Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (iv)

wolfgang lange

Und dann dachte er: Singapur, wenn es einen Ort gibt, dessen Atmosphäre das gerade Gegenteil zu der Moskaus vorstellt, dann Singapur, oder vielleicht besser noch eine der Shopping-malls, die er von Kalifornien her kannte, die Santa Barbaras etwa oder Stanfords. Absolut reinlich, aseptisch nachgerade. Nicht so Moskau. So futuristisch die Kapitale architektonisch scheint, das Klima und die Atmosphäre der Stadt wirken nicht gerade reinlich, erregen, wie die Lebenswelt Moskaus überhaupt, den Verdacht, alles andere als sauber zu sein. 

Moskau liegt nicht am Meer, die »Mütterliche«, die »Gastfreundliche« liegt vielmehr in einer sandigen, mit kleinen Hügel durchsetzten Landschaft; errichtet wurde sie, umgeben von ausgedehnten Sümpfen, Mooren und Wäldern, auf einer Kuppe im Flachland, nah des Zusammenflusses von Moskva und Jauza. Keine klinisch reine Zone also, ein alles andere als steriles Areal. Das Klima Moskaus erfreut sich zwar über Jahrhunderte eines ausgezeichneten Rufes, auch verzeichnen die Chroniken der Stadt, im Gegensatz zu Florenz oder Paris kaum Seuchen wie die Cholera oder die Pest. Allein das besagt nicht viel. Gut möglich, daß die Nähe zum Dreck die Widerstandskräfte der Moskowiter derart stählte, daß sie Virenattacken in ganz anderer Weise wegzustecken wußten als Westeuropäer dazu in der Lage sind. Allein das blieb Spekulation. Was er wußte, wovon er mindestens glaubte, überzeugt sein zu dürfen, war, was die Nase ihm flüsterte. Und das hieß: die Luft Moskaus ist, vom Smog einmal abgesehen, ganz anderer Art als die, die zwischen den Geschäftshochhäusern Singapurs streicht oder aber Downtown Los Angeles weht. Eher »sowjetisch« verstaubt, alles andere als maritim, steppenhaft vielmehr, kontinental eben, nordisch, stark erdig, leicht modrig.

Moskau ragt mit dem Rest des russischen Reiches wie ein erratischer Block aus dem Boden der Geschichte. Kulturell ist die Stadt zutiefst gespalten. Es gibt eine offizielle und eine inoffizielle Seite, eine imperial, Europa und dem Westen zugewandte Front- und Fassadenseite und als Gegenstück dazu eine Kehrseite, die er nicht anders zu umschreiben wußte denn als einen blind in der Gegend rumstehenden, von allen guten Geistern verlassenen Zerrspiegel asiatisch verstaubter Provinzialität. Die eine Seite ist ohne die andere andere nicht zu haben, das Schöne und das Häßliche liegen im Fall Moskaus ganz dicht beieinander; sie existieren gleichzeitig, neben-, mit- und bisweilen auch durcheinander. Moskau, hatte er bei Friedrich von Bodenstedt gelesen, »birgt seine Schönheiten wie eine im Schlamm liegende Muschel ihre Perlen«. Ihm kam es eher so vor, als würfe sie mit Dreck und Gestank nur so um sich, als trieben sich in ihren Gassen und Straßen, unsichtbar naturgemäß, Miststreuer herum, die ausgeschickt worden waren, um durch die Aussaat von Dreck und Kot das Wachstum der Kapitale und ihrer Schätze zu befördern.

Von Redaktionsterminen und Ausflügen ins Umland abgesehen, hatte er drei Tage lang nichts Besseres zu tun gehabt, als sich im Zentrum Moskaus herumzutreiben, vom Norden in den Süden, von West nach Ost, aufs Geratewohl, von einem Ende zum andern –, nur der Kreml blieb ihm, wie gesagt, versperrt. Er war überrascht von den an allen Ecken und Enden plötzlich aufflackernden MTV-Spots; die Leuchtschriften und Lichterketten, die von den Fassaden herab die Straßen des Nachts illuminierten, gaben ihm das Gefühl, in Berlin oder Paris zu sein; er hatte einige der neuen Cafés aufgesucht und sich in sündhaft teuren Restaurants kulinarisch verwöhnen lassen; Großbildschirme, die, an zentralen Plätzen installiert, die Passanten über das Weltgeschehen auf dem Laufenden halten, hatten ihn frech angegrinst; er wäre fast unter die Räder einer Stretchlimo geraten, weil er sich von einer Schönen im Valentino-Kostüm hatte blenden lassen; er wußte, daß mit dem Cash-flow auch der Porno-Bazillus in Rußland Einzug gehalten hatte und es hier Clubs gab, gegen deren Shows die von Las Vegas sich ausnehmen, als seien sie von der Heilsarmee veranstaltet; er war mehr als einmal an den Orten gewesen, an denen »Mütterchen Moskau« sich als Dame von Welt gibt, wo sie sich elegant herausputzt und ihren Reichtum als Kapitale zur Schau stellt, am Manegenplatz vor allem, in dessen Eingeweide auf Geheiß Jurij Luschkows, des quirligen Bürgermeisters von Moskau, ein Einkaufszentrum implantiert worden war, das sich über drei Etagen tief in die Erde schraubt und von einer Kuppel überwölbt wird, die mit ihren Wasserspielen und Skulpturen so etwas wie eine altrussische Märchenlandschaft vorstellen soll (noch ein Werk Surab Ceretelis); er hatte all dies und mehr gesehen, und doch nahm sich die Stadt ganz anders aus als auf den Bildern, die er vom Fernsehen her kannte. Statt wie erwartet als ein die Sinne betörender Wirbel byzantinischer Impressionen, präsentierten die Straßen Moskaus sich de facto weiter grau in grau. Eine Welt irgendwo zwischen Schwarz und Weiß. – Als ob über allem ein aus unsichtbaren Fäden gewirkter Staubschleier läge, ein Vorhang, der sich nicht lüpfen lassen will und dafür sorgt, daß die Gebäude, Plätze und Straßen wie von einer trüben Aura durchschattet scheinen.

 

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (iv)

 

Gut möglich, dachte er, daß das immense Verkehrsaufkommen, das im Großraum Moskau zu verzeichnen ist, seinen Teil dazu beiträgt, daß man das Gefühl nicht los wird, unter einer Art Grauschleier zu wandeln; nicht unwahrscheinlich auch, daß die von der Arbeit und anderen Sorgen gezeichneten, stets ein wenig mürrisch, bedrückt, betrübt oder aber verbittert dreinschauenden Physiognomien der Passanten den Eindruck noch verstärkten –, das Phänomen selbst, das Grau in Grau der Stadt war für ihn damit lange nicht geklärt. Statt auf kontingenten Ursachen wie Smog oder Stress zu beruhen, schien  es ihm, als ob das Dreckige für die Stadt konstitutiv wäre, elementar verankert, ihr Fundament bildetete. – Moskau, so der mehr und mehr sich erhärtende Verdacht, ist von Natur aus Grau, die Menschen, die in der Stadt wohnen und sie bevölkern, sind höchst undurchsichtig, die Verhältnisse total trügerisch.

Die Fliege kam ihm in den Sinn (oder war es eine Maus), auf die er vor Jahren bei der Lektüre von Dostojewskijs »Aufzeichnungen aus dem Kellerloch« gestoßen war und  die in den Aufzeichnungen eine keineswegs zu unterschätzende Nebenrolle spielt, wie er sich zu erinnern meinte; er mußte auch an den Kessel denken, der in einer frühen Erzählung Gogols eine Rolle spielt und, vom Großvater ausgegraben, statt eines Schatzes nichts weiter birgt als »Schmutz, Unrat ... eine Schande zu sagen, was es war«. Vor allem aber erinnerte er sich der Wohnungen und Häuser, in denen die durch Gontscharow sprichwörtlich gewordene Inkarnation der russischen Seele, Oblomow, sich dem Nichtstun, seinen Träumereien und der Liebe ergibt, das Kabinett vor allem, das gleich zu Beginn des Romans geschildert wird und »durch die in ihm herrschende Verwahrlosung und Unordnung« beim Erzähler »einen geradezu bestürzenden Eindruck« hinterlässt. Und er fragte sich, ob nicht die gesamte russische Literaur, von Gogol an über Platonov bis hin zu Wladimir Sorokin, aus nichts anderem besteht als aus einer Reihe grotesk-bizarrer Variationen über das Sujet des Drecks. Vielleicht müsste oder sollte man darüber mal einen Aufsatz schreiben. Dachte er.

Als Klimax einer solchen, anderen Geschichte russischer Literatur kam ihm ein Gedicht in den Sinn, auf das er bei seiner Beschäftigung mit Sinaida Hippius gestoßen war, eine Momentaufnahme russischer Zustände weit über das Jahr hinaus, in dem es verfasst worden war. Post aus dem Petersburger Turm, aufgegeben im Jahr 1918, adressiert an die Leser aller Zeiten und Räume:

Merkwürdig, grobschlächtig, klebrig und schmierig,
Abgestumpft-grausam, ausschweifend, gierig,
Langsam zerreißend, kleinlich und kitschig,
Niedrig, beschämend, engstirnig, glitschig,
Sichtlich zufrieden, scheinheilig-liderlich,
Lächerlich-flach, feige und widerlich,
Sumpfig und schlammig, völlig daneben,
Nichts für den Tod und nichts für das Leben,
Unwürdig, sklavisch, gemein und vereitert,
Schwarz, manchmal grau, zum Grauen erweitert,
Leichenhaft-kalt und jämmerlich-nichtig,
Dämlich, vertrocknet, für keinen mehr wichtig,
Träge, verschlagen, teuflisch, verbogen,
Nicht zu ertragen, verlogen, verlogen!
Doch wissen wir sicher und wollen nicht klagen,
Es wird alles anders in künftigen Tagen.


[Fortsetzung: cap. v]

tado ink | 10.11.2016 | Stichijows Papiere
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