, dort Wunder zu erwarten, wo sie unmöglich erscheinen – dies alles sind positive Gefühle im Bezug auf die Zukunft.

Wie schafft es jedoch ein Gegenstand, der derart unnatürlich und gruselig aussieht wie ein Kraken-Roboter, uns ästhetisch zu verführen? Schauen wir uns das Objekt genauer an: Es besteht aus zwei verschiedenen Teilen: einem „Kern" und mehreren „Stäben". Diese Teile lassen sich durch mehrere Kontraste beschreiben: dick/dünn, spitz/rund, glatt/aderig, symmetrisch/unsymmetrisch. An der Stelle, wo beide Teile miteinander verbunden werden, entsteht ein sehr spitzer Winkel, der verhindern könnte, dass das Objekt als in sich stimmige Einheit wahrgenommen wird. Tut er aber nicht, denn beide Teile sind aus dem gleichen Material und beide haben eine einheitliche Farbe. Das Ganze glänzt matt und wirkt »cool«, metallisch silbern.

Das Aussehen des Objekts erinnert an verschiedene Dinge: Tintenfische, Aliens, Science-Fiction, Roboter, Raketen usw. Aber nicht an Zitronen! Und schon gar nicht an ein Arbeitsgerät. Die Assoziationen evozieren emotionale Reaktionen wie Angst und Verwirrung, jedoch auch Neugierde, die die Zitronenpresse in ein anderes Ding oder Wesen transformiert und so die Fantasie anregt und dazu verleitet, Geschichten zu ersinnen.

Der Kern ist der Teil, der das Objekt als Fruchtpresse kennzeichnet. Die Form lässt sich bei allen anderen Zitronenpressen finden, die nach demselben Prinzip funktionieren: Die eine Hälfte einer Zitrusfrucht wird auf die Rundung gelegt und durch Kraftaufwand mit der Hand des Benutzers ausgedrückt. Der Saft läuft die Rillen hinunter. Bis zu diesem Punkt ist Juicy Salif eine gewöhnliche, funktionale Saftpresse. Doch nun versagt der zweite Teil von Juicy Salif: Gewöhnliche Saftpressen verfügen als zweiten Teil über ein Sieb und ein Auffanggefäß für die Flüssigkeit. Juicy Salif hat dort drei Stäbe, die die einzige Funktion erfüllen, den Kern zu erheben. Hier hört Juicy Salif auf eine funktionierende Saftpresse zu sein. Und genau in der Diskrepanz zwischen Funktion und Form/Aussehen entsteht die kommunikative Bedeutung, das Narrativ des Objekts: Ein Kunstobjekt in Verkleidung eines Gebrauchsgegenstandes in Verkleidung eines Kunstobjekts.

Juicy Salif eröffnet Paradigmen, die nicht zueinander passen wollen, sie bringt den Kategorienapparat durcheinander: Haushaltsgeräte und irgendwas Richtung Science-Fiction. Auf den ersten Blick ist Juicy Salif ein Science-Fiction-Tintenfisch-Monster, auf den zweiten eine Zitronenpresse. Man ist verwirrt. Auf den dritten Blick ist Juicy Salif schließlich Kunst. Juicy Salif gibt nur vor, ein Gebrauchsgegenstand zu sein, ebenso wie es vorgibt, ein Wesen aus der Zukunft zu sein. Juicy Salif spielt mit den Assoziationen. Dadurch, dass es ein Gebrauchsgegenstand ist, der aufgrund seiner formalen Beschaffenheit als Gebrauchsgegenstand versagt, erscheint es am Ende als Kunst.

In gewisser Weise handelt es sich bei Juicy Salif um eine Um- oder Verkehrung der Ready Mades à la Marcel Duchamp. Duchamp stellte ein Pissoir in ein Museum und wertete es zur Kunst auf. Starck bietet ein Kunstwerk für die Küche an, deklariert es bescheiden als Haushaltsgegenstand, um am Ende dort zu landen, wo Duchamps Pissoir (als Kopie) lange schon steht, im imaginären Museum der Gegenwartskunst.

Juicy Salif verlangt von seinem Betrachter Denkarbeit. Es muss eine intellektuelle Auseinandersetzung stattfinden, die jedoch auch unweigerlich vom Objekt selbst ausgelöst wird. Es kann gar nicht verhindert werden, dass sich der Betrachter Gedanken über das Aussehen und den Sinn und Nutzen des Objektes macht. Unweigerlich muss Stellung bezogen werden. Das Resultat ist entweder, dass man Starcks Zitronenpresse liebt oder dass man sie hasst, je nachdem welche designtheoretischen Grundannahmen man vertritt. Die, die Juicy Salif lieben, stellen sie in eine Vitrine und holen das gute Stück nur zum Saftpressen heraus, wenn sie dabei Zuschauer haben. Damit zeigen sie: „Seht her, ich bin so distinguiert und zugleich rebellisch, ich presse mit Kunst Zitronen aus."

gez. Friederike Krickel

tado ink | 03.02.2011 | Kunstkammer
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