Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (v)

wolfgang lange

Was aber ist Dreck? Materie am falschen Fleck, heißt es, zunächst und vor allem. Dreck ist ein Stück Materie, das sich aus dem Zusammenhang, in den es recht eigentlich gehört, gelöst hat und an einer Stelle begegnet, an dem seine Anwesenheit als ungehörig oder störend empfunden wird. Was Dreck im einzelnen je ist, hängt von den Standards ab, die in einer Gesellschaft angelegt werden. Was geht in Ordnung, was nicht? Ist das wirklich sauber? Am Ende ist vielleicht alles eine Frage der Hygiene.

Sauberkeit verschafft Respekt, und damit Vertrauen, Dreck erregt zumal bei uns Argwohn und Mißvergnügen. Dreck gehört zur Klasse der Dinge, die nicht einfach als unnütz oder überflüssig eingestuft, sondern in der Regel mit einem extrem »negativen Wert« belegt werden. Dreck wirft Probleme auf, signalisiert Unordnung, Ansteckung, Gefahr. Vorsicht also! Beim Wort »Dreck« haben wir es mit einem anderen Ausdruck für Schmutz zu tun, um seine vulgäre Variante, wenn man so will –, eine Metonymie, die in prägnanter Gestalt dem Ausdruck verleiht, was der Begriff Schmutz indiziert. Wie dieser steht Dreck unter Verdacht, den einzelnen oder die Gemeinschaft zu beflecken, sie zu verunreinigen. Mit ihm liiert ist ein ganzer Schwarm von Phänomenen, die zivilisatorisch als verwerflich angesehen werden: Staub, Unrat, Mist, Kot, Dung und Jauche, Müll und Abfall, Schlamm, Moder und Schmiere. Dreck umschreibt das Reich der Exkremente, das der natürlichen und kreatürlichen Ausscheidungen. Dreck assoziiert die schmudelig-unappetitliche Seite des Seins, den Bodensatz oder aber auch Nährboden, auf dem die Gesellschaft agrarisch, industriell, geschäftlich, zivilisatorisch im weitesten Sinne des Wortes tätig ist.

Anthropologen und Sozialwissenschaftler haben den Umgang mit Dreck längst als eine der Konstanten menschlichen Zusammenlebens ausgemacht und als Schlüssel entdeckt, der es erlaubt, die »soziale Kontrolle von Werten« (Thompson) zu studieren. Von jeher steht das Dreckige dem Reinen diametral gegenüber, die Sauberkeit dem Schmutz. Dreck signalisiert eine Art Unordnung, einen inchoativen Zustand der Dinge. Wird dieser nicht behoben, deutet alles auf moralische Verderbnis. Keine Religion ohne Reinheitsgebote und diätetische Regeln, Hygiene-, Nahrungs- und Fastenvorschriften. Dreck nimmt innerhalb religiöser Praktiken, von gewissen Ausnahmebestimmungen abgesehen, den Rang eines Übeltäters ein, den des Verworfenen und Verschmähten.

Konkret betrachtet, in areligiöser oder zynischer Perspektive, ist Dreck natürlich etwas anderes: ein Haufen Materie nur. Nichts weiter. Dreck ist ein Verwandter des Staubes, sein vor allem in nördlichen Breiten sich rumtreibender Vetter gewissermaßen. Wie der Staub so gehört auch der Dreck zur Erde, anders als diesem aber bleibt dem Dreck die Vermählung mit der Luft verwehrt. Ihm fehlt die Feinheit und Leichtigkeit des Staubs, die Unscheinbarkeit auch, mit der dieser in der Regel auftritt. Dreck tritt um einiges unförmiger auf, er wirkt zumeist grob und plump. Obgleich auch Dreck sich von seinem angestammten Ort gelöst hat, bleibt er doch in stärkerem Maße als der Staub dem Boden und der Scholle verhaftet. Nüchtern betrachtet handelt es sich zumeist um einen Haufen dicker klumpiger Erde. Dreck weist zudem eine starke Affinität zu den Exkrementen auf und zum Wasser. Er gehört eher zur bäuerlich-agrarischen Welt oder ins Mittelalter –, wohingegen der Staub wie der Smog Teil der Moderne als einer von Industrie und Technik, Geschäfts- und Autoverkehr beherrschten Welt ist.

Das ist in Rußland nicht anders als sonstwo auf der Welt. Und doch überraschte ihn die Toleranz, mit der man in Moskau der Ubiquität des Drecks begegnet. Vielleicht, sagte er sich, gibt es unter den Moskowitern ja ein wie diffus auch immer geartetes Bewußtsein, obgleich Städter, ein Mensch zu sein, dessen Wurzeln provinzieller Natur sind? Heißt es nicht, wenn man am Pelz des Russen kratzt, komme stets der Muschik zum Vorschein, der Bauer, einer der »Unsrigen«, das Mitglied einer Dorfgemeinschaft? Warum sollte dies beim Moskowiter anders sein? Vielleicht ist ja auch dieser insgeheim immer noch ein Leibeigener vor dem Herrn, und von daher dem Dreck gegenüber ähnlich tolerant wie ein Bauer? Immerhin stammt das Gros der Bevölkerung Moskaus heute aus der tiefsten Provinz oder hat wie Putin seine entscheidenden Erfahrungen auf irgendeinem Hinterhof gesammelt. Vom Adel und der ohnehin schmalen Schicht des Bürgertums ist ja doch nach den »Säuberungen« Lenins und Stalins kaum einer übrig geblieben. Nicht nur der Kreml, ganz Rußland ist, historisch betrachtet, von Parvenues durchsetzt und beherrscht, von Aufsteigern, die den untersten Schichten des Volkes entsprossen sind. Nicht unwahrscheinlich, dachte er, daß Dreck in Moskau auf sentimentale Manier wahrgenommen wird, als nostalgisches Element quasi. Während Abfall und Abgase nach einer Lösung schreien, zur Tat rufen, taugt der Dreck durchaus als Gegenstand von Tagträumereien. Er wird für gewöhnlich nicht unbedingt als gefährlich eingestuft, eher als lästig. Dreck ist Materie am falschen Fleck, wie gesagt. Ein Abhub oder Fragment der mütterlichen Erde, wie man sagen könnte, ein Relikt des heimatlichen Bodens, ein losgetretenes Stück Scholle, ein Souvenir der Vor- oder Urgeschichte.

Hält man sich an bestimmte Quellen, dann geht das Wort Rossia (Russen) auf Rosseia zurück, was übersetzt nichts anderes meint als ein über die Erde »zerstreutes oder ausgesätes Volk« (Herberstein, 23) Noch im 19. Jahrhundert versteht Dostojewskij die Russen als Saatgut, das Gott über die weite Erde geworfen hat. Über den Gebrüdern Karamasoff steht ein dem Johannes-Evangelium entlehntes Motto: »Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch: Wenn das Weizenkorn, das in die Erde fällt, nicht stirbt, so bleibt es allein; stirbt es aber, so bringt es viele Frucht.« (XII, 24) Die messianische Aufgabe, die der späte Dostojewskij dem russischen Volk zusprach, dürfte ihre Wurzeln in der Vorstellung Rußlands als einem, ja dem Ackerboden Gottes haben. Auch der besondere Stellenwert, den die Erde in der russischen Sprache und Kultur genießt, ihre Apostrophierung als mütterlich und friedensstiftend, dürfte auf eben diesen mythischen Komplex zurückgehen. Die Erde ist in Rußland bis heute ein sakrales Terrain, eine Stätte, auf der der Segen Gottes liegt, ein Ort, an dem die Seele Ruhe findet und all das, was sie zu ihrem Wachstum braucht. »Oh mutterfeuchte Erde...« Und noch etwas war ihm zu Ohren gekommen: Eide sollen im alten Rußland dadurch besiegelt worden sein, daß man Brocken von Erde in den Mund nahm und sie gut durchkaute. Man sieht: Nur wer buchstäblich bereit ist, Dreck zu fressen, erwirbt sich und genießt unter Russen Vertrauen.

 

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (v)

Kneeb Wenedikt Kommandor: cave canem | 2016

 

»Der Mensch lebt wie Schmutz und stirbt wie Schmutz.« So lautet eine andere Sentenz, die er aus den Abgefallenen Blättern Rosanows gezogen hatte (AB 221). Er hätte das Wort Schmutz gern durch »Dreck« ersetzt, allein dagegen sperrte sich das Original. So oder so: unüberhörbar schwingt in dem Satz Rosanows das »Memento mori« mit, auf das das Christentum über Jahrhunderte hinweg das Gewissen des Einzelnen vereidigt hatte: »Staub bist Du, Mensch, und zum Staube wirst Du zurückkehren.« (»Memento, homo, quia pulvis es, et in pulveram reverteris.«) Aber wer erinnert sich im Westen noch an Sachen wie diese?

Eine der markantesten Züge der Moderne ist die Elimination ihres christlichen Erbes, erkennbar nicht zuletzt an der Verbannung des Todes aus dem öffentlichen Raum. Man lebt, als gäbe es kein Ende, wiegt sich mit dem Showbizz, der Wellness-Industrie und den Versprechungen der Gentechnik im Traum einer ewigen Jugend. Dabei werden die Menschen immer älter, nicht nur in Deutschland. »Cleanness comes next to godliness«, heißt es in Amerika. Ins Profane gewendet, stellt diese puritanische Formel bis heute eine der Leitlinien dar, die im Prozeß der Moderne zum Tragen gelangt sind. Staub und Dreck werden dem Hoover-Klopfsauger und Meister Proper anvertraut und von diesen ausgemerzt. In kultischen Zusammenhängen, im sakralen Raum des Christentums, in dem Schmutz und Dreck lange eine Ausnahmestellung innehatten, an Aschermittwoch beispielsweise oder an Karfreitag gar Gegenstand eigener Zeremonien waren, spielen sie so gut wie keine Rolle mehr. Als ob Dreck und Staub (wie die Erinnerung an den Tod und die Erbsünde) mit dem Niedergang eines in der Passsion Christi wurzelnden Christentums jegliche Bedeutung eingebüßt hätten. Kein Blut mehr, kein Schweiß, keine Tränen. Homunculi auf einer von Natur aus sauberen Erde. Davon träumt man im Westen.

Anders in Moskau. So wenigstens sein Eindruck. Neben und unterhalb, ja innerhalb des auf modern oder postmodern getrimmten, neuen Rußlands existiert ein anderes, ein archaisches Rußland, um nicht zu sagen »das heilige Rus«. Von daher Moskaus Affinität zu Schmutz und Dreck. So der Verdacht.

Unterstützung erfuhr er durch Mariusz Wilks »Solowjezker Aufzeichnungen«, Betrachtungen über Rußland einst und jetzt. Wilk, vormals Pressesprecher der Solidarnosz, dann lange Moskau- und Berlin-Korrespondent für polnischen Medien, hat unter dem Titel Schwarzes Eis eine wirklich ungewöhnliche Hommage auf Rußland vorgelegt. Von einer aufgrund ihrer Klöster und Strafgefangenenlager berühmt-berüchtigten Inselgruppe aus, den Solowjezki Inseln im Weissen Meer, stellt er Rußland als das dar, was es ist: nicht einfach nur ein Machtblock auf der eurasischen Landplatte, etwas Unmögliches vielmehr,ein Gebilde, dessen Bilder sich schwerlich zu so etwas wie einem Ganzen fügen, eine Figur mit gespaltenem Antlitz. Auf der einen das »Imperium, auf unsicheren Beinen schwankend«, mächtig und ohnmächtig zugleich, auf der anderen immer noch und weiterhin »die Matjuschka, die sich betrunken im Straßengraben wälzt«, eine Hure Byzanz'. »Nach Rosanow«, so Mariusz Wilk, »existieren seit Jahrhunderten zwei Rußlands: Das Rußland des sichtbaren Scheins (im Original widimost – Sichtbarkeit und Schein zugleich) das heißt das Imperium, dessen Gestalt in äußeren Formen ihren Abdruck fand und dessen Geschichte von Ereignisen geschrieben wurde, die einen bestimmten Anfang und ein deutlich gekennzeichnetes Ende hatten; und auf der anderen Seite die heilige Rus oder Matuschka, das Mütterchen, mit nicht faßbaren Gesetzen, unklaren Formen, unbestimmten Tendenzen – die Rus des lebendigen Blutes und unbefleckten Glaubens. Über das erste [...] kann man bei Karamsin nachlesen, während man über die Rus in den Skity der Altgläubigen hören kann. Über das Imperium wird in Moskau und in Petersburg laut gesprochen, während über die Matjuschka nur in den Dörfern und Kleinstädten geflüstert wird.«

Auch wenn er nicht alle Prämissen Wilks teilte, ihm insbesondere heftig in der Annahme widersprach, Rußland lasse sich einzig von der Provinz her angemessen beurteilen –, die Stoßrichtung stimmte. Charakteristisch für die russische Zivilisation ist, daß sie in weit stärkerem Maße als die deutsche in Extreme auseinander fällt. Diszipliniert, reich und mächtig einerseits, stellt Rußland sich auf der anderen Seite doch als unförmig, grotesk und rettungslos verrückt dar. Das eine gehört zum anderen, und doch auch wieder nicht. Es gibt ein Traumbild Rußlands und den Zerrspiegel davon, eine lichte und eine äußerst finstere Seite. Da ist der Luxus und die Moden, ein verschwenderisch leuchtender Byzantismus, da ist aber auch die Not, die Armut und das Elend der breiten Masse. Auf der Schauseite leuchten vor oder hinter der mit gezackten Türmen bewehrten Kremlmauer die goldenen oder kunterbunten Kuppeln orthodoxer Kathedralen, auf der Nachtseite liegen Alkoholleichen in Pfützen, streunen massenhaft Rudel von Hunden über die Straßen und Gassen. An jeder Ecke steht eine Babuschka, die Eingemachtes feilbietet, rund um und vor den Kirchen betteln Alte und Zigeuner um Almosen. Dreck und Gestank gehören mit der Armut und dem Elend zur Welt der Matuschka, das Kapital und die Medien mit dem Kreml zu der des Imperiums. Dazwischen, so seine Erfahrung, gibt es so gut wie nichts. Höchstens Sex.

 

 

[Fortsetzung und Schluß: cap. vi]

tado ink | 30.11.2016 | Stichijows Papiere
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