Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (vi)

wolfgang lange

Der Schatten einer Bewegung draußen vor dem Fenster ließ ihn auffahren. Ah, da ist er ja wieder, der Eichelhäher. Komischer Vogel. Zuweilen kam er und legte kurz Station gegenüber auf dem Birnbaum ein, obgleich er hier unten in der Stadt eigentlich nichts zu suchen hat. Als ein Bewohner des Waldes. Dachte er.

Wie immer nervös, spähte der Eichelhäher argwöhnisch um sich und flog hastig von einem Ast zum nächsten. Was oder wen fürchtet er? Ist er mit seinem feinen blaßroten Kleid und der gezackten Haube unter den Vögeln vielleicht doch nicht der Ritter oder Samurai, als der er ihm beim ersten Anblick erschienen war? Von den Elstern, die wochentags den Hinterhof beherrschen, war gerade nichts zu sehen, die Buchfinken und Meisen, die sich gern in der Esche vor dem Haus herumtreiben und verlustieren, schwiegen.

Was ist Moskau, dachte er, was Rußland? Ist Moskau wirklich der Attraktor, für den einige die Stadt erachten, das metropolitane Kraftfeld, das die Energien des weiten Landes aufsaugt, die Kapitale, die dessen Reichtum bündelt und ihn zum Leuchten und Glänzen bringt? Es sprach einiges für diese Vorstellung, allein sie wirkte auf ihn zu abstrakt, schien ihm nicht elementar genug, um Moskau als Hauptstadt Rußlands in den Griff zu bekommen.

Sein Auge fiel auf den Stapel Kunstpostkarten, den er von seiner Reise mit nach Hause gebracht hatte. Obenauf lag immer noch die Karte mit Iwan Schischkins Morgenfrühe im Kiefernwald. Von den zahlreichen Gemälden in der Tretjakow-Galerie gab es keines, vor dem sich so viele Besucher versammelt hatten wie vor diesem aus dem Jahre 1889. Was Da Vincis Mona Lisa für den Louvre, das ist Schischkins Morgenfrühe für die Tretjakow-Galerie. Dachte er. Im Vergleich zu dem Saal, in dem die Bilder Schischkins hingen, wirkte der, in dem sich das als Meisterwerk opulent in Szene gesetzte Monumentalgemälde von Ilya Repin befindet, die Festsitzung des Staatsrats, gelinde gesagt, verwaist.

Er hatte sich augenblicklich in das Bild verliebt, vielleicht auch weil es alles andere als modern im avantgardistischen Verstande des Wortes wirkt. Wenn die Gottesmutter von Kasan, so der zur Verteidigung seiner Passion ersonnene Gedanke, als die Ikone des orthodoxen oder offiziellen Rußlands anzusehen ist, dann ließe sich Schischkins Morgenfrühe als eine Art Gegenbild dazu deuten, als Inbild einer ins Häretische oder Profane gewendeten Rus. Es handelt sich um ein Genrebild. Gezeigt wird eine Bärenfamilie, die sich früh am Morgen über eine durch einen Sturm- oder Blitzschlag zerbrochene Kiefer hermacht und sich an dem Getier labt, das unter seiner Rinde haust. Schauplatz des Geschehens ist ein bis zum Horizont und weiter reichendes Gehölz. Die Strahlen der aufgehenden Sonne erreichen eben die Baumwipfel, in der Tiefe des Waldes lichtet sich der Dunst der Frühe. Eine Bärenfamilie beim Frühstück, ein Genrebild, kaum mehr: eine, wenn nicht die Urszene der russischen Familie.

 

Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck (vi)

Iwan Iwanowitsch Schischkin: Morgenfrühe im Kiefernwald | 1889

 

Nachdem er das Gemälde in der Tretjakow-Galerie entdeckt hatte, stieß er wiederholt auch in anderen Zusammenhängen auf das Motiv. Schischkins Bärenfamilie begegnete ihm in Moskau plötzlich allerorten, auf T-Shirts, Lackdosen, Schokoladenpapier oder aber verfremdet auf dem Titelblatt einer Zeitschrift. Pop-art avant la lettre, dachte er, eine wahre Ikone russischer Trivialkultur. Wie die unter Russen extrem ausgeprägte Lust am Pilzesammeln, so ist vielleicht auch die Popularität von Schischkins Bild als Indiz für die Bindung der russischen Mentalität an präzivilisatorische Verhältnisse zu nehmen. Immerhin setzt diese sich bis in die Nationalökonomie fort. Fast achtzig Prozent des Gesamtwertes der an der Moskauer Börse notierten Unternehmen entfällt auf Branchen wie Öl, Gas und Edelmetalle. Mit anderen Worten: wenn es einen Motor der russischen Wirtschaft gibt, dann lebt dieser wie die Bärenfamilie auf Schischkins Gemälde von der Ausbeutung, dem Konsum und dem Vertrieb von Rohstoffen.

Allein das interessierte ihn bei der Betrachtung des Gemäldes nur am Rande. Weit mehr als die mentalitätsgeschichtlichen Schlüsse, die das Gemälde provoziert, faszinierte ihn einer der kleinen Bären, die das Schischkinsche Idyll bevölkern, der dritte im Bunde, um genau zu sein, ein drolliger Fatz, der ein wenig abseits steht – um einiges niedriger postiert als die im Zentrum des Bildes eifrig mit der Ausweidung eines Kiefernstammes beschäftigten Geschwister. Dem Betrachter den Rücken zukehrend, steht er, verwundert, aufrecht auf der abgebrochenen, rechts unten aus dem Bilde fallenden Föhre. Eine Art Oblomov, dachte er unwillkürlich, ein russischer Träumer, dessen Gedanken sich, erstaunt und verzückt durch das Spiel des Sonnenlichts, zwischen den Wipfeln der Bäume in der Ferne verlieren. Es scheint, als habe er darüber alles Andere vergessen, nicht nur das Fressen, sondern auch den Dreck, in dem er steckt, und die Gefahren, die hier draußen auf ihn lauern. Aber das macht nichts. Nitschewo. Die Bärenmutter, vorn im Bild, sichert das Revier. Und das mit aggressiver Gebärde.

 

 

Literatur:

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Walter Benjamin: Moskauer Tagebuch, Frankfurt am Main 1980.

Sigrun Bielfeldt: Moskau. Der literarische Führer, Frankfurt/M. u. Leipzig 1993.

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Boris Groys: Die Erfindung Rußlands, München u. Wien 1995.

Boris Groys: Die Stadt im Zeitalter ihrer touristischen Reproduzierbarkeit, in: Osteuropa 53 (2003), S. 1378- 1385.

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Kerstin Holm: Das korrupte Imperium. Ein russisches Panorama, München 2003.

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August von Kotzebue: Das merkwürdigste Jahr meines Lebens. Als Verbannter in Sibirien (1801), hrsg. v. Hans Schuhmann, Zürich 1989.

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Ossip Mandelstam: Das Rauschen der Zeit. Gesammelte „autobiographische" Prosa der 20er Jahre, übtrg. u. hrsg. v. Ralph Dutli, Zürich 1985.

Moskau. Menschen, Mythen, Orte, hrsg. v. Monica Rüthers u. Carmen Scheide, Köln 2003.

Anatoli Pristawkin: Einundvierzig Stufen in die Hölle. Rußland im Tarnanzug: Beobachtungen eines Schriftstellers an der Front des Tschetschenien-Krieges, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 60 (11. März 1995).

Heddy Pross-Weerth: Moskau. Von der Siedlung im Wald zur Kapitale einer Weltmacht, Frankfurt/M. 1980.

Reise nach Moskau. Aufzeichnungen und Berichte 1526-1972, hrsg. v. Klaus Kuntze, München 1980.

Hans-Peter Riese: Gefangen vom Schwarzen Quadrat. Das Guggenheim-Museum in New York präsentiert den Suprematismus als die goldene Periode im Werk von Kasimir Malewitsch, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 177 (2. August 2003), S. 33.

Wassilij Rosanow: Abgefallene Blätter. Prosa, übtrg. v. Eveline Passet, Frankfurt/M. 1996.

Wassilij Rosanow / Friedrich Gorenstein: Abschied von der Wolga, hrsg. v. Sonja Margolina, Berlin 1992.

Wassilij Rosanow: Solitaria. Ausgewählte Schriften, übtrg. v. Heinrich Stammler, Zürich 1985.

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Karl Schlögel: Moskau und Berlin im 20. Jahrhundert. Zwei Stadtschicksale, in: Osteuropa, 53 (2003), S. 1417- 1433.

Irina Schuwalowa: Iwan Schischkin. Recke des russischen Waldes, Bournemouth u. St. Petersburg 1996.

Vladimir Sorokin: Schlafen. Kleiner Versuch über Rußland und seine große Müdigkeit, in: Neue Zürcher Zeitung Nr. 230 (4./5. Oktober 2003), S. 45f.

Michael Thompson: Die Theorie des Abfalls. Über die Schaffung und Vernichtung von Werten, Stuttgart 1981.

Mariusz Wilk: Schwarzes Eis. Mein Russland, Wien 2003.

 

 

[Bei dem hier publizierten Text handelt es sich um die leicht überarbeitete Originalfassung eines Artikels, der in redigierter Form vor mehr als zehn Jahren bereits publiziert worden ist: ›Diesseits des Kremls: Moskau im Dreck‹, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 59 (2005), S. 93-104.]

tado ink | 07.12.2016 | Stichijows Papiere
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