Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (iii)

wolfgang lange

Der Horizont war vom Schreibtisch aus nicht zu sehen. Vor ihm erhob sich wie eh und je der Johannisberg im Teutoburger Wald, feucht, dunkel und kühl, trotz der Hitze, die auf und über ihm und dem Hinterhof lag, auf den er schaute. Auf dem Tisch vor ihm lag ausgebreitet der Stadtplan, den er von seiner russischen Reise mit nach Hause gebracht hatte: Moskau City/"Boomtown".

Schnell fand er einige der Orte wieder, an denen er sich in Moskau aufgehalten oder die er doch wenigstens passiert hatte: Kitaj Gorod, das Viertel, an das sein Hotel grenzte, das Rossija, einst das größte der Welt, der Ploszad Revoljutij, die Lubjanka, das Dom Literatow, die Twerskaja und der Cvetnoy Bulvar, die Basilius-Kathedrale, auch die Sperlingshügel, von denen aus Napoleon Moskau erstmals in Augenschein genommen haben soll. Der Kreml blieb ihm allerdings verschlossen. Zutritt nur für Gruppen mit Führer. Er war allein unterwegs, für sich, in geheimer Mission, wenn man so will, ein Tourist und doch auch wieder nicht. Kein Kreml also, nicht einmal den Roten Platz durfte er überqueren. Von der Miliz war das Terrain hermetisch abgesperrt worden. Renovierungsarbeiten, hieß es, wenn man fragte, Terroralarm hingegen gewissen Gerüchten zufolge, die in der Stadt kursierten. Er tröstete sich mit Ansichten aus der Ferne und einer Bemerkung Wenedikt Jerofejews: »Alle sagen: der Kreml, der Kreml. Alle haben mir von ihm erzählt, aber selbst habe ich ihn kein einziges Mal gesehen.« Er auch nicht.

Nach alter Gewohnheit war er wahl- und ziellos durch die Gassen und Straßen der Stadt gezogen, durch Parks und über die Plätze spaziert, an der Moskwa entlang, dann wieder mit der Metro von hier nach da, zur Karte nur greifend, wenn er absolut nicht weiter wußte. Das Weichbild Moskaus hatte ihn verwirrt, reichlich verwirrt; bis zu guter Letzt sträubte es sich, in seinem Hirn eine wie auch immer konturierte, prägnante Gestalt anzunehmen. So aufgeräumt und überschaubar die Stadt sich auf der Karte ausnahm, wie vom Reißbrett gezogen: im Zentrum der Kreml, um den Kreml herum eine Reihe ringförmig angelegter Boulevards, von ihm wegstrebend etliche Stich- und Ausfallstraßen, über die man auf die Prospekte und zu den Außenbezirken der Kapitale gelangt, wie strukturiert auch immer –, im Kopf stellte Moskau sich ihm anders dar, eher wie Berlin, zerstückelt, improvisiert, abstrakt, ein Konglomerat von Altem und Neuem, ein urbaner Komplex, dem eine spezifische Kontur oder Physiognomie abgeht, eine Stadt ohne Antlitz. Eine Art avantgardistisches Gesamtkunstwerk, dachte er. Aus stilistisch disparaten Elementen montiert, verzichtet die Stadt, so kam es ihm vor, scheinbar bewußt darauf, als Ganzes einen besonderen Geschmack an den Tag zu legen. Teils blague, teils Metaphysik, aus Baukörpern komponiert, die aus verschiedenen Epochen stammen, gebärdet Moskau sich wie die Avantgarde: dreist und unverschämt, krass und abstoßend, bisweilen allerdings dann auch wieder reizend und faszinierend –, eine von Natur und Geschichte fingierte, schockartig in Szene gesetzte Dada-Collage, so sein Eindruck vor Ort: Moskau Hyperpolis Superstar.

Eine erste Vorstellung von der Stadt erhielt er ganz in der Nähe des Hotels, in dem er eingecheckt hatte, dem Rossija: Znamenskij sobor, eine kleine, hübsch anzuschauende, altrussische Kapelle entdeckte er dort. Nichts Besonderes, wenn sich um deren golden schimmernde Kuppeln herum nicht eine Hochtrasse gewunden hätte, die dem Hotel Rossija als Paradeeinfahrt zugedacht war, aber wohl schon lange nicht mehr benutzt wurde, wenn sie überhaupt je benutzt worden war. Eine russisch-orthodoxe Kirche mit einer Zementschleife in Höhe ihrer Zwiebeltürme. Ausgesprochen bizarr.

 

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (iii)

Moskau im Jahre 2003 | © wikipedia

 

Wie gesagt: er war allein unterwegs, meistens jedenfalls. Keine Gruppe um ihn, kein Führer, geschweige denn eine der hübschen Hostessen, mit denen Geschäftsleute, Politiker und Universitätsprofessoren aus dem Westen beglückt werden. Dabei ist Moskau für Einzelreisende ein denkbar ungünstiger Ort. Die Stadt lädt nicht gerade zum Flanieren ein, umgekehrt: über weite Strecken glaubt man, die Tektonik der Stadt sei geradezu darauf berechnet, dem Einzel- oder Müßiggänger das Leben schwer, wenn nicht unmöglich zu machen. Kein Ort für kontemplative Naturen. »Wer leben will, muß sich rühren«, heißt es von jeher unter Moskowitern. Joseph de Maistre, der in Gefolge der Französischen Revolution geraume Zeit in St. Petersburg im Exil lebte, meinte eine despotische Staatsform sei für die Russen gerade das rechte, da ihr Charakter sich dadurch auszeichnet, der mobilste, ungestümste und unternehmerischste unter der Sonne zu sein. Da könnte etwas dran sein. Als Fußgänger jedenfalls lebt man gefährlich, nur im Strom der Passanten ist man halbwegs sicher. Sobald man sich des Schutzes der Menge begibt und allein über eine der großen Straßen marschiert, verwandelt man sich in Freiwild.

Für längere Strecken nutzte er die Metro. Sie wurde ihrem Ruf mehr als gerecht. Die Züge gehen im Minutentakt, die Stationen sind von einem erlesen totalitärem Dekor. Sowjetkitsch von Stalins Gnaden. Gut möglich, daß die Metro ihren Teil dazu beitrug, daß das Bild der Stadt ihm im Kopf immer wieder zu einer gigantischen Baustelle zerbröckelte. Die Ausflüge, die er mit Bus und Taxi unternahm, waren weit entfernt, den Mißstand zu beheben. Die Konfusion in Sachen Topographie blieb: Moskau präsentierte sich ihm als eine Stadt mit äußerst diffusen Konturen, ein ausuferndes, scheinbar planlos parzelliertes Terrain: hier ein putzig aufgeführtes Kloster, dort ein imposantes Heiz- und Kraftwerk, eine im Kern leere, sich verbarrikadierende, an den Rändern wild ausfransende Größe, ein in Maßen ungeschlachtes Gebilde. Der Kreml erwies sich, wie gesagt, als »Verbotene Stadt«. »Moskau ist Peking«, hatte er bei Ossip Mandelstam gelesen: »hier triumphiert das Festland [...], hier feiert der Kontinent Eurasien seinen immerwährenden Namenstag«.

Auf den Boulevards und Plätzen herrschte reger Betrieb; es geht wie vor Zeiten geschäftig zu, eifrig, hektisch, gerissen und derb, bisweilen heftig, nicht selten brutal – ein »verrücktes Schauspiel«, mit Mandelstam gesprochen, als feierte Moskau als ein »Basar matronenhafter Breite« dieser Tage seine Wiederauferstehung, als hätte sich die Stadt mittlerweile insgesamt in eine Art Sucharewka verwandelt, in einen einzigen riesigen Marktplatz. Wo ein Grünstreifen ist, gibt es ein Grill- oder Bierzelt, wo immer ein wenig Platz ist, ob in der Nähe einer Kirche oder im Umkreis der Metrostationen, wachsen jede Menge Stände und Büdchen aus dem Boden. Weiter draußen, an der Peripherie der Stadt, an den Ausfallschneisen breiten sich in rasendem Tempo Industrie- und Gewerbezonen aus (IKEA und METRO sind längst da), dazwischen eingekeilt, rührend, jämmerlich anzusehen, die eine oder andere Isba, ein russisches Holzhäuschen, das am Rande der Autobahn verrottet, schäbig im Fahrtwind der vorbei rauschenden Karossen ihr Leben aushauchend –, als handelte es sich um den letzten Dreck.

Von den im Umland aus dem Boden schießenden Villen und Palästen der nouveaux riches bekam er höchstens eine Ahnung; ob sie wirklich derart überladen kitschig sind, wie behauptet, wagte er nicht zu sagen; er hatte sie nur vom Flugzeug aus gesehen, beim Landeanflug auf Scheretmetjewo: wie Modellhäuser lagen sie unten eingebettet in von Teichen und Seen pittoresk durchsetzten Wäldern. Näher zum Zentrum hin stößt man auf Plattenbausiedlungen aus Chrustschows und Breschnews glorreichen Tagen; in ihnen soll es, wie er erzählt bekam, noch um einiges schlimmer zugehen als in den Banlieus von Paris oder in Berlin Marzahn. Nicht einmal als Anwohner sei man sich dort seines Lebens sicher, heißt es. Die Wohnungen und Apartments seien mit massiven, ledergepolsterten Türen und einer Reihe von Schlössern gesichert, als ob es sich bei ihnen um Hochsicherheitstrakte handelte. Ein Tresor nach dem nächsten. Was vor den Hochhäusern als Erholungs- und Begegnungsstätte angelegt worden war, weitläufige, parkähnliche Freiflächen, sei, wie ihm versichert wurde, längst zum »Ödland« verkommen, ein Areal, »angefüllt mit unkrautüberwucherten Aushub, verrottendem Sperrmüll und neuerdings einer fast stündlich wachsenden Zahl wilder Garagen: rostige Container in Form von Hundehütten oder breitmäuligen Stahlmäusen, die man an der Schnauze auf- und über dem schutzbedürftigen Vehikel wieder zuklappen kann«.

Vielleicht muß man sich länger in Moskau aufhalten, länger jedenfalls als drei Tagen, um ein halbwegs objektives Bild von der Stadt zu erlangen, vielleicht ist die Stadt (gleich Rußland) mit dem Verstand zuletzt wirklich nicht zu begreifen, vielleicht muß man Land und Leute über Jahre hinweg erlebt haben, vielleicht muß man immer noch oder wieder mit Fjodor Tjutschew oder Rainer Maria Rilke an die »heilige Rus« glauben – , wer Moskau, wie er, im Fluge anpeilt und durchquert – rasch rein, rasch wieder raus – registriert nur Maskenhaftes, Monströses, Chimärisches, ein hybrides Etwas.

Gut möglich, daß Moskau, wie ihm ein russischer Freund versicherte, vom Äußeren her nicht zu beurteilen ist. Sein wahres Leben, so der Freund, finde im Untergrund statt, abgeschnitten vom Rest der Welt, uterinal gleichsam. Mütterchen Moskau berge einen dunklen Schoß, sei ein spiralförmig sich windender Schlund, warm und feucht, eine Banja gleichsam, eine russische Sauna. Eine Brutstätte für Vampire – von altersher. Er selbst hatte nie viel für das Mütterliche übrig. Vielleicht rührte es daher, daß er dem Freund entgegnete, ihm komme Moskau eher wie eine Kaltmamsell vor, die sich seit Ewigkeiten nicht von der Stelle bewege, dabei immer feister und feister werde. Gewiß, es sei nicht so, als ob die Stadt nicht die eine oder andere Süßigkeit feilbiete, allein sie sondere ja doch auch jede Menge Unrat ab. Von daher sei der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, bei Moskau handele es sich um eine Stadt, die sich mehr noch als andere von den eigenen Exkrementen nährt, mithin von dem lebt, was sie fortlaufend ausscheidet, vom Dreck.

»Moskau«, hatte er in einem Bericht gelesen, den der Habsburger Gesandte Sigmund von Herberstein 1549 verfasst hatte, »so groß und weit es ist, ist sehr schmutzig«. Moskau, dachte er, ist eine nur dem Schein nach dem Westen zugewandte Kapitale, Moskau ist und bleibt ein Dorf –, weniger ein Global Player denn eine im Dreck aufgeführte Imperiale, eine mit allerhand byzantinischen, römischen, sowjetischen Elementen dekorierte Siedlung im Wald, ein mit Lichtspielen und Amüsierbetrieben, Verwaltungs-, Geschäfts- und Wohnfassaden bestücktes Dorf, ein Riesendorf, meinethalben, eine unmögliche Stadt, eine Kapitale Potemkinscher Art.

 

[Fortsetzung: cap. iv]

 

tado ink | 02.11.2016 | Stichijows Papiere
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