Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (ii)

wolfgang lange

Alles in allem war er kaum mehr als 10 Tage fort gewesen. Drei Tage Moskau, sieben Tage St. Petersburg, hinzu kam der eine oder andere Ausflug ins Umland der Metropolen. 10 Tage unterwegs in den Weiten Rußlands – eine Stippvisite, nicht mehr.

Die Tannen, die, von Strauchwerk flankiert, wie eine Reihe »langer Kerls« den Garten des Nachbarhauses einfrieden, standen immer noch da, wo sie vor seiner Abfahrt gestanden hatten; verdeckt von ihnen, gefiltert und gedämpft, vernahm er den an- und abschwellenden Lärm der Straße. Über sie hinweg spannt sich die Trasse, auf der wie eh und je in gewissen Abständen ICEs von Ost nach West sputen oder aber umgekehrt, zwischendurch Nahverkehr, und dann und wann ein Güterzug. »Und sehen wir uns nicht in dieser Welt, dann sehen wir uns in ...«.

Er wandte sich wieder den Aufzeichnungen und Papieren zu, die vor ihm lagen. Auf dem Schreibtisch befanden sich jede Menge Notizen mit Beobachtungen und Überlegungen, Skizzen auch, Telefonnummern und Kassenzettel –, nicht zu vergessen, das eine oder andere Gedicht und eine Reihe von Artikeln. Es gab gleich mehrere über die Yukos-Affäre und den Fall Chodorkowski, es gab einen über die Ausstellung des Schwarzen Quadrats im New Yorker Guggenheim (»Kasimir Malewitsch war als Raufbold gefürchtet...«), dazu ein schon etwas älterer Essay mit dem Titel »Rußland im Tarnanzug«, in dem es um Tschetschenien und den Kaukasus ging, über Landstriche, wo mit Leichen Handel getrieben wird und Krieg herrscht –, »ein Mafia-Krieg«, wie in dem Essay betont wurde, »eine Mafia bekämpft die andere, beide wollen Erdöl«.

Unter dem Essay lag ein Gedicht der Sinaida Hippius: »Auf den Straßen weisse Stille. / Und ich hör mein Herz nicht mehr.« Nikolaj Gogols Die Nase, die ihn wie ein Brevier auf der Reise begleitet hatte, ohne daß er doch dazu gekommen wäre, die Erzählung zu lesen, die Nase Gogols also, er schob sie auch jetzt wieder beiseite. Später, später. Nicht so die Abgefallenen Blätter Wassilij Rosanows. Die behielt er im Blick. Er griff zu dem Stapel Kunstpostkarten, die er aus der Tretjakow-Galerie mitgebracht hatte, und ließ sie wie ein Kartenspiel durch die Finger laufen. Stop bei Iwan Schischkin, dem Poeten oder, wie man in Rußland sagt, Recken des Waldes: Morgenfrühe im Kiefernwald (Öl auf Leinwand, 139 x 213 cm).

Es gab zuletzt keine Chance, sich des Gedankens zu erwehren. In der Nase stieg erneut der ätzend faulige Geruch auf, mit dem Moskau ihn bei der Ankunft überrascht hatte, auf der Haut vermeinte er, abermals den Schmutzfilm zu spüren, der ihn wider Lust und Gewohnheit Abend für Abend unter die Hoteldusche getrieben hatte; vor seinen Augen schließlich rollte ein um's andere Mal dieselbe Szene ab: mitten im Gedränge vorübereilender Passanten, kurz vor der Metrostation Barrikadnaja, im Schatten des Volkskommissariats für Finanzen, einer der »Sieben Schwestern«, der mit gezackten, an den Kreml erinnernden Türmen bewehrten Wolkenkratzer à la russe, die seit Stalins Zeiten die Skyline Moskaus beherrschen, mitten im Zentrum der Kapitale also war urplötzlich eine ziemlich große Ratte vor ihm aufgetaucht. Sie hatte sich einfach nur gelassen umgesehen, sich kurz die rechte Vorderpfote geputzt und war dann wieder verschwunden, leichtfüßig im Schatten des Rinnsteins, ab in den nächsten Gulli. Olala, war es ihm, mit einem Anflug von Ekel, durch den Kopf geschossen: was hat die hier verloren, wo kommt die Ratte her und woher nimmt sie die Chuzpe, sich derart unverfroren, gleichsam unter den Füßen der Passanten, die Pfote zu lecken? Im Hause seines Großvaters hatte es geheißen: Wo sich Ratten rumtreiben, gibt es Dreck, und wo es stinkt, da ist etwas faul.

Allein so spricht man nicht, so denkt man nicht –, nicht mehr, das gehört sich nicht, das gilt dieser Tage als unfein, als anstößig, ja empörend. Über Dinge wie Dreck und Gestank sieht man in feineren Kreisen hinweg, auch wenn man innerlich die Nase rümpft. Außerdem handelt es sich, theoretisch betrachtet, um terminologisch schwer zu kontrollierende, metaphorisch verfänglich schillernde Begriffe. Gefährlich wird's, wo sie als Attribute verwandt werden, um die Mentalität gewisser Leute oder einer anderen Kultur zu umschreiben. Man kennt das aus früheren Zeiten, weiß, oder glaubt doch mindestens zu wissen, wo das hinführt. Was sind Dreck und Gestank, so sie nicht im spezifisch hygienischen oder ökologischen Sinne benutzt werden, anderes als Klischees, Versatzstücke eines landes- oder völkertypologischen Stereotyps, das zu den übelsten gehört, die im Umlauf sind? Ist Rußlands Ruf unter den Völkern nicht eh ruiniert? Und jetzt erneut so was: dreckiges, stinkendes Moskau. Typisch deutsch. So spricht Herr Saubermann, der Bio- oder Kärcherdeutsche. Als ob es in Berlin keinen Gestank gäbe, im Februar etwa, wenn der Schnee schmilzt und all die vielen Häufchen wieder zum Vorschein kommen, mit denen Herr und Hund beim Gassigehen das Pflaster zwischen Spandau und Köpenick garniert haben. Liegt denn über Paris, London oder New York kein Smog, findet sich nicht gerade auch in den vielgerühmten Gärten Italiens jede Menge Dreck? Was ist mit Kalkutta, Kairo, Sao Paulo oder Lagos? Vermittelt Moskau, verglichen mit Megalopolen diesen Typs, aber auch in Relation zu gewissen Gegenden Westeuropas und der Vereinigten Staaten, nicht vielmehr umgekehrt einen wunderbar aufgeräumten, geradezu gepflegten Eindruck? Gestank gibt es schließlich überall, Dreck auch.

 

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (ii)

Ilja Sergewitsch Glasunow: Blick auf das alte Moskau | ca. 1979

 

Gewiß, gewiß, dachte er, und doch... Stinkt, oder, wenn man es feiner will, riecht es in Moskau nicht eben doch auf besondere Weise? Wo sonst auf der Welt, von Minsk, Kiev und anderen Städten des ehemaligen Ostblocks abgesehen, gibt es diese exquisite Duftnote, findet sich dieses nur schwer zu taxierende Gemisch aus Kohle-, Benzol- und Acetatabgasen? Und was den Dreck anlangt –, hat es mit ihm und Rußland etwa nicht eine merkwürdige Bewandtnis? Ist er nicht geradezu konstitutiv für das Air Moskaus? Selbst Walter Benjamin sah sich gezwungen, dem Schmutz als einem spezifisch Moskauer Phänomen Rechnung zu tragen, wenn auch auf äußerst verquere und nicht gerade erhellende Manier, wie an dem von ihm verfassten Porträt der sowjetischen Metropole ablesbar. Man muß ja nicht so weit gehen wie der Marquis de Custine, der nach einer grauenhaften Nacht in einer Pilgerherberge in Troizkoi sich überzeugt zeigte, daß »die Russen Ungeziefer trotz der Bäder behalten, die sie brauchen«. Nein, es lag ihm fern, wie ein Franzose des 19. Jahrhunderts über Rußland den Stab zu brechen und Land und Leuten kurzerhand eine von Natur eigene »schmutzige Nachlässigkeit« zu attestieren. Nein, so weit wollte er nicht gehen, so weit wollte er auf keinen Fall gehen. Und doch...

Mitunter freilich kam es ihm so vor, als ginge es auf den Straßen Moskaus um einiges reinlicher zu als an anderen Orten. In Sachen Müll, Abfall oder Unrat, der in die Augen springt, kann die Hauptstadt der Russischen Föderation es jedenfalls leicht mit einer jeden deutschen Fußgängerzone aufnehmen. Keine Kaugummiflecke, die das Pflaster verunzieren, keine Zigarettenkippen oder Papiertaschentücher, keine achtlos weggeworfenen, zerdellt in der Gegend rumliegenden Bier- und Coladosen. Und doch, wie merkwürdig – selbst auf den weiträumigsten Plätzen, wie dem von Surab Cereteli, dem Stardesigner des neuen Moskau, eben erst postsowjetisch adrett und hübsch dekorierten Park des Sieges –, selbst dort schlich sich bei ihm ein um's andere Mal das Gefühl ein, irgendwie im Dreck zu staken, oder weniger drastisch formuliert, sich auf versumpftem Terrain zu bewegen. Unmerklich beinahe, aber spürbar, mal in starker, mal in geringerer Dosis: die beklemmende Nähe oder Präsenz von etwas Schmierigem, Schmutzigem, Dreckigem; als ob die Stadt immer noch von dem heimgesucht wird, das zu bannen sie vor Zeiten angelegt worden war, von jenem matschigen Morast, auf dem Moskau errichtet worden war und den Kenner als das fünfte Element Rußlands betrachten. Selbst wenn über der Stadt ein stabiles Hoch liegt, die Luft klar ist und der Himmel blau, selbst im schönsten Hochsommer kann es einem passieren, daß man von dem Gefühl übermannt wird, auf verschlammten Wegen zu wandeln –, als ob man, statt durch eine Großstadt zu promenieren, plötzlich unter einem tristen Firmament stünde, umwölkt von stinkenden Gasen, sich gezwungen sieht, durch einen Sumpf zu staken, der kein Ende nimmt.

 

[Fortsetzung: cap. iii]

tado ink | 19.10.2016 | Stichijows Papiere
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