Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck

wolfgang lange

Das Fazit, das er noch auf dem Rückflug gezogen hatte, war nicht eben glänzend ausgefallen: Moskau stinkt, Rußland strotzt vor Dreck.

»Diese verschlafenen Gesichter, ungefegten Zimmer, ungepflasterten Straßen. / Widerwärtig, widerwärtig.« Genau so ist es, genau so, dachte er, immer noch oder längst wieder wie anno 1910, als Wassilij Rosanow dies notierte, der vielleicht brillanteste, gewiß bizarrste Kopf der Zeit –, einer der Experten, auf die er sich verließ, wenn es um russische Zustände geht. Mögen die Zimmer inzwischen auch aufgeräumt sein (kein Hotel, das nicht renoviert wird) –, und doch: vom Personal ein Lächeln zu erhaschen, das kommt in Moskau einem Glücksfall gleich. So sein Resümee. Es war ihm nicht ein einziges Mal passiert. Die Schlaglöcher, mit denen der Asphalt und das Pflaster gespickt waren, ähnelten Kratern (bei Regen wuchsen sie sich zu Teichen aus); sie hinterliessen bei ihm einen nicht minder beunruhigenden Eindruck wie der, den sie auf Reisende und Kaufleute um 1520 machten: die Gassen und Straßen Moskaus, heißt es in einem alten Reisebricht, seien »liederlich tief«; das Gefühl, das ihn während seines Aufenthalts in der neuen und alten Hauptstadt Rußlands zunehmend beschlich und am Ende überwältigte, war das eines gewissen Unbehagens, um nicht zu sagen Ekels. Etwas gefiel ihm an diesem Moskau nicht.

 

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck

Jurij Pimenow: Das neue Moskau | 1937

 

Unwillkürlich fuhr der Blick durchs Fenster über den Hof und schweifte ein wenig im Garten des nachbarlichen Hauses umher. Seit seiner Abreise hatte sich so gut wie nichts verändert. Der Sommer war heiß, immer noch, um einiges zu heiß für die nördlichen Breiten, in denen er zuhause war. Auf der Garage, die den Hinterhof vom Garten trennt, gab es erste kleinere Ansammlungen von Laub. Abgesehen davon aber war es draußen beinahe ebenso grün wie vor der Reise. Der knorrige Birnbaum, der der Garage wie ein Signalmast zur Seite stand und überragte, hatte der Hitze bereits Tribut zahlen müssen. So ein Sommer geht an niemanden ungestraft vorbei.

Er klappte das NoteBook auf, öffnete eine neue Datei und schrieb: »Wenn der Schlüssel Neapels das Poröse ist, wie Walter Benjamin zeigte, und der von Paris irgendwo im Luftigen schwirrt, wie nicht nur ich meine, dann liegt der Moskaus (und damit Rußlands) im Schmutz. Der Schmutz«, fuhr er fort, »ist das Element, in und durch das Moskau leibt und lebt, der Gestank und der Dreck geben den Nährboden ab, auf dem Mütterchen Moskau gedeiht, Arm in Arm mit der Armut und dem Elend östlicher Breiten geht der Glanz und die Pracht und die Herrlichkeit der zur Marktwirtschaft und Demokratie konvertierten Sowjet-Imperiale; sie wächst und gedeiht, wird fetter und fetter. Vielleicht ist Rußland in der Tat mit dem Verstand nicht zu fassen, wie Fjodor Tjutschew dekretierte: ›so wie es ist, so laßt es gehn –‹, die Konsequenz, die der Dichter im Geist der Romantik zog, ist alles andere als zwingend. Denn daß es kein Maß gebe, um die Größe des Landes zu ermessen, man vielmehr an Rußland glauben müsse, um es in seiner Unberechenbarkeit zu verstehen, diese nicht nur in den neoslawophilen Kreisen um Alexander Solschenyzin ungebrochen virulente Überzeugung ist schlicht zu schön, um wahr zu sein. Scheint mir. Eine Mystifikation. Kritisch betrachtet, ein falscher, hausbereiteter Zauber», schrieb er, und weiter: »Moskau als Chimäre. Das kommt dem Chauvinismus der Russen entgegen, ihren maso-heroischen Neigungen, schmeichelt der Eitelkeit und bereitet ihrer Schwester, der Denkfaulheit, das Bett. Wie das? – Fakt ist und bleibt, daß Rußland wenn auch nicht im Dreck versinkt oder am Gestank erstickt, so doch eine befremdliche Liaison mit dem einen wie dem anderen unterhält. Moskau ist zuerst und vor allem ein olfaktorisches Phänomen. Das hat Gründe. Das Kyoto-Protokoll ist von Putin lange nicht unterzeichnet worden (am Ende wohl doch), wer ein Endlager für Atommüll sucht, stößt im Kreml stets auf offene Ohren, vorausgesetzt der Preis stimmt, die »ganze Tundra« ist Augenzeugenberichten zufolge »übersät mit Raketentrümmern«; weite Teile des Hafens von Murmansk dienen der Marine lange schon als Friedhof oder Schrottplatz. Ein maritimes Trümmerfeld. Wie war das bei Rosanow? Ach ja: »Das russische Leben ist schmutzig und schwächlich, doch irgendwie angenehm« (AB 97).«

 

[Fortsetzung: cap. ii]

 

 

tado ink | 12.10.2016 | Stichijows Papiere
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